Heinz Sichrovsky seziert die Latein- und Fremdsprachenreform von Christoph Wiederkehr, die Kommunikationspannen der NEOS – und den wachsenden Protest von Nobelpreisträgern bis zur Online-Community.
Dass hier das Herz der Bildungsreform hämmert, inkl. radikaler Entrümpelung der lästigen Orthografie: Das erhellt bereits der flüchtige Blick auf das Konvolut. „Vielen Dank für deine Teilname!“, radebrecht der Umfragezuständige des offiziellen Web-Auftritts der Bundes-NEOS. Jauchzt hier noch das Herz des Ironikers, so wird die Causa bei näherer Betrachtung ernst, sehr ernst sogar. Was da nämlich, beantwortbar von jedermann, abgefragt wurde, waren die von Bildungsminister Wiederkehr (NEOS) erfundenen neuen Fächer, um derentwillen jetzt der Latein- und der Fremdsprachenunterricht bluten sollen.
Das Resultat:
„Die neuen Fächer sind eine gute Idee“: 3 %
„Man sollte den Lehrplan so lassen, wie er ist“: 91 %
„Die neuen Fächer sind ok, aber die Stunden sollten anders verteilt werden“: 6 %


Ein Screenshot der verschwundenen Umfrage
© ScreenshotDie Umfrage verschwand allerdings wie von Zauberhand von der Homepage, als Wiederkehr namens des Ministeriums die bekannte Gegenversion präsentierte: Mit Mehrheiten jenseits der 70, ja 80 Prozent hätten sich Lehrer, Schüler und Eltern dafür erklärt, „durch Kürzungen bei bestehenden Lehrinhalten Platz für neue Unterrichtsthemen zu schaffen“.
Was nun? Hat Wiederkehr am Ende mit schwammigen Suggestivfragen eine ihm nicht genehme Umfrage konterkariert und dafür das gern genommene Steuergeld verwendet? Ebenso spurlos sind die Einwände gegen dieses Vorgehen verschwunden, sie wurden „in der Sichtbarkeit eingeschränkt“, wie das im Digital-Latein (!) heißt.
In den sozialen Medien kam das Manöver jedenfalls übel an: „Ist das noch demokratisch? Wo ist Ihre Kritikfähigkeit geblieben, @chriswiederkehr?“, fragte einer von sehr vielen, die sich auf so gut wie allen Kanälen meldeten. Nun fragen sich manche, ob ein solches Vorgehen nicht noch deutlicher zu bewerten wäre als z. B. die Entscheidung des Staatssekretärs Schellhorn für ein unter dem Strich günstigeres Dienstauto.
Prominente Delegation beim Minister
Derweil fand am heutigen Dienstag (10. Februar 2026) ein interessanter Termin im Bildungsministerium statt. Um neun Uhr rückten sie als kompakte Delegation ein, um der Petition gegen die Beschränkung des Latein- und des Fremdsprachenunterrichts Nachdruck zu verleihen: Die Autoren Vea Kaiser (selbst klassische Philologin), Gerhard Ruiss (als Branchenvertreter) und Ludwig Laher (der auch Pädagoge ist) waren gekommen, die Literaturwissenschafterin Daniela Strigl, die junge Pädagogin Isabell Wöhrer und die Kommunikatorin Nina Hoppe, Initiatorin der Petition.
Die rollt mitsamt einer mächtigen Medienwelle unaufhaltsam auf den Politiker zu, seit bald einer Woche werden es Minute für Minute mehr: Wenn Sie das lesen, werden bald 36.000 unterschrieben haben. Sie schließen sich den Nobelpreisträgern Jelinek, Handke und Zeilinger an, Spitzenmedizinern, der Elite der Literatur, Heinz Fischer und Franz Vranitzky. Die Aufmerksamkeit hallt sprachraumweit, die Blamage für die Politik ebenso.
Und die Reaktion? Der Minister habe entschieden, erfuhren die Eingeladenen, und in der Tat: Da kann ja jeder hergelaufene Nobelpreisträger des Weges stolpern und dem großen Wiederkehr den Gehorsam verweigern!
Lassen Sie jetzt bitte nicht los, sollten Sie noch nicht unterschrieben haben.
Ein konfuses Reformprojekt
Gefordert wird die Rücknahme eines konfusen und dilettantischen Reformprojekts: Statt 12 Stunden sollen in der gymnasialen Oberstufe nur noch acht Stunden Latein gelehrt werden. Pläne, auch noch die zweite lebende Fremdsprache neben Englisch (z. B. Französisch, Italienisch, Spanisch) zu kürzen, betreffen nun offenbar die wirtschaftskundlichen oder die naturwissenschaftlichen Realgymnasien: Sie verlieren je zwei Stunden Latein bzw. lebende Fremdsprache. Haben dann aber immer noch zehn Stunden Latein, während die Sprachaffinen auf acht gekürzt sind!
Das blanke Chaos ist das, und es setzte sich in der inferioren Kommunikation fort. Erst blies sich der Minister auf, als sei der Bildungspionier Pestalozzi (1746-1827) auferstanden. Als die besten Köpfe des Landes Einspruch erhoben, stotterte die Nomenklatura etwas von ohnehin nur 22 Prozent betroffener Gymnasien. Um dann zu beschwichtigen, dass fast alle Schulen autonom gern auch mehr Latein anbieten könnten … eine Blamage des Nichtverstehens.
So hatten die Petenten auch die Wiederaufwertung des Literaturunterrichts gefordert, der seit Einführung der Zentralmatura zugunsten von Leitartikeln und Leserbriefen hinuntergefahren wird. Aber die Reaktion der ministeriellen Pressestelle bewies, dass der Minister von der gesamten Debatte überhaupt nichts mitbekommen hatte. Und das nach fünf Jahren als Wiener Bildungsstadtrat, in deren Verlauf das Ressort nicht just durch Blühen aufgefallen ist.
Bildung vor Ausbildung
Es geht nun um Grundsätzliches: nämlich um die neoliberale Gewissheit, bei Platzbedarf habe Bildung zugunsten der Ausbildung entsorgt zu werden. Dabei muss gar nichts weichen, um die Materien Demokratie, Medien, Bildung, KI zu kommunizieren. Ich zum Beispiel habe für mein Berufsleben von nichts so profitiert wie von meinen Stehplatzjahren in der Oper und von den vier Jahren Altgriechisch im Wasagymnasium. Die von mir einzig benötigten Grundrechnungsarten habe ich mir allerdings schon in der Volksschule angeeignet. Alles Folgende, auch in Physik und Chemie, konnte ich zu quasi 100 Prozent nicht verwerten. Dennoch fiele mir nicht ein, dieses bedeutende Bildungsgut einschränken zu wollen.
Aber so wie die klassischen Sprachen den Demokratieunterricht quasi aus Erfinderperspektive von selbst transportieren: So böten Mathematik und Physik die idealen Instrumente zum Verständnis der Algorithmen, ihrer Erzeugung und ihres Missbrauchs. Auch der Ethik- und Philosophieunterricht schließt den Bereich Demokratie von selbst ein. Und Medienvermittlung in ihrer dilettantischesten Form hat (wie oben ausgeführt) den Deutschunterricht längst unterwandert.
Deshalb neue Fächer einzuführen, für die es gar kein Lehrpersonal gibt: Dieses Ansinnen mag den Minister in der Umfragekategorie „kenne ich nicht“ kurzfristig vom Spitzen- ins Mittelfeld befördert haben. Aber die bald 40.000 Unterzeichner des Protests, der von der intellektuellen Spitzenklasse angeführt wird? Sind möglicherweise lauter elitäre Präpotenzler.
Andererseits ergab eine Leserumfrage der Gratiszeitung heute Erstaunliches (nämlich ähnliche Werte wie die Umfrage von der NEOS-Homepage): 94 Prozent wollen den Lateinunterricht nicht angerührt wissen.
Von Jelinek bis zur Mehrheit der heute-Leser: Alles falsch gemacht, Wiederkehr. Fragt sich, wann sich die alte Bildungspartei ÖVP der Sache endlich annimmt.
PS: Anfragen beim Ministerium und den NEOS blieben bis dato unbeantwortet.
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