Was tun, wenn man als lebenslang unbeirrter Linker nicht mehr weiß, was das ist? Der Ressort-Autist blickt in die eigene Vergangenheit und entdeckt Irrtümer und Missverständnisse zuhauf. Feststellungen zu Babler mit Exkursen nach Persien und Nicaragua.
Den Leser mit den Identitätsproblemen des Schreibers zu behelligen: Das ist prinzipiell das, was Analphabeten ein „No-Go“ nennen. Heute kann ich Ihnen den Vorgang nicht ersparen. Nicht etwa meine Identität als Ressort-Autist wankt. Die sitzt wie in Bet0n gegossen. Aber die Identität als Linker. Nie wird mein Herz anderswo als auf dieser Seite schlagen.Nur was ein Linker ist, das weiß ich täglich weniger.
Lassen Sie mich bei der Selbsterforschung mit dem beginnen, was wir in unserem Minimundus mit der Causa prima verwechseln: der Regierungskrise mit dem angeblichen Machtkampf um die SPÖ. Ich bin Babler gleich mit Sympathie begegnet. Seine Bewerbungsrede auf dem Parteitag im Juni 2023 war mitreißend. Ihn heute als wirren, hektischen Anti-Rhetoriker zu qualifizieren, ist definitiv unrichtig. Und n0ch mehr als er selbst hat mich von ihm der Gegenkandidat überzeugt, Doskozil mit seiner Opportunisten-Entourage.
Babler war der Letzte, der Anfang 2025 von den Regierungsverhandlungen aufgestanden ist. Wogegen uns die Neos, die sich jetzt als außen- und bildungspolitische Zeitbomben positionieren, fast den Volkskanzler ins Amt gezickt hätten.
Wie Babler SP-Chef wurde
Babler und der von ihm bestellte Finanzminister haben mittlerweile im engst begrenzten koalitionären Raum ein paar sozialdemokratische Ansätze verwirklicht. Leider ist realistischerweise auszuschließen, dass sie explizit dem Wiener Sozialstadtrat Hacker (einem tatsächlichen Linken) beipflichten könnten: Die 1992 erlassenen Maastricht-Kriterien seien nach Corona und im Angesicht der Weltverhängnisse „neoliberale Modelle für die Mottenkiste“. Kreiskys Wort „Mir bereiten ein paar Milliarden Schilling Schulden weniger schlaflose Nächte als ein paar hunderttausend Arbeitslose“ gefällt mir täglich besser. Und wohin uns (und ihn) Grassers Nulldefizit-Halluzinationen geführt haben, kann er u. a. heute mit der Designer-Fußfessel von Swarovski reflektieren.
Zurück zur Genesis des Babler’schen Parteivorsitzes. 2016 wurde der souverän regierende Kanzler Faymann – einer vom vernünftigen, pragmatischen Schlag Michael Ludwigs – auf dem Rathausplatz aus dem Amt gepfiffen. Weshalb? Wegen seiner überfälligen Bedenken zur Flüchtlingspolitik, die heute Mindeststandard sind. Von wem? Von „den Linken“. Ins Amt gepfiffen haben sie den Betreiber des Putschs, den Eisenbahndirektor Christian Kern, gegen den ich nach den Kriterien des Links-Seins Che Guevara bin. Als ihm nach eineinhalb Jahren Kanzlerschaft der Kern für Wohlhabende, Sebastian Kurz, den Meister gezeigt hat, da hat er sich blamabel davongemacht.
Übernommen hat unter kompliziertesten Umständen Pamela Rendi-Wagner. Doch als sie die Partei 2022 mit 30 Prozent an die Spitze der Umfragen pilotiert hatte, begann der nächste Selbstdarsteller zu sabotieren: Doskozil veröffentlichte aus seinem 301.311-Untertanen-Königreich Umfragen, denenzufolge er noch bessere Werte hätte. Er gab so lange keine Ruhe, bis ihn seine dilettantische Gefolgschaft fast ergebniskonträr an die Parteispitze geputscht hätte. Gewonnen hat aber Babler.
Wenn Sie, ob links oder nicht, sich noch auskennen, nehmen Sie mein aufrichtiges Kompliment entgegen
Nicht alles rechtens mit Babler
Alles rechtens also mit dem Vizekanzler, der erklärter- und erwiesenermaßen „ein Linker“ ist? Mitnichten, obwohl er mir als das geringste im Angebot stehende Übel erscheint. Denn eine unqualifizierte Ex-Politikerin gegen kundige Bewerber an die Spitze der Bundestheater zu befördern: Das ist die Art der versteinerten Apparatschiks. Dass er dafür seine Sozialministerin nicht bewegen kann, das Zuverdienstverbot für temporär Arbeitslose aus dem Kunstbereich zu lockern: Das verrät viel über den Stellenwert der Kultur innerhalb der SPÖ.
Und selbst das sind Marginalien, verglichen mit dem antisemitischen Wahnsinn, der „die Linken“ befallen hat. Stellen Sie sich vor: Die Kultusgemeinde feiert gerade Chanukka, da trifft ohne Vorwarnung die Nachricht ein, die SPÖ habe den Palästinenserstaat anerkannt. Diese Art irrationaler Verklärung war schon anno Kreisky „linker“ Standard. Aber die heutige perverse Terroristenverherrlichung wurde nicht einmal Arafat zuteil.
Oder als 1979 der Schah von Persien gestürzt wurde: Was haben wir „Linken“ von der Arbeiterzeitung gejubelt! Aber die alten Leser, die noch die Klerikalfaschisten der Zwischenkriegszeit erlebt hatten, fragten nach: Ob wir noch bei Sinnen seien, den reaktionären Pfaffen zu applaudieren? Das Resultat ist geläufig: Dem Schah, einem Schurken, ist Schlimmeres gefolgt.
Und der Revolutionsheld!
Noch eine Anekdote gefällig? 1985 brach ich als sehr „linker“ Redakteur mit einer SPÖ-Delegation nach Nicaragua auf. Es galt, die sandinistischen Kohorten zu unterstützen, die den faschistischen Diktator Somoza bezwungen hatten. Wie staunten wir da, als wir auf einer Gstettn bei León den Festlichkeiten zum Nationalfeiertag beiwohnten: Gerade eine Handvoll Zwangsakklamierer bedankte mit dem faden Auge den Revolutionshelden Präsident Daniel Ortega, während wir uns heiser schrien. Dann erfuhren wir, dass die Sandinisten die Miskito-Indianer zur Zwangszivilisierung aus ihren Hütten in Steinhäuser gezwungen hatten, was viele siechen und sterben ließ. Und heute? Regiert Ortega immer noch und ist einer der übelsten Diktatoren der Region.
Und ein Spitzenkandidat für eine weitere Trump’sche Säuberungsaktion, so wie auch der „Linke“ Maduro und die iranischen Mullahs. Fragt sich nur, wer endlich Washington überfällt und Trump verhaftet. Wenn Sie, ob links oder nicht, sich da noch auskennen, nehmen Sie mein aufrichtiges Kompliment entgegen.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 3/2026 erschienen.







