Ein skurriler Kindheitsbegleiter kämpft um das Überleben: Der einst mächtige Buchklub der Jugend ist in Bedrängnis. Gegründet nach dem Krieg in eventuell guter Absicht, wurde er zum Zensurinstrument. Heute zensieren mit noch böseren Folgen die Gutartigen.
Das war vielleicht ein Rücksturz in die Kindheit, ein Jahrtausend wäre nicht zu hoch veranschlagt. Gerade so, als jagte ich wieder mit dem kürzlich erfundenen Einkaufswagen unter den Verwünschungen der schnurrbärtigen Sitzkassierin durch die Konsum-Filiale Wien-Sandleiten. Der Österreichische Buchklub der Jugend ringt um seine Existenz, lese ich. Nur ein öffentlicher Zuschuss von 300.000 Euro kann ihn am Leben erhalten.
Dabei hatte ich gar keine Ahnung, dass diese strenge pädagogische Instanz meiner Volksschuljahre noch am Leben ist. Auch für meine Töchter war das Angebot des schulbehördlich unterstützten Privatvereins kein Thema mehr. Und das ist auch schon bald eineinhalb Jahrzehnte her, wobei hier auch private Gründe vorliegen: Die Bemusterung unserer Kinder mit dem Grundnahrungsmittel Buch an Dritte auszulagern, hätten meine Frau und ich als familiäres Tschernobyl empfunden.
Das Prinzip des Buchklubs ist seit der Gründung anno 1948 unverändert: Ein nicht mehr blutjunges Fachgremium erstellt Lektürevorschläge für Schulen, die das Angebot administrieren und an Schüler und Eltern weiterreichen sollen. Der Blick auf das derzeit Empfohlene offenbart keine Mängel, im Gegenteil. Man hat das klassische Portfolio zwischen Märchen- und Tierwelt, Raumfahrt und Kleinkriminalitätsbekämpfung korrektheitstechnisch umsichtig sogar um das Segment „Diversität“ erweitert!
Trotz seiner bedenklichen Herkunft soll der Buchklub der Jugend leben. Und zwar lang
Alles vergebens: Der Zustrom ist rückläufig, und viele dürften argumentieren, bei einer fast fünfzigprozentigen Analphabetenquote unter Volksschulabgängern sei der Buchklub der Jugend noch das geringste Problem. Hier liegt allerdings jene klassische Verwechslung von Ursache und Wirkung vor, der mit seinen Gesamtschulvisionen auch unser Bildungsminister Vorschub leistet.
Mit einem Wort könnte sich Wiederkehr für sein Debakel in der Causa Latein mit einer großzügigen Zuwendung etwas Ablass erkaufen: Der Buchklub der Jugend soll leben. Und das noch lang.
Ins Paläozoikum
Sein drohender Untergang hat mich auf die eigene Kindheit gebracht. Und da ich mich schon im Neolithikum der Zweiten Republik aufhielt, kam es mir auf das Paläozoikum auch nicht mehr an.
Begeben wir uns also ins Jahr 1948, noch unter Besatzung, aber zu unverzüglichem Vergessen des Begangenen wie des Erlittenen bereit. Während in fast allen Lebensbelangen ein sanftes Hinübergleiten erreichbar schien, verhielt es sich mit Lehrmaterialien und Kinderliteratur anders. Selbst bei äußerster Flexibilität wären Titel wie „Der Giftpilz – ein Stürmerbuch für Jung und Alt“ bzw. „Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid“ nur schwer entnazifizierbar gewesen.
Ein auch wirtschaftlich gigantisches Potenzial stand da zur Verteilung. Deshalb formierte sich aus Lehrern, Schul- inspektoren und Ministerialbeamten der Parlamentsparteien ÖVP, SPÖ und KPÖ ein Proponentenkomitee zur „Förderung des guten Buches“, nachmals „Österreichischer Buchklub der Jugend“.
Stabile 1.000 Jahre
Die 1.000 Jahre saßen noch in den Ganglien, denn der Vereinszweck war „Kampf“. Und zwar nicht etwa gegen die Rückstände des Nazi-Drecks in den Gehirnen (einschlägig aufklärende Literatur setzte sich erst zögernd in den Sechzigerjahren durch), sondern „gegen Schmutz und Schund“.
Vereinsvorsitzender war der karikaturhafte Sozialdemokrat Richard Bamberger, der mit dem katholischen Unterrichtsminister Hurdes den „Kampf“ orchestrierte. Der Feind war zunächst das gigantische Aufkommen an „Heftchenliteratur“. Dieser kreuzbraven, solide erzählten Mitbewerberschaft – exemplarisch „Bob Barring“, „Kommissar Wilton“, „Einaug, der Pirat“ – entledigte man sich erfolgreich mittels Gesetzesvorlagen und Serienbeschlagnahmen.
Dann nahm man sich die Comics vor, denen man solcherart erst den Markt gesäubert hatte. Comics, ließ Bamberger wissen, „schaffen eine Atmosphäre der Grausamkeit und des Abwegigen; sie vermitteln verbrecherische oder sexuell abnormale Ideen; Sie schwächen die natürlichen Kräfte, ein gesundes und anständiges Leben zu führen.“ Nahezu wortgleich hatten die Nazis ihre Bücherverbrennungen argumentiert. Nur, dass die nicht irgendwelche Krawallerzeugnisse auffraßen, sondern Weltliteratur von Döblin, Kästner und Jack London.
Und meine Lieblingsbücher
Indes wäre es ungerecht, die Begünstigten geringzuschätzen: Den behördlich gutgeheißenen Lieblingsbüchern meiner Kindheit habe ich nichts Böses nachzusagen. Allerdings überstünde heute keines die sich aus historischer Unbildung legitimierende Zensur von links.
„Kasperl auf Abenteuer“? Der kleine Anarchist unterliegt seitens seiner gepeinigten Mutter drakonischen Strafen, die heute schon nach Triggerwarnung schrien. Aber sie sind mit solch zärtlichem Witz erzählt, dass meine Töchter mit nichts anderem einschlafen wollten.
Kästners „Der 35. Mai“? Das schwarz-weiß karierte Südseemädchen Petersilie hat sich NGO-technisch etwas besser behauptet als „Hatschi Bratschis Luftballon“ des Nazi-Mitläufers Ginzkey, dessen angebliche antiislamische Codes weder Elfriede Jelinek noch Otto Schenk noch mich oder meine Töchter daran hinderten, das Buch zu lieben. Wo doch sogar schon Pippi Langstrumpf rassistischen Umtriebs verdächtigt wird.
„Der glückliche Löwe“? Da verlässt die titelgebende Großkatze den kommoden Zwinger im Zoo (!) und bereut das bitter, denn sie wird fast erschossen, ehe sie sich geläutert hinter die geliebten Gitter zurückverfügt.
Bei mir kamen zum Entsetzen meiner Eltern noch „Fix und Foxi“, im Besonderen der charakterformende Taugenichts Lupo, und dann der große Humanist Karl May dazu. Zumindest Letztgenannter hat das dodelkoalitionäre Bombardement der vergangenen 78 Jahre überlebt.
Was meinen Sie? Schreiben Sie mir bitte: sichrovsky.heinz@news.at
Neuer Newsletter! Heinz Sichrovsky informiert Sie direkt: Melden Sie sich hier zu seinem Newsletter an!
Ihre Leserbriefe zu Kulturthemen finden Sie hier: zu den Leserbriefen!
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 17/2026 erschienen.







