Als 25-Jährige brachte die Kärntner Slowenin Verena Gotthardt ein intensives Leuchten in den Corona-Bachmannpreis 2021. Fünf Jahre später ist sie Mutter, hat ein Studium abgeschlossen und bringt beim erstklassigen Wallstein-Verlag einen exzellenten Erzählband.
So wie die Corona-Pandemie vielerlei auf den Punkt gebracht hat, geriet im Juni 2021 auch das Klagenfurter Bachmann-Wettlesen zur bizarren Woche der Wahrheit. Leibhaftig im ORF-Studio thronten bloß die Juroren. Die Autoren, um derentwillen das Ganze vorgeblich abgehalten wird, lieferten ihren Beitrag zur Kritikerselbstdarstellung digital aus dem eigenen Wohnzimmer zu.
Das elterliche der 25-jährigen Kärntner Slowenin Verena Gotthardt befand sich allerdings in Rufweite, und auch sonst ließ sich der Zwanzigminüter mit keinem der anderen vergleichen. Solch ein Leuchten lag über dem Kindheitstext mit dem Titel „Die jüngste Zeit“, solch ein Duft, melancholisch und federleicht zugleich.
„Ein junges Mädchen, ganz Kind. Grüne Farbe hinter den Ohren und unter den Füßen. Läuft den Hügel hinunter und rollt und rollt. Kommt unten an, ganz erwachsen. Ihre Augen ganz groß. Sie leuchten. Bleibt vor einer Almhütte stehen. Nur kurz. Biegt ab auf den einzigen Weg und läuft und fliegt schon beinahe, und bevor ihre Füße ganz von der Erde abheben, bleibt sie stehen.“


Verena Gotthardts „Die jüngste Zeit“ ist eine Sammlung von acht Erzählungen, die sich mehrheitlich aus dem Nachhall der Kindheit speisen. Sprache und Atmosphäre sind faszinierend und unverwechselbar.
Wallstein, € 21
Ein Text aus Licht und Duft
So eine Dorfgeschichte war der Jury noch nicht untergekommen. Fast alle zeigten sich beeindruckt von dem, was die Kritikerin Mara Delius für einladenswert befunden hatte. Das Feuilleton bis zur „Zeit“ stimmte zu, und mancher verpflichtete sich selbst, die junge Dame nicht aus den Augen zu lassen. Gewonnen hat der Text nichts. Aber „Die jüngste Zeit“ ist jetzt die titelgebende von acht Erzählungen, die am 18. Februar beim erstklassigen deutschen Wallstein-Verlag erscheinen.
Die anderen Kollegen, die damals durch Qualität auffielen – Dana Vowinckel, Necati Öziri – haben ihre Romane im geläufigen Bachmann-Rhythmus nach zwei Jahren bei namhaften deutschen Häusern publiziert.
Dana Vowinckel
„Gewässer im Ziplock“, Generationenporträt einer jüdischen Familie. Suhrkamp, € 14,-
Necati Öziri
„Vatermal“. Aufwühlende deutsch-türkische Geschichte. Claassen, € 16,-
Und Verena Gotthardt, die im Juni den Dreißiger erreicht? Hat sich in der Zwischenzeit ein ganzes Leben aufgebaut. „Ich habe viel geschrieben, beziehungsweise viel über Schreiben nachgedacht, ein Kind bekommen, ein Studium abgeschlossen, einen Lyrikband veröffentlicht und ein Stipendium in Frankreich bekommen, wo ich viel für das Buch geschrieben habe.“
Das ist nicht wenig. Das Studium der Fotografie an der Wiener Angewandten, 2022 abgeschlossen, händigt den Schlüssel auch zum Literarischen in seiner intensiven Bildlichkeit aus. Der von Josef Winkler geschätzte Gedichtband „Lass mir die Ahnung von gestern“, erschienen in der Bibliothek der Provinz, war ein Vorausleuchten der nun erscheinenden Texte, die mehrheitlich während eines Aufenthalts an der französischen Küste entstanden.
Das erste Kind
Und erst das Kind, ein Bub, eineinhalb Jahre, lebensverändernd. Zuletzt hat Vea Kaiser auf die Schwervereinbarkeit von literarischer Karriere und Mutter-Sein verwiesen. Das ernste Kindergesicht erhellt sich. „Ich bin froh, dass ich mit dem Buch schon vor dem Kind angefangen habe. Ich dachte, okay, man kriegt ein Kind und dann schreibt man halt, wenn das Kind schläft. Dann ist das Kind gekommen, und es schläft nicht so, wie man es sich vorstellt.“ Ein Glück, dass der Wallstein-Verlag kulant der Verschiebung um ein Jahr zugestimmt hat.
Aber dafür ist etwas anderes in das Buch eingeflossen, etwas Fiebriges, wie es einen anfliegt, wenn man länger nicht geschlafen hat. Die Erzählung „Sie schläft schlecht“ ist hier das Beispiel, auch der an Kafka erinnernde Eröffnungstext „In den Tag und ewig“ über einen Mann, der nicht aufstehen will.
