Bekannt für seine 3-Sterne-Küche, hat sich Juan Amador über die letzten Jahre mit seiner Malerei am Kunstmarkt etabliert. Seine malerisch-fließenden Bildwelten eröffnen vibrierende Lichträume, die Emotion erzeugen sollen.
Atelierbesuch bei Juan Amador
© VGN | Osama Rasheed
„Eigentlich habe ich zu malen begonnen, um meine Ruhe zu haben“, flüstert mir Juan Amador im Getümmel seiner Vernissage im Herzen Wiens zu. In seiner Stimme schwingt ein leiser Hauch von Verzweiflung mit. Der Erfolg sei nicht geplant gewesen. Umso schöner ist es, dass er sich dennoch eingestellt hat. Die damit einhergehenden Verpflichtungen müsse man eben in Kauf nehmen: „Dass ich einer Vernissage fernbleibe, ist wohl ein Wunschgedanke“, sinniert er hörbar. Wir verabreden einander schließlich für kommende Woche – abseits des Trubels. In seinem Atelier sei es deutlich ruhiger. Bereits der Weg dorthin, ins abgelegene Industriegebiet, verdeutlicht Amadors Sehnsucht nach Rückzug, den er sich in seiner Malerei zu finden erhoffte. „Nur mit dem Navi bist du hier draußen chancenlos – ich schick dir mal eben den Standort durch.“ Dieser führt wenig später mitten ins „No Man’s Land“ zwischen Wien und Klosterneuburg. Über die letzten fünf Jahre wächst das Atelier mit der Größe seiner Formate stetig. Mittlerweile sind es an die 400 Quadratmeter, auf denen er hier seiner Kunst frönt.
Durch das weit geöffnete Tor fällt Frühlingssonne. Nach außen dringen die funkigen Rockklänge von „Need You Tonight“ der australischen New-Wave-Band INXS. Darunter mischt sich das rhythmische Klopfen eines Schneebesens. „Komm rein“, blickt Amador auf, ohne seine Tätigkeit dabei zu unterbrechen. In einem Gefäß rührt er gerade routiniert Ölfarbe an. „Sieht doch schon ganz gut aus“, beäugt er die Konsistenz kritisch. „Das passiere ich gleich noch durch ein Sieb – ich mag einfach keine Pigment-Bröckchen in meiner Farbe.“


Parallelwelten. Im Atelier wird Altbewährtes zum Hilfsmittel – die dünnflüssige Ölfarbe rührt Amador mit dem Schneebesen an, ehe er sie durch ein Sieb passiert
© Patrick SchusterVom Koch zum Künstler
Dass das Anrühren der Farbe an einen Arbeitsschritt in der Küche erinnert, kommt nicht von ungefähr: Als erster Koch Österreichs erhält Juan Amador 2019 drei Sterne des „Guide MICHELIN“ – die höchste Auszeichnung der Welt. „Den Koch bekommst du einfach nicht aus dem Künstler“, scherzt er während des Passierens. Und den Künstler, seit gut sechs Jahren, nicht mehr aus dem Koch. Damals beginnt Amador zu malen, um einen Ausgleich zum Alltag zu schaffen. Der regelmäßige Entzug aus der Sterneküche, die meist nach lösungsorientiertem Vorgehen verlangt, sei essenziell, um abzuschalten. „Und auf Golfen hatte ich einfach keine Lust“, begründet er seine Wahl. Bei einem Künstlerbedarf bestellt er sämtliche Utensilien, die es zum Malen braucht. Als die Lieferung wenige Tage später im Garten steht, geht es los – der Keller wird kurzerhand zum Atelier. „Ich hatte keine Ahnung, was ich da tue“, schmunzelt er. Inspiriert von Pollocks Action-Malerei und den so entstandenen Drip-Paintings legt er den Pinsel rasch beiseite und tauscht diesen gegen einen Holzkochlöffel. „Damit konnte ich das Getropfte besser kontrollieren“, verteidigt er den Griff zu Altbewährtem.
Kochen ist Leistungssport – da ist alles durchgetaktet. In der Malerei bist du frei.
Die Geburtsstunde seines ersten Bilds, „El Primero“, war Auftakt der künstlerischen Karriere des spanischstämmigen Deutschen. Heute, Jahre später, kann und will Amador nicht mehr hinter den epigonalen Arbeiten aus Anfangstagen stehen. „Ich habe gerade begonnen, alte Werke zu überarbeiten – sie entsprechen einfach nicht mehr meinem Standard.“ Dieser wandelt sich spätestens mit dem Auszug aus dem Kelleratelier. „Aufgrund der Platzgründe eine logische Konsequenz, aber auch ein bewusster Schritt, um konsequenter zu arbeiten. Die Malerei ist längst kein Hobby mehr, das ist Arbeit.“ Außerdem gäbe das Atelier dem Ganzen einen „professional approach“: „Du musst dich selbst challengen, um eine Entwicklung voranzutreiben und den Stein ins Rollen zu bringen.“ Wann immer er heute hier ist, malt er. Und das ist Amador aktuell beinahe täglich: Gemalt wird nachts. Im Schnitt bis vier Uhr morgens. Denn trotz aller Ernsthaftigkeit, mit der er seine Malerei betreibt, hilft sie ihm nach wie vor beim Runterkommen. Beim Neusortieren der Gedanken.
