Weil ich Ihnen ja immer gern etwas erzähle, das andere nicht wissen: Vor mir liegt das Konsensmodell in der Causa Latein. Es nimmt fast alles zurück, was der Bildungsminister wollte. Das gibt Hoffnung, dass die Bildung gegen politischen Unverstand gestärkt ist.
Das Dokument, das der Bildungsminister vergangenen Montag präsentieren wollte, liegt vor mir. Es ist von der „AHS-Eltern-Lehrer:innen-Direktor:innen-Vertretung“ unterzeichnet und gibt sich höflich als „gemeinsamer Vorschlag zur nachhaltigen Verankerung von KI, Demokratie- und Medienbildung an den Oberstufen der Gymnasien“ zu erkennen. Ist aber in Wahrheit ein durch barmherzige Verbalbenotung abgemildertes Fünferzeugnis für krachendes politisches Scheitern.
Sie erinnern sich: Ende Jänner ließ Neos-Minister Wiederkehr verlauten, es werde künftig „den toten Sprachen an den Kragen gehen“: Der Lateinunterricht werde um ein Drittel, von 12 auf acht Stunden, gekürzt, die freiwerdenden Ressourcen sollten den neuen Fächern KI sowie „Medien und Demokratie“ einverleibt werden.
Und jetzt? Ist davon so gut wie nichts geblieben. „Medien und Demokratie“ kann wahlweise als Zweistünder ODER schulautonom als Querschnittmaterie in etablierten Fächern angeboten werden. Internen Umfragen zufolge wird die bürokratisch überdrehende Variante Nummer eins aber von kaum einem Direktor gewählt. Deshalb ist auch die verbindliche Untergrenze von jetzt zehn (nicht acht!) Lateinstunden Theorie: Die zwölf Stunden sind de facto fortgeschrieben. Lediglich das Fach Informatik soll, um KI ergänzt, von einer Stunde auf zwei erweitert werden. Woher er die Stunde nimmt, entscheidet der Direktor.
Minimalinvasiv
Die ÖVP hat dem Minister sogar diese Art minimalinvasive Gesichtspolitur lang verweigert. Als Wiederkehr dem Ministerrat das Papier außer Programm unterjubeln wollte, lehnte der Koalitionspartner ab. Angeblich hat man sich jetzt doch verständigt. Aber die Pressekonferenz des Ministers wurde undatiert verschoben, die kuriose Sondersitzung des Parlaments gab den Vorwand.
Weshalb mich das Thema derart echauffiert, wollen Sie wissen? Weil es eine schon beinahe erloschene Hoffnung weckt: die der machtvollen Rückkehr der Elite in die gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse. Kaum nämlich hatte Wiederkehr Ende Jänner mit seiner Ankündigung ein paar Populismuspunkte abgreifen wollen, fing er sich ein Debakel ein, das in solcher Intensität zuletzt 2020 die grüne Kunststaatssekretärin Lunacek aus dem Amt expediert hat.
Binnen weniger Tage nämlich verabschiedete die künstlerische, wissenschaftliche und intellektuelle Elite des Landes – mit drei Nobelpreisträgern an der Spitze – eine Gegenresolution, die es sofort auf Titelseiten und in die großen Nachrichtenformate schaffte. Das Thema hat sich seither nie verabschiedet. Erst am Montag veröffentlichte der Standard den mindestens zehnten bildungspolitischen Gastkommentar. Und am Freitag zuvor erreichte der Satiriker Peter Klien 150.000 Seher, als er den Minister durch das ORF-Format „Gute Nacht, Österreich“ jagte. Bei Redaktionsschluss hatten 41.600 die Resolution unterzeichnet. Das ist ziemlich genau die Teilnehmerzahl der blamablen Suggestivumfrage, mit der Wiederkehr seine Absichten legitimieren wollte. Obwohl das Wort „Latein“ gar nicht im Fragenkatalog stand.
Die Elite als Verbündete der Expertise ist zurück. Das Mittelmaß hat verloren
Das Glück, die Elite zu haben
Der Zuspruch der Elite hat dann auch die Fachwelt ermutigt, die unter politischem Dilettantenzugriff schon fast resigniert hatte: Seit dem Rücktritt der Lehrplangruppe, die den Wiederkehr’schen Unfug exekutieren sollte, war der Minister ganz allein mit sich selbst.
Expertise und Exzellenz, unbeeindruckbar vom sich ausbreitenden Mittelmaß: Das wäre die Idealbesetzung für alle Belange der gesellschaftlichen Veränderung. Beide erleben gerade keine guten Zeiten. Aber beide sind jetzt zumindest bildungspolitisch gestärkt.
Entscheidende Funktion kommt dabei der Elite zu – diesem Außenfeind aller Mittelmäßigen: Alte Achtundsechziger verstehen sich diesbezüglich mit Kickls Schlägern. Aber ebenso mit Opfern aus der Bildungsgeneration Gehrer, die allmählich in die politischen Ämter drängen. Sie stiften parteienübergreifendes Unheil, weil sie Qualität nicht mehr identifizieren können und bei tölpelhaftem Moralisieren Zuflucht suchen müssen. Jeder zweitklassige Schauspieler, der sich bei der Arbeit einer „Atmosphäre der Angst“ ausgesetzt wähnt, kann heute einen erstklassigen Regisseur von links in Bedrängnis bringen. Die Salzburger Landeshauptfrau Edtstadler wiederum, die per Geilomobil die Festspiele ins Chaos pilotiert, weil der Intendant zu wenig „Wohlverhalten“ gezeigt hat, steht für die Rückstände des Systems Kurz.
Jelinek als Kickls 5. Kolonne?
Und Wiederkehr? Versteht nicht, wie sich „die Linksintellektuellen“ als Fortschrittsfeinde betätigen können. Konträr hatte Ex-Neo Strolz, dem beim unkonsensualen Bäumeumarmen vermutlich ein Ast über den Kopf gezogen wurde, die 100 Manifestunterzeichner als FPÖ-Spießgesellen identifiziert: unter ihnen generationenübergreifend Elfriede Jelinek, Robert Menasse, Milo Rau, Vea Kaiser und Felix Kammerer.
Man darf das beiden nicht übelnehmen: Sie verstehen tatsächlich nicht, dass Bildung und Ausbildung scharf gegensätzliche Lebensentwürfe sind. Neoliberaler Kompetenzdrill erzeugt funktionstüchtige Idioten. Bildung, die den Blick über Jahrtausende richtet, immunisiert gegen Instrumentalisierung, exemplarisch nach Art der Wiederkehr’schen Schwafelumfrage.
Deshalb interessiert es mich auch nicht, ob Latein Eselsbrücken zu romanischen Sprachen schlägt. Oder ob klassische Musik irgendwelche Synapsen aktiviert.Es geht schlicht um das, was Wiederkehr nicht versteht.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.