Sie alle folgen keinem nacherzählbaren Inhalt. „Der war nie das Ziel, sondern das repetitive, rhythmische Schreiben. Man kommt in eine Art Melodie, die sich beim Laut-Vorlesen bestätigt und wieder ins Stocken gerät. Der rote Faden in allen Geschichten ist die Zeit, die vergeht und doch nicht vergeht, die man drehen kann wie ein gefaltetes Blatt und die dann immer eine andere Seite zeigt.“
Die Kindheit, fährt sie fort, bleibe ein großes Thema. Immer habe sie über die Gegenwart, vielleicht die Zukunft schreiben wollen. Aber immer gehe sie in der Zeit zurück.
Die Kärntner Kindheit mit den Eltern und der um 22 Monate älteren Schwester sei prägend im besten Sinn gewesen. Schön und angstfrei, ausgenommen die riesigen Kühe, die das Kind mit dem übergroßen Stecken davon abhalten sollte, beim Zusammentreiben auf die Bundesstraße einzubiegen. Bei der Großmutter auf dem Dorf war das, einer überragenden Gestalt der Kindheit, Gegenstand ständigen Studierens und Beobachtens. Ihr Tod vor drei Jahren war ein Lebenseinschnitt.
Im ORF
Verena Gotthardt und „Spiegel“-Bestsellerautor Marc Elsberg sind Gäste in Heinz Sichrovskys Buch-Magazin „Erlesen“ – 25. Februar 2026, 19.40, ORF III
Bild wird Wort
Alles, in weiterer Folge auch der Text, beginne mit dem Bild, kommt sie auf ihr Schaffensprinzip zurück. „Man wacht auf und sieht erst einmal die Decke über sich. Das läuft für mich alles filmisch ab.“ So sind es entweder Alltagsgesichter, die sie abbildet, oder es ist das Große im Kleinsten der Natur im Stifter’schen Sinn, festgehalten mit einer analogen Mittelformat-Kamera.
Das führt zu einem fast meditativen Weitergehen, einer Handke’schen Langsamkeit, die sich dem Karrieretempo eventuell widersetzt. Am Bachmannpreis würde sie schon wieder teilnehmen, aber der mediale Erfolg habe ihr auch etwas Angst gemacht. „Weil ich das Gefühl hatte, jetzt muss ich was reißen, als wäre ich auf einem Hügel, und jemand hätte mich angestupst, ich komme ins Rollen, aber es rollt nur langsam“, kommt sie auf den Wettbewerbstext zurück. „Ich hatte schon Zweifel.“
Und das Leben jetzt? „Ich bin zufrieden und glücklich. Es ist nur manchmal ein bisschen schwierig, weil ich jetzt Mama bin und meine Familie in Kärnten wohnt und die Familie von meinem Freund in Oberösterreich.“
Er arbeitet Vollzeit, die Hochzeit wird zur Option, während sie selbst zu Hause versucht, sich nicht zu verlieren, aber das Kind vollkommen ins Leben einzubinden. Die Voraussetzungen sind gut, der Bub wächst deutsch-, slowenischund albanischsprachig auf, und das Alter des Aufwachens, des Erkundens und immer wacheren Wahrnehmens der Welt ist traumhaft.
Meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, dass die Leute gut sind. Das kann heutzutage ein schwerer Fehler sein. Da habe ich schon ein bisschen Angst.
Bedrohliche Welt
Angst um die Zukunft des Buben wegen der sich bedrohlich beschleunigenden Zeit? „Ja, schon. Die Welt dreht sich in eine Richtung, die schnell und gedankenlos ist. Da frage ich mich schon, wie das sein wird, wenn mein Sohn in die Schule kommt. Trifft er die richtigen Leute? Haben wir ihn genug gefestigt, wenn er nicht die richtigen trifft? Meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, dass die Leute gut sind. Das kann heutzutage ein schwerer Fehler sein. Da habe ich schon ein bisschen Angst.“
Eine andere Angst hat sich dafür verflüchtigt: die, sich in den Betrieb hängen zu müssen und vor der Öffentlichkeit nichts falsch machen zu dürfen.
Daheim mit einem Kind zu sein, halte sie indes keineswegs für hinterfragenswert. „Ja, sicher, alles ist gut ausgebaut, die Kinder können schon mit fünf Monaten in eine Betreuungsstätte. Aber es wäre doch auch schön, wenn man die Eltern finanziell ein bisschen entlastet, sodass sie zu Hause für ihr Kind sorgen können, statt es gleich abzugeben, um Geld zu verdienen.“
Noch etwas? Ja, die Zukunft, beruflich betrachtet. Eine Wien-Dokumentation für die Art Basel zu fotografieren, das war nicht nichts.
Und die Schreibelust kommt zurück, inmitten der Erschöpfung und der sich anbahnenden Öffentlichkeitsarbeit für den Wallstein-Titel. Ein epischer Text schwebe ihr vor, vielleicht etwas Größeres, Zusammenhängendes. Aber doch kein Roman im landläufigen Sinn, bleibt sie so glasklar im Unscharfen, wie man es von ihr erwartet.

Steckbrief
Verena Gotthardt
Geboren am 8. Juni 1996 in KIagenfurt als Kärntner Slowenin. Studierte in Paris und an der Angewandten in Wien Fotografie (Diplom im Jahr 2022). Deutsche und slowenische Texte, zuletzt „Lass mir die Ahnung von gestern“ (Bibliothek der Provinz, 2023). Teilnahme am Bachmannpreis 2021. Sie lebt in einer Partnerschaft in Wien und hat einen Sohn.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.






