Johannes Fibiger erhielt 1926 den Medizin-Nobelpreis für eine Krebs-Theorie, die sich später als Irrtum erwies – und dennoch Forschungsgeschichte schrieb.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konzentrierte sich die Medizinwissenschaft auf Bakteriologie und Infektionskrankheiten. Krebsforschung war ein wissenschaftliches Randgebiet. Einer der wenigen Wissenschafter, der versuchte, die Brücke zu schlagen zwischen Infektion und Krebserkrankung, war der Däne Johannes Fibiger. 1926 bekam er für seine Entdeckungen auf dem Gebiet der Magen-Karzinome den Medizin-Nobelpreis – zu Unrecht, wie sich später herausstellte.
Biografie
Johannes Fibiger wurde 1867 in Silkeborg, Dänemark, geboren. Er studierte Medizin und Bakteriologie an der Universität Kopenhagen und arbeitete auf Forschungsgebieten mit den Nobelpreisträgern Emil von Behring und Robert Koch. 1900 wurde Fibiger Direktor für pathologische Anatomie an der Universität Kopenhagen, eines der wenigen Zentren, die sich mit Krebsforschung beschäftigten.
Küchenschaben
Sein Irrtum über die Ursachen von Krebserkrankungen begann 1907 mit der Untersuchung von Magen-Karzinomen bei Ratten. Er fand Nematoden (Würmer) in den Tumoren und vermutete, dass Würmer eine der Ursachen für Krebsgeschwüre sein könnten. In einer Arbeit von 1878 fand er den Nachweis, dass Nematoden in Küchenschaben vorkommen, und vermutete, die Schabe könnte möglicherweise der Zwischenwirt sein.
Bei weiteren Untersuchungen von Ratten fand er nur wenige Tumore – außer bei einer Gruppe, die eine Zuckerfabrik bevölkerten. Bei ihnen entdeckte er Wucherungen voller Würmer. Er begann, mit Würmern befallene Schaben an Mäuse zu verfüttern, und tatsächlich entwickelten die Mäuse Krebsgeschwüre im Magen. Fibiger veröffentlichte im „Journal of Cancer Research“ seine Forschungsergebnisse – den direkten Zusammenhang zwischen Nematoden und der Bildung von Geschwüren. Seine Analyse – Parasiten könnten auch beim Menschen die Ursache für Krebserkrankungen sein.
Fibigers Theorie über die Entstehung von Krebs durch körperfremdes organisches Material begeisterte die Wissenschaft. In der Begründung für seinen Nobelpreis hieß es, seine Entdeckung habe eine neue Ära der Krebsforschung eingeleitet.
Vitamin-A-Mangel
Bereits 1935 zweifelten Wissenschafter an Fibigers Forschungsansätze. Sie vermuteten, dass Tumore in Ratten und Mäusen nicht durch Würmer verursacht wurden, sondern eine Folge von Vitaminmangel sein könnten, und Parasiten das Tumorwachstum beschleunigen. Ratten mit einer ausgeglichenen Ernährung würden keine Tumore entwickeln. Die einseitige Nahrung in der Zuckerfabrik könnte für die Erkrankungen verantwortlich gewesen sein.
Der Nachweis gelang 1952. US-Forscher versuchten Fibigers Experiment mit einer Kontrollgruppe zu wiederholen. Sie fütterten Ratten mit ausreichend Vitamin A, andere mit Vitamin-A-armer Nahrung und setzten beide Gruppen den Nematoden aus. Nur Ratten mit Vitamin-A-armer Nahrung entwickelten Wucherungen. Fibiger hatte die Ratten mit Weißbrot und Wasser gefüttert. Die Untersuchung der Herstellungsmethoden der Bäckereien aus Fibigers Zeit ergab, dass Brot damals weder Eier noch Milch enthielt.
Fibiger erlebte den Beweis seines Irrtums nