Nach dem Rückblick der Ausblick, mit einigen leider identischen Themen: Die Zweite Republik ist in Bedrängnis. Aber 62,5 Prozent würden die FPÖ nicht wählen. Das gibt Hoffnung auf den Konsens der anderen, deren Ambitionen aber Kontrolle brauchen. Verzeihen Sie mir daher punktuelle Redundanz?
Was erzähle ich Ihnen Grundsätzliches zum neuen Jahr, nachdem ich das alte schon wortreich in den verdienten Orkus verabschiedet habe?
Diesmal geht es wieder mehr um Kunst, versprochen. Aber lassen Sie mich davor nochmals mit aller Leidenschaft für die drangsalierte Zweite Republik Partei ergreifen. Die FPÖ erreicht in den Umfragen schon 37,4 Prozent, mehr als ÖVP und SPÖ zusammen. Das ist schlimm. Aber folgerichtig lehnen 62,5 Prozent die FPÖ ab. Das ist deutlich. Die Regierungsparteien sind auf 46,5 Prozent gesunken. Das ist schlecht. Aber mit den Grünen haben sie 57,3 Prozent, wozu noch zwei Prozent von der KPÖ kommen. Das macht Mut. Und, auch nicht schlecht: 47 Prozent trauen Kickl nicht zu, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Das zeugt, immerhin, von der Akzeptanz des Offensichtlichen.
Das Kultur- gegen das Sozialbudget auszuspielen, ist leider keine blaue Erfindung
Es hieße jetzt also zusammenhalten, notfalls in der Gestalt einer Konzentrationsregierung aller, die wissen, was sie nicht wollen. Das ist zugegeben eine Utopie, aber sind nicht alle großen Entwürfe aus Utopien entstanden? Einfach wird es nicht. Beim Nachbarn hat die AfD in der CDU wenigstens ein gleich starkes Gegengewicht.
Und auch bei uns schien die ÖVP halbwegs stabil, bevor sie mit operettenhaften Nichtigkeiten ausgehebelt wurde: Was Wöginger begangen hat, ist parteienübergreifendes Tagesprogramm, und Mahrers übermenschliche Verfügbarkeit war jahrelanger Gegenstand von Kabarettprogrammen, ehe sie auch in bescheidener ausgestattete Köpfe gehämmert wurde.
Haltung gegen Opportunisten
Mahrer hat aber auch die Regierungsbeteiligung der FPÖ verhindert. Es liegt jetzt an Stocker, sich gegen die Knills und die steigende Zahl an Flexibilisten aus den Bundesländern zu behaupten. Gott mit ihm. So wie auch mit Babler, der im Rahmen des koalitionär Möglichen ein paar sozialdemokratische Ansätze verwirklicht, aber buchstäblich bei jedem Schritt in die Kniekehlen getreten wird. Wenn er sich gegen Selbstdarsteller und Opportunisten in der eigenen Partei durchsetzen kann, besteht Hoffnung auf Grundkonsens gegen das, was man nicht will (ich halte dieses Programm übrigens für besser, als sein Ruf es nahelegt).
Es muss nur darin innegehalten werden, Kammern und Bünde (als Stabilisatoren der Sozialpartnerschaft) und den Föderalismus auszuhebeln. Ohne das Rote Wien sähen wir unter blauer Herrschaft nämlich noch übler aus.
Das größte Konsens-Risiko scheinen mir dabei die NEOS (und ich meine nicht den so kunst- wie eigensinnigen Schellhorn). Abgesehen davon, dass sie uns vor einem Jahr per Verhandlungsausstieg fast den Volkskanzler eingewirtschaftet hätten: Ihnen die Außenpolitik und die Bildung zu überlassen, habe ich schon im Herbst 2024 für bedenklich gehalten. Die Außenministerin walzt gerade mit der Grazie eines Zirkuselefanten die Neutralität in Scherben. Dabei wäre professionelle Diplomatie nach Trumps Überfall auf Venezuela endgültig Überlebensmaterie.
Die arme Bildung
Und mit Wiederkehr sind wir beim Thema im engeren Sinn. Rechts-Bobos mit Kindern in Privatschulen können sich gern für die Gesamtschule erwärmen, während andere der Ikonisierung des Klassendeppen zum Bildungsziel wehrlos zusehen müssen. Dieses pinke Anliegen hat gottlob keine Aussicht auf Verwirklichung. Aber etwas anderes droht unter dem öffentlichen Druck, irgendetwas reformieren zu müssen, und sei es unter offener Blödsinnsprämisse.
Und so geht es jetzt an neue Lehrpläne mit dem Ziel, die klassischen Sprachen Altgriechisch und Latein weiter zu marginalisieren. Wenn sich die ersatzweise zwangsausgebildeten Computerfreaks in vier, fünf Jahren selbst wegprogrammiert haben werden, ist es zu spät: Der Blick über das große Ganze, also die Grundausstattung für ein freies, humanistisch gefestigtes, gegen politische Vertreterschmähs immunes Denken, ist dann schon Geschichte.
Deshalb denke ich an eine Gegeninitiative in höchster Proponentenbesetzung. Ich wende mich diesbezüglich in Kürze nochmals an Sie. Sollten Sie schon jetzt Zeit, Ambition und Erfahrung mit Portalen wie aufstehn.at haben, schreiben Sie mir bitte – ich kenne mich da zu wenig aus.
Insgesamt wird mir um den kulturellen Gesamtbefund angst. Dass Babler eine offenbar ahnungslose Ex-Politikerin an die Spitze der Bundestheater setzt, hat mich enttäuscht. Und dass die Stadt Wien am wertlosen, ideologisch vergifteten Song Contest festhält und dafür das kommunale Opernhaus am Wienfluss, die freie Szene und das Sommernachtskonzert in Bedrängnis bringt: Das erfreut nicht.
Blaue Kulturpolitik
Die darf allerdings vergessen werden, was ein blaues Kunstministerium mit sich brächte. Offene Drohungen gegen den unabhängigen ORF und versteckte Richtung Bachmann-Preis häufen sich.
Und in der Steiermark ist die Versuchsstation schon in Betrieb gegangen: Ohne Genierer umgefärbte, auf politischen Krawall gebürstete Gremien verwüsten die freie Szene und mit ihr jeden Ansatz der Widersetzlichkeit. Dass der Landeshauptmann zugunsten Bedürftiger auf alle ihm zustehenden Theater- und Opernkarten verzichtet, ist die Kundgebung stolzer Ignoranz unter der Maske der Mitmenschlichkeit.
Wobei das schandbare Ausspielen des Kulturbudgets gegen das Sozialbudget keine blaue Erfindung ist. Darf ich Sie bitten, diesbezüglich parteienübergreifend wachsam zu sein?
Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: sichrovsky.heinz@news.at
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 01+02/2026 erschienen.







