Österreichische Weltliteratur wird erstaunlich oft hergestellt. Josef Winkler nimmt hier als Büchner-Preisträger besonderen Rang ein: Die Hölle des Kärntner Dorfes lässt ihn nicht frei, er malt sie mit barocker, surrealer Pracht aus. Sein Roman „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ ist ein Buch der Liebe zu seiner unglücklichen Schwester, die ihn die frühen Jahre ertragen ließ.
Jetzt müsse er also wieder von vorn beginnen, sagt der große österreichische Schriftsteller Josef Winkler. Er habe ja alles verloren mit dem kürzlichen Erscheinen des Romans „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“.
Die Hölle der Kärntner Dorfkindheit, mit einem schmalen Streifen Himmel darüber: Dieser Fundus war geräumig genug für ein Werk von weltliterarischer Dimension, das sich aus der braunen Enge in farbenglühende, surreale Welten erhob. Jetzt, sagt der anhaltend verhasste Sohn der Heimat, sei das, was dafürstehe, ausgeschöpft.
Sein erstes Buch der Liebe nennt er den Roman. Er gilt seiner vor drei Jahren verstorbenen Schwester Maria und beschließt den Zyklus der Nachrufe, die ihm immer geläufiger von der Hand gingen, als wäre die Nähe des Todes zum Lebensbestandteil geworden. Als 2004 der Vater starb, der „Erzfeind“ und „Erzfreund“, da dauerte es drei Jahre, bis der berühmte Sohn darüber schreiben konnte. Sechs Jahre später folgte die immer schweigende Mutter, das Requiem entstand nach nur einem Jahr.
2023 wurde dann die Schwester nach Jahren geistiger Umnachtung erlöst. „Und am Tag nach dem Begräbnis hab ich mich hingesetzt“, staunt der Dreiundsiebzigjährige über die Vehemenz des Impulses. „Dieses Buch ist sicher eines meiner tiefsten und schwierigsten, aber ich habe noch keines mit so einer Leichtigkeit geschrieben.“
Wie kam das, wo die Schwester doch im bisherigen Werk nicht übermäßig auffiel? Weil es Zeit war, antwortet Winkler, diese Geschichte des Einander-Beschützens gegen eine ganze feindselige Welt niederzuschreiben.
Verhasster Sohn der Heimat
Das Buch beginnt in beider Lebensjahren um die 30, in den frühen Achtzigerjahren. Beide kehrten damals nach längerer Abwesenheit ins Elternhaus zurück. Das Dorf Kamering im Drautal war durch den rebellischen Sohn schon zu unerwünschter Prominenz gelangt, die hoch dekorierte Trilogie „Das wilde Kärnten“ hatte die Decke aus Schweigen, Verdrängung und katholischer Seelendeformation aufgewühlt. Der junge Winkler war zum Feind geworden und kam dennoch zurück.
Gleichzeitig verflüchtigten sich die Träume der um sechs Jahre älteren Schwester, die es als Konditorin bis Frankreich getragen hatte. Sie war seelisch zerrüttet und verbrachte dann endlose Jahre in einem Pflegeheim.
Da kehrte sich die Situation der frühen Jahre um: Die ältere Schwester war damals die Starke, Loyale gewesen, auf die sich der verschlossene Vielleser verlassen konnte, wenn Kamering nicht zu ertragen war. Ohne Karl May, der ihn in hermetische Exilwelten entrückte, wäre er vielleicht am Leben gescheitert. Und ohne die Schwester auch, die Jahrzehnte später in seelischer Zerrüttung das Ziel hilflosen, verstörten Spotts auch innerhalb der Familie wurde.
