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Spitzentöne: Sommerfestival in Wien mit Salzburger Festspielkünstlern?

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Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Wussten Sie, dass der Vertrag der Wiener Philharmoniker mit den Salzburger Festspielen im September ausläuft? Schon 1997 hätten sie fast ein Wiener Gegenfestival gegründet. Jedenfalls braucht die sommerlich verödete Hauptstadt kulturellen Glanz. Die Chancen sind groß wie nie.

Lassen Sie mich mit dem Nächstliegenden beginnen, und Sie werden wie ich staunen, wie sich eins ins andere fügt: Der vielleicht weltbeste Hochkulturmanager ist frei. Auch vom Zugriff der Provinzminikraten, die den Intendanten Markus Hinterhäuser unter Anleitung intriganter Hofzwerge anlasslos von der Spitze der Salzburger Festspiele terrorisiert haben.

Diagnostiziert ist auch das allsommerliche Wachkoma, in das sich die Klassikwelthauptstadt Wien infolge geschlossener Opernhäuser und Konzerthallen versetzt. Hier wird zwar wacker geklampft und zum inklusiven Mitturnen in Begegnungszonen angeregt. Aber insgesamt bietet man zur Zeit einander niederwälzender Touristenmassen Beschämendes.

Mit anderen Worten: Dringender als den Song Contest braucht Wien ein sommerliches Klassik-Fest. Das wiederum braucht einen Intendanten, und unter dem Besten der Welt sollten wir es dabei mit dem uns eigenen Selbstvertrauen gar nicht erst angehen. Verhindert wurde es bisher stets unter Verweis auf das halbwegs nahe Salzburg, das, auch abgesehen vom Höchstpreispublikum, vor allem die Elite der Künstler binde, hier in erster Linie die unentbehrlichen Wiener Philharmoniker.

Philharmoniker-Vertrag endet 2026

Und jetzt stellen Sie sich vor: Der jeweils über fünf Jahre geschlossene Vertrag des Wunderorchesters läuft im September 2o26 aus! Hinterhäuser war im Begriff, ihn bis 2031 zu verlängern. Jetzt verhandeln andere. Und Vorstand Daniel Froschauer versichert zwar, nach 100 großartigen Jahren nichts Weltveränderndes im Sinn zu haben. Aber er sagt auch: „Wenn sich die Politik in die Kultur einmischt, ist es immer schlecht. Wir müssten auch bald wissen, wie sich die Umbauarbeiten am Festspielbezirk auf das Programm ab 2028 auswirken.“

Da ließe sich schon ansetzen. Wussten Sie, dass die Philharmoniker schon 1997 einen Schritt vor der Gründung eines Wiener Gegenfestivals standen, als sie mit dem Salzburger Radikalreformer Gerard Mortier ins Hadern gerieten?

Insgesamt ist das Kommen und Gehen großer Orchester nichts Unstatthaftes, sondern auch in Salzburg halbe Routine: Anno Karajan balancierte man sommers und zu Ostern zwischen Wienern und Berlinern. Letztgenannte veränderten sich zu Ostern 2013 unter Simon Rattle nach Baden-Baden. Die Staatskapelle Dresden übernahm für mehrere Jahre, bis heuer die Berliner zurückkamen.

Auch in Salzburg tritt nicht jeder Große auf. Es kommt nur darauf an, wer mit wem

Und wenn es nicht die Philharmoniker sind: Teodor Currentzis und das für ihn gegründete Utopia Orchestra bestreiten im kommenden, noch von Hinterhäuser disponierten Salzburger Sommer die stürmisch angefragte „Carmen“. Eine sommerliche Residenz des Publikumsfängers Currentzis wäre der heute vermutlich sicherste Bringer der Branche.

Die Carmen singt übrigens Asmik Grigorian, deren Name sich auf einer langen Unterstützerliste Hinterhäusers findet. Unter ihnen nebst den Nobelpreisträgern Handke und Jelinek: die Regisseure Ulrich Rasche, Ersan Mondtag und Romeo Castellucci, die Dirigenten Ingo Metzmacher, Emmanuelle Haim und Maxime Pascal, die Solisten Patricia Kopatchinskaja, Igor Levit und Pierre-Laurent Aimard.

Salzburg ist kein Muss

Dass solche Kapazunder auf Salzburg letztlich nicht verzichten könnten, ist Illusion. Auch in Aix, München, Luzern oder Verbier ist die Elite zugange. Exklusivität kann sich heute nicht mehr auf Namen, nur auf die Einzigartigkeit der Konstellationen beziehen. So wie Hinterhäuser sie nahezu unerreichbar hergestellt hat: Auch in Salzburg tritt nicht jeder Große auf. Es kommt nur darauf an, wer mit wem. Zudem nutzen viele Künstler den Sommer zur Erholung vom irren Branchengetriebe, und in und um Wien logieren u. a. Asmik Grigorian, Anna Netrebko, Piotr Beczała, Juan Diego Florez, …

Jetzt wollen Sie noch wissen, woher für all das die Finanzen kommen sollen. Die Adressen von Weltruf – Staatsoper, Musikverein, Konzerthaus – stehen im Sommer leer und dürften bei attraktiver Bespielung nicht unerschwinglich sein. Werden sie doch, mit beiderseits bestem Erlös, permanent sogar von zweifelhafter Seite angemietet. Im Theater an der Wien ging früher allsommerlich „Die lustige Witwe“ in Serie.

Zudem bieten sich die Wiener Festwochen an: Milo Raus attraktives Edelkrawallprogramm halbiert, dafür eine Hochkulturschiene, die in den Sommer prolongiert wird, und die großen Zeiten Luc Bondys sind nicht ausgelöscht. Konzerte mit den zuvor genannten Kapazundern wären quasi Selbstläufer. Aber auch szenische Koproduktionen mit der Oper und dem Theater an der Wien wären keine überzogenen Wagnisse.

Und die Millionäre!

Und dann die Sache mit den deutschen Millionären – unter ihnen die Gründer des vorbildhaften Passauer Kreises –, die aus Protest gegen den Umgang mit Hinterhäuser ihr Geld zurückziehen. Zwar wurde die enthüllende Bild-Zeitung von Salzburger Seite intervenierend belehrt, es handle sich ohnehin bloß um mindere „Silver Club“-Zahler. Aber sind Sie sicher, dass etwa die Drogeriedynastie Müller nicht jenseits der Fünfstelligkeit solvent wäre?

Bleibt als ernstlichstes Hindernis das Wiener „Geht net“. Da verweise ich auf die Festspiele von Grafenegg. Sie wurden 2007 nicht zuletzt deshalb gegründet, weil der Weltpianist Rudolf Buchbinder beim damaligen Konzertchef Hinterhäuser in Salzburg nicht mehr willkommen war. Erwin Pröll hat daraufhin entschieden, und Grafenegg spielt qualitativ nicht wesentlich unter Salzburg.

Nun haben Sie schon recht: Prölls Format einem der obwaltenden Kulturpolitiker abzuverlangen, wäre tollkühn. Aber zu Michael Ludwig habe ich ein Grundzutrauen.

Fragen Sie mich gern, weshalb.

Wien braucht im Sommer ein Klassik-Festival. Die Künstler könnten aus Salzburg kommen

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 16/2026 erschienen.

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