Lernen von den Besten
Sie ist ein Ventil, das den Küchendruck minimiert. „Ab einem gewissen Niveau ist Kochen performativer Leistungssport – da ist alles durchgetaktet. In der Malerei kann ich loslassen.“ Der gängigen Behauptung, dass Kochen Kunst sei, widerspricht er mit Vehemenz: „Das einzige Künstlerische am Kochen ist die Entwicklung eines neuen Gerichts, danach ist es bloß noch Reproduktion.“ Eine Reproduktion, die keine Fehler erlaubt. Deshalb gilt es, den Druck bestmöglich rauszunehmen. „Außerdem geht ein überstrapaziertes Nervenkostüm zulasten des Küchenklimas, wie man aktuell ganz deutlich mitbekommt“, mahnt Amador Richtung Kopenhagen. Ein freundschaftlicher, amikaler Umgang sei dem 57-Jährigen wichtig. Dass der Chef der Älteste im Team ist, stört ihn nicht: „Mich hält das jung, motiviert und neugierig – ich mag es, den Jungen etwas mitzugeben und ihnen dabei zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden.“
Genau das habe einst auch die Grundlage seines Erfolgs geschaffen. „Natürlich ist Kochen erfahrungsbasiert – du übernimmst von deinen Lehrmeistern“, reflektiert Amador, der zunächst widerwillig mit dem Kochen beginnt. Mit knapp 25 Jahren erhält er 1993 schließlich seinen ersten Stern: „Entscheidend ist die Loslösung und die Weiterentwicklung des Erlernten.“ Hier zieht er bewusst den Vergleich zur Malerei: „Kunst basiert auf Kunst“, hält er fest. „Entscheidend ist es, sich zwar inspirieren zu lassen, daraus aber Neues zu erschaffen, um nicht in die Epigonalität zu schlittern“, deutet er mit Verweis auf seine Rakelbilder auf einen dicken Gerhard-Richter-Wälzer im Eck. Der war es, der ihn überhaupt erst zur Malerei inspirierte: „Der Eigentümer meines Restaurants in Mannheim war ein großer Kunstliebhaber“, berichtet Amador. Umringt von Kunst auf Weltniveau beginnt er, sich tiefer mit der Materie auseinanderzusetzen: „Ich wollte die Kunst verstehen – das Warum begreifen, nicht das Wie.“ Über Richter liest er, dass der Zufall sein bester Freund sei. Dieser helfe ihm, dass seine Bilder oftmals besser werden als ursprünglich geplant.


Gerakel. Anknüpfend an die Tradition Richters, durchkreuzt er diese in seiner Serie „Scratches“
© beigestelltLernen beim Scheitern
Davon motiviert, greift Amador schließlich selbst zur Farbe. Zunächst zu Acryl. „Das hat mir aber nicht wirklich zugesagt“, begründet er seinen Wechsel. Während seine Lieblingszutat in der Küche ohne Frage Olivenöl ist, ist es im Atelier seither Leinöl. „Der langsame Trocknungsprozess der Ölfarbe liefert einen willkommenen Gegenpol zum hektischen Küchenalltag und ermöglicht ein längeres Bearbeiten der Bilder.“ Das kommt insofern gelegen, da Zeit eine knapp bemessene Ressource im Alltag Amadors ist.
Mit der Rakel erschafft Amador zunächst Bilder, die in ihrer Ästhetik an die Tradition Richters anknüpfen. „Mein Gerakel kam aber nicht an seines heran“, lacht er. Aus Missfallen greift er wiederholt zum Holzkochlöffel und beginnt, Furchen durch die Farbe zu ziehen. Der Grundstein seiner Serie „Scratches“ war damit gelegt. „Genau dieses Gekratze war es, das dem Bild zur Eigenständigkeit verholfen hat.“ Der von Richter beschriebene Zufall scheint auch Amador wohlgesonnen: Im autodidaktischen Kunstexperiment, das ein Herantasten an unterschiedlichste Techniken beinhaltet, ist der Zufall ohnedies immanent – ob gewollt oder ungewollt. „Meist bringt er große Freude mit sich“, so der Künstler, „ab und an deprimiert er aber auch.“ Dass sei in Ordnung: „Learning by doing“, hält er fest. „Und ehrlicherweise lernst du beim Scheitern am meisten.“


© Patrick Schuster
Es werde Licht
Vor rund zwei Jahren beginnt für Amador eine malerische Entschleunigungsphase, die seine Arbeit in die Horizontale verlagert – die Pastosität seiner Rakelbilder lässt er damit hinter sich. Inspiriert von den Nordlichtern, deren Sichtungen in Österreich sich damals häuften, sucht er nach einer geeigneten Technik, um das spektakuläre Lichtphänomen auf den Bildträger zu bannen. „Weil ich damals keine gesehen habe, wollte ich sie mir kurzerhand selbst malen.“ Auf der künstlerischen Suche nach seinen „Aurora Borealis“ experimentiert Amador mit unterschiedlichsten Untergründen. Das Experiment fördert einen vielschichtigen Malprozess zutage. Auch hier schließt sich ein Kreis: Als „Meister der Saucen“ bekannt, macht er sich in seiner Malerei ausgerechnet einen „saucigen“ Malstil zu eigen. Malen und Kochen sei für ihn längst untrennbar; es beeinflusse sich wechselseitig – „das ist mein Yin und Yang“. Die stark verdünnte, lasurartige Ölfarbe muss fließen, um die vibrierenden Lichträume in seinen Bildwelten zu eröffnen. Bis zu zwölf Schichten werden in einem langwierigen Prozess auf Holzplatten, Leinwänden oder Papier aufgebracht.


Lichträume. Im vielschichtigen Malprozess eröffnet er mittels lasurartiger Ölfarbe leuchtende Bildwelten
© beigestelltZu Beginn der Serie war die Farbwahl – ausgehend vom Motiv – gewissermaßen vorgegeben. Von da aus lernt Amador mit jedem Bild: „Wie beim Kochen entwickelst du mit der Zeit auch hierfür ein Gefühl, was du wie kombinierst.“ Das Ziel sei eine „harmonische Spannung“, so es diese überhaupt geben kann. Dazu kombiniert er auch, was augenscheinlich nicht zusammenpasst: „Die Kunst ist es, zwei gegensätzliche Dinge auf einen Nenner zu bringen.“ Bis zu drei Farben – in ihren nuancierten Abstufungen – eint Amador in einem zunächst konzeptuell geplanten, später intuitiven Schaffensprozess in seinen Bildern. Manchmal ergänzt er um die Nicht-Farbe Weiß. „Sie sorgt für Leuchtkraft“, verrät er seine Geheimzutat.
Vom Anspruch auf Exzellenz
Der kommerzielle Erfolg seiner abstrakten Bildwelten war ebenso wenig geplant wie die Sterne. Die ersten Bilder gehen zu lassen, habe ihn beinahe das Herz zerrissen. „Derartiges zu planen, wäre irgendwie anmaßend“, meint Amador. Vielmehr passieren die Dinge einfach: „Wenn du Talent kanalisierst, dir Ziele steckst und alles dafür gibst, lässt sich so einiges erreichen.“ Um Profit geht es ihm in seiner Malerei nach wie vor nicht: „Ich möchte meine Leidenschaft finanziell am Leben halten – that’s it.“ Der anfänglichen Skepsis gegenüber dem „malenden Koch“ entgegnet er heute mit einem milden Lächeln: „Konstruktive Kritik ist immer willkommen, die bringt dich weiter.“ Lustig werde es, wenn Leute von ihrem eigenen Unvermögen ablenken wollen: „Wenn dir ein Bild nicht gefällt, ist das dein Problem, nicht meines. Beim Kochen sieht das anders aus – da ist versalzen versalzen. Aber in der Kunst bist du frei. Jeder der sie in ein Korsett stecken will, genießt echt mein Mitleid.“
Worum es ihm in seiner Kunst geht? „Um Emotionen – genauso wie in der Küche“, so Amador. „Mir geht es nicht um eine nachvollziehbare Geschichte. Deshalb male ich abstrakt. Der Akt des Malens ist die Geschichte per se. Nicht mehr, nicht weniger.“ In der Qualität der Kunst sei es wie mit den Sternen: „Ich mache mir da keinen Druck – es ist viel eher ein genereller Anspruch, Exzellenz zu produzieren. Am Ende bin ich aber selbst nie zufrieden mit dem, was ich tue. Das ist wichtig, um nicht nachlässig zu werden. Unzufriedenheit spornt an.“
KUNSTTIPP
Vom 11. April bis 14. Juni 2026 sind Amadors Arbeiten in einem künstlerischen Dialog mit Robert Complojs Glasobjekten im Museum Angerlehner zu sehen. Kuratiert wird die Ausstellung der Sammlung Werner Trenker von Klaus Albrecht Schröder.