„In meiner Kindheit hat sie besonders auf mich geschaut, und später habe ich dafür auf sie geschaut.“ Der hagere, reizbare, stets auf dem Sprung befindliche Energetiker nimmt sich ein paar Minuten der Ruhe. „Indem ich sie verteidigt habe, wenn über sie gespottet worden ist, weil sie herumerzählt hat, dass sie immer wieder von einem Mann besucht wird. Man hat ihr gesagt, du spinnst wohl, und alles spielt sich nur in deinem Kopf ab. Ja, klar war das so, aber ich habe zumindest meiner Mutter sagen können, dass ich nie wieder hören will, wie man meine Schwester Depperte nennt. Und die zwei Jahrzehnte, die sie ihre Tochter noch erlebt hat, hat sie sich auch daran gehalten. Die Schwester hat immer gewusst, dass ich auf ihrer Seite stehe und sie mir ihre Geschichten erzählen kann. Jetzt, beim Schreiben, bin ich auf diese schöne geschwisterliche Innigkeit gekommen.“
Das Buch


„Erinnerung für Erinnerung“
An dieser Stelle ist das Gespräch zum Monolog geworden, den man sinnvollerweise nicht unterbricht. „Zwischen ihr und mir hat halt seit der Kindheit eine ganz besondere Zuneigung bestanden, die ich im Laufe der letzten Jahrzehnte sicher unterschätzt hatte. Und erst jetzt, beim Schreiben, bin ich wieder draufgekommen, Geschichte für Geschichte, Erinnerung für Erinnerung. Und je weiter ich mich hineingewühlt habe in unser gemeinsames Leben, in der Vergangenheit und auch in der kürzeren Vergangenheit, wurde mir klar, dass es zwischen uns beiden eine geschwisterliche Verbindung gegeben hat, die mit den Brüdern nicht bestanden hat.“
Ja, die Brüder, die gab und gibt es noch, die Winkler waren eine typisch kinderreiche Bauernfamilie. Ein Bruder ist vor anderthalb Jahrzehnten an Krebs gestorben, drei leben noch, einer seit Langem im Deutschland, zu dem ist die Verbindung gut. Aber dass einer von ihnen Literatur werden könnte, das hat sich nie abgezeichnet.
„Gott gegen alle“
Das Schlüsselkapitel des neuen Romans heißt „Jeder für sich und Gott gegen alle oder die Heimkehr der verlorenen Tochter und die Rückkehr des verlorenen Sohnes.“ Die verlorene Tochter, sagt Winkler, sei für ewig und immer heimgekehrt, auf den elterlichen Bauernhof, dann in die Verwahrung. „Aber dem verlorenen Sohn ist es gelungen, immer weiter und weiter fortzugehen und doch zu bleiben.“
Auch in dieser Hinsicht ist er ein literarhistorischer Ausnahmefall. Dem unablässigen, teils blutigen Aufeinanderkrachen der Ethnien ist eine Population von weltliterarischem Format entwachsen. Dabei braucht man nicht einmal Robert Musil zu bemühen, der ein Jahr nach der Geburt mit den Eltern aus Klagenfurt ins Böhmische auswich.
Aber Ingeborg Bachmann, Peter Handke, Peter Turrini, Gert Jonke, Antonio Fian, Christine Lavant, die daheim in die seelische Zerrüttung emigrierte ... unter den Verbliebenen nehmen neben Winkler die Staatspreisträger Anna Baar und Florjan Lipuš einsamen Rang ein.
Ich konnte mir nicht vorstellen, von einem Land, das mir so ungeheuren Stoff bietet, weit weg zu sein
Flucht und Heimkehr
Für ihn sei Flüchten, auch bis nach Indien, immer mit der Gewissheit des Zurückkommens verbunden gewesen, sagt Winkler. Vor 30 Jahren war er Stadtschreiber im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim. Gern hätten sie ihn behalten, man hatte ihm schon eine dauerhafte Wohnung eingerichtet. „Aber ich habe das nicht gewollt, nicht geschafft. Ich habe es mir nicht vorstellen können, dass ich von dem Land, das mir so einen ungeheuren Stoff bietet, so weit weg bin. Und auch nicht von der Schwester.“
Und, vergnügliche Totschlägerantwort auf die immer gestellte Totschlägerfrage: „Ja, wo kommt denn die deutschsprachige Literatur hin, wenn alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller im zweiten Bezirk in Wien und auf dem Prenzlauer Berg in Berlin leben?“ Ein Wort von Herbert Achternbusch beschließt das oft bemühte Themenfeld: „Diese Gegend hat mich kaputtgemacht und ich bleibe, bis man ihr das ansieht.“
Kannibalisches Verbrechermahl
Wie könnte er auch den Heimatbezirk entbehren, wo sich der Kriegsverbrecher Odilo Globocnik dauerhaft in die Nahrungskette eingebracht hat? Der Kurzzeitgauleiter von Wien wurde 1945 auf der Flucht von den englischen Besatzungstruppen gestellt und zerbiss eine Zynakalikapsel. Und da ihn der Ortspfarrer nicht auf seinem Gottesacker dulden wollte, verscharrte man ihn auf der Sautratten, einem Gemeinschaftsfeld von 20 Hektar Ausdehnung. Ein Panzer fuhr über die Grabstelle, um sie für Reliquiensammler unkenntlich zu machen. Das dort abgebaute Korn wurde in der nahen Faistritzer Mühle gemahlen und an Ort und Stelle zu Brotlaiben verarbeitet – ein gespenstisches Ritual zwischen Kannibalismus und christlichem Opfermythos.
Hat sich der Zorn der Anwohnerschaft gegen den nicht schweigen wollenden Sohn verflüchtigt? Am Wohnort Klagenfurt schon. „Aber im Dorf bin ich nach wie vor, und das passt schon so, eine Persona non grata. Ich habe meine Haltung und sie die ihre. Warum sollen sie mich plötzlich verehren, und auch noch nach diesem Buch, das unmittelbar das Dorf betrifft?“
Das Phänomen ist geläufig: Selbst im Untertanenstaat hat die Verbiegung vor dem Erfolg Grenzen, wenn es an das Unausgesprochene geht. Die Rechtssumper haben Elfriede Jelinek den Nobelpreis nie verziehen, gegen Peter Handke sind zum selben Anlass die Linkssumper ausgerückt.
Der eng befreundete Handke, den Winkler den bedeutendsten lebenden europäischen Schriftsteller nennt, führt das Gespräch vom Anlass des Buches weg. „Ich habe 50 oder 60 Bücher von ihm gelesen. Und wenn ihn jemand aus politischen Gründen angreift, sage ich: ,Haben Sie die 600 Seiten gelesen, die Handke über Jugoslawien geschrieben hat?‘ Keiner hat, aber jeder hat etwas gehört. Das findet sogar in Hörsälen statt. Dann sage ich, wir sind doch im akademischen Raum und nicht an irgendeinem Biertisch, wo den Leuten der Schaum über den Augenbrauen steht. Dann wissen sie gleich nichts mehr zu sagen.“
Solange der Kickl bei 30 Prozent ist, nenne ich ihn einen Ribiseltarzan, weil ihn 70 Prozent nicht gewählt haben
Politische Kurzdiagnosen innen- oder außenpolitischer Beschaffenheit verweigert er, er äußere sich nur, wo er kundig sei. Aber ein Wort zum blauen Landsmann, dem Pferdedoktor, gewährt er schon. „Solange der Kickl bei 30 Prozent ist, nenne ich ihn einen Ribiseltarzan, weil ihn 70 Prozent nicht gewählt haben. Aber er geht schon über 35 Prozent hinauf, und von der alten Nutte ÖVP kriegt er immer zehn Prozent. Dann ist er Bundeskanzler der Republik Österreich. So schaut es aus.“
Und die Petition zur Rettung des Lateinunterrichts hat er unterschrieben. Seine Tochter müsse für ihr Kunstgeschichtestudium Latein nachholen und habe daran ihre Freude. „Und außerdem habe ich eine achtklassige Dorfvolksschule und zwei Klassen Handelsschule geschafft und war auf die im Gymnasium immer ein bisschen eifersüchtig und neidisch. Ich habe nicht den Luxus gehabt, eine Sprache wie Latein kennenzulernen, die etwas unglaublich Schönes sein muss. Latein ist nach meinem Empfinden auch nach wie vor eine lebende Sprache. Es gibt ja keine toten Sprachen.“
Österreichische Büchner-Preisträger
Der Georg-Büchner-Preis, vergeben von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, ist die bedeutendste literarische Auszeichnung des Sprachraums. Er wird seit 1951 verliehen und ist heute mit 50.000 Euro dotiert. Bis 2025 haben ihn nur 13 Österreicher entgegengenommen. Rechnet man die im alten Österreich geborenen Emigranten Hermann Kesten und George Tabori dazu, sind es 15.
