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Karol G: Der neue Sound der Macht aus Medellín

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Karol G bei ihrem diesjährigen Coachella-Auftritt.

©Kevin Mazur, GettyImages

Lange galt: Wer Weltstar werden möchte, muss männlich sein oder Englisch sprechen. Die kolumbianische Sängerin Karol G bricht mit beiden Regeln, sie tut weder das eine, noch ist sie das andere. Trotzdem hat sie Musikgeschichte geschrieben. Wie konnte das passieren?

Mitten im kolumbianischen Aburrá-Tal und auf etwa 1.500 Meter Höhe liegt eine Stadt, die bekannt ist für gefährliche Männer, Drogen, Gewalt und Blumen. Die Söhne Medellíns leiteten Kartelle (Pablo Escobar), verkaufen Hugo Boss Parfum (Maluma) und geben Konzerte vor einem Millionenpublikum (J Balvin). Seit kurzem zählt zu den Gesichtern der Stadt, die selbst dort erkannt werden, wo es im Winter um 16 Uhr dunkel wird, eine Frau.

Carolina Giraldo Navarro ist 35 Jahre alt und hat heuer Geschichte geschrieben. Zwischen dem Palm Desert Country Club, dem Tri Palms Country Club und Palm Springs ist sie vergangenes Wochenende als erste Latina-Headlinerin auf dem Coachella Festival, einem der wichtigsten Pop-Festivals der Welt, aufgetreten. Zu diesem Anlass hat sie sich eine falsche Felsenlandschaft in die kalifornische Wüste bauen lassen, monatelang geprobt, eine Band und Tänzer zusammengetrommelt und dafür, glaubt man ihrem Management, ein Vielfaches ihrer Gage ausgegeben.

Das scheint sich für Carolina, die auf der Bühne und für ihre Fans Karol G heißt, gelohnt zu haben: Zusätzlich zu den Tausenden Festivalbesuchern vor Ort wohnen dem Auftritt Millionen Fans über einen YouTube-Stream bei. Die Reichweite der Coachella-Headliner wird mit der der Superbowl-Halftime-Show verglichen. Bereits einen Tag nach Karol Gs ersten Auftritt stiegen ihre Spotify-Streams laut Rolling Stone um 15 Prozent, ihre US-Streams sogar um mehr als 35 Prozent.

Von Shakira zu Karol G: Der Wandel lateinamerikanischer Popstars

Was folgerichtig scheint, war jahrelang jedoch kaum vorstellbar. Die kolumbianische Künstlerin kommt aus einem Genre, das lange als subkulturell und männlich galt. Lateinamerikanische Vorreiterinnen wie Shakira pressten ihre Kunst in das Korsett der US-amerikanischen Branche: Sie sangen Englisch, färbten ihre Haare blond und durften „exotisch“ sein, weil sie ihre Hüften so bewegten, wie Taylor Swift oder Miley Cyrus es nicht konnten. Schließlich waren es dann Männer wie Daddy Yankee, J Balvin oder Ricky Martin, durch die der Latin Pop nach Amerika und von dort zum Rest der Welt schwappte.

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Karol G

 © Kevin Mazur, GettyImages

Mittlerweile wächst das Genre im US-Markt schneller als alle anderen Musikrichtungen. Laut der Recording Industry Association of America erreichte der Jahresumsatz der lateinamerikanischen Musik 2025 in den USA im Großhandel eine Milliarde US-Dollar. Das vergangene Jahr war zudem das zehnte Wachstumsjahr in Folge für den US-amerikanischen Latin-Markt.

Eine Verschiebung auf dem globalen Musikmarkt, der ohne Streamingplattformen nicht möglich gewesen wäre. Wer, wann welche Musik hört, bestimmen seit langem nicht mehr die Radiosender, sondern die Hörer selbst. Ein Umstand, der damals aus dem Supermarktverkäufer Benito Antonio Martínez Ocasio Bad Bunny und einen Weltstar machte. Dank ihm wissen Menschen zwischen Innsbruck und Wien, was bailar, loco und contigo heißt, wie die puerto-ricanische Flagge aussieht und, dass auch Männer Taktgefühl haben (können).

Von X-Factor zu Rekordumsätzen

Nun ist Karol G weder ein Mann, noch singt sie (mittlerweile) auf Englisch. Und trotzdem steht sie irgendwo in Kalifornien im bunten Outfit auf einem übergroßen Plüsch-Papagei vor Tausenden Menschen, schwingt die kolumbianische Flagge und trägt die lateinamerikanische Kultur in Räume und auf Bühnen, die einst anderen vorbehalten waren.

Die Sängerin wurde schon als Kind von ihrem Vater gemanagt, schaffte es von Quinceañera- und Schulauftritten über die X-Factor-Bühne bis hin zu einer Tour, mit der sie als erste Latina Rekordumsätze erzielte. Das liegt auch daran, dass andere den Weg ebneten, den Karol G seit Jahren versucht ebenfalls einzuschlagen. Daran, dass sie zu Beginn ihrer Karriere als Feature mit männlichen Kollegen sang, aber auch daran, dass Menschen wie sie nichts geschenkt bekommen.

Pop, Politik und Macht

Ihr Erfolg hat sich, das möchte ihr Management klargestellt wissen, nicht einfach so ergeben, sondern sei „Teil eines größeren Plans“. Daran arbeitet sie (zusammen mit Teilen ihrer Familie) seitdem sie ein Kind ist. Der Durchbruch kam schließlich nach einem Feature mit Bad Bunny und ihrem Debutalbum „Unstoppable“. 2024 wurde sie zur Billboard Woman of the Year gekürt. Mittlerweile hält sie über 11 Guinness-Weltrekorde, stapelt Grammys und hat ihr eigenes Label gegründet. Karol G strebe nicht weniger als die „Weltherrschaft als eine der größten Künstlerinnen auf dem Planeten“ an, kündigt ihr Manager an.

Das mag größenwahnsinnig klingen oder realitätsnah sein – doch während Justin Biebers Coachella-Auftritt in Hose und Shirt als Geniestreich gefeiert wird, weil er für eine Gage von zehn Millionen Dollar zu alten Songs auf YouTube mitsummt, während ICE-Agenten Latinos deportieren und Trump Mexikaner als Vergewaltiger bezeichnet, gibt Karol G mindestens über 60 Millionen Hispanics, die in den USA leben, ihren Stolz zurück.

Der neue Sound der Macht kommt nicht mehr aus Los Angeles oder London. Zwischen kalifornischem Wüstenstaub und Justin Biber Songs kommt er für zwei Wochenenden im April aus Medellín – und diesen Sommer auch nach Europa. Mit ihrer „Viajando Por El Mundo Tropitour“ wird sie als erste Latina, die mit einer 39-Städte-Tournee Stadien in ganz Europa headlined, erneut Geschichte schreiben.

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