1964: Ingeborg Bachmann
1970: Thomas Bernhard
1973: Peter Handke (1974: Hermann Kesten, kein Staatsbürger)
1975: Manès Sperber
1984: Ernst Jandl
1987: Erich Fried
1988: Albert Drach
1997: H. C. Artmann
1988: Elfriede Jelinek (1992: George Tabori, kein Staatsbürger)
2001: Friederike Mayröcker
2008: Josef Winkler
2009: Walter Kappacher
2021: Clemens J. Setz
Wie entsteht Weltliteratur?
Indes gibt es Lohnenderes, auch Beständigeres zu erörtern als Kickl und Wiederkehr. Zurück deshalb zum Hauptgegenstand des Gesprächs. Wie darf man sich das Entstehen von 420 Seiten Weltliteratur vorstellen? „Am Anfang war, so wie immer, eine extreme Zurückhaltung und Sprachlosigkeit in mir. Dann habe ich mich in den Surrealismus hineingesteigert. Dabei ist es mir gelungen, wieder Wortspiele und Sprachspiele zu finden und mit diesen Spielzeugen Spiele zu erfinden. Das Spielzeug Sprache liegt ja nicht auf dem Tisch“, gewährt er einen Blick in die Werkstatt. „Man muss zuerst etwas erfinden und die Erfindung auf den Tisch legen, um damit bauen zu können. Ich vergleiche das mit einem Floß. Wenn es einmal gebaut ist und ich drauf bin, kann ich andere Ufer suchen. Ich mache Wort- und Sprachspiele und habe keine Ahnung, wo das hinführt. Es ist mir auch völlig egal, Hauptsache, ich gehe wieder irgendwie mit der Sprache um. Dann ist das Floß gebaut und sucht ein Ufer, wer weiß wo auf der Welt.“
Wohin Christus nicht kam
Und jetzt? Wird ihn das Floß womöglich wieder in die Ferne tragen. Für das Buch war ein Epilog angedacht, der nach Süditalien führen sollte, an den Schauplatz des Romans „Christus kam nur bis Eboli“. Der jüdische Arzt und Aut0r Carlo Levi thematisierte da seine Verbannung in die unwegsame Region Lukanien während der Mussolini-Diktatur.
Aber ein Anhängsel hätte den Roman geschwächt, sagt Winkler. Deshalb werde er die Region jetzt bereisen, und daraus könne vielleicht der nächste Band wachsen. „Weil ich habe das Gefühl, so ganz im Himmel, so weit, wie ich sie hinaufgehoben habe, ist meine Schwester noch nicht. Sie zappelt noch irgendwo dazwischen, und ich muss ihr in Eboli noch einen Schubs geben. Dann ist die Geschichte vollendet und soll das erste Kapitel meiner nächsten Arbeit sein.“
Ein Schubs in den Himmel: Welch eine Metapher für das Schreiben.
Steckbrief
Josef Winkler
Geboren am 3. März 1953 in Kamering, Kärnten, in eine arme Bauernfamilie mit sechs Kindern. Der gewalttätige Vater und die fast wortlose Mutter prägten ihn ebenso wie die unaufgearbeitete Nazi-Geschichte des Ortes. Er besuchte die Dorfschule und dann die Handelsschule und erwarb sich durch Lektüre die Ausstattung für ein gewaltiges Werk. Mit der Trilogie „Das wilde Kärnten" („Menschenkind“, „Der Ackermann aus Kärnten“, „Muttersprache“) wurde er zum Begriff. Er empfing höchste Auszeichnungen, unter ihnen den Büchner-Preis und das Ehrendoktorat der Uni Klagenfurt. Er führte heftige Kontroversen mit der Haider-FPÖ. Weitere Hauptwerke: „Friedhof der bitteren Orangen“, „Domra“, „Wenn es soweit ist“, „Natura Morta“, „Die Ukrainerin“. Winkler ist verheiratet und hat zwei Kinder. Das Ehepaar lebt in Klagenfurt.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 12/2026 erschienen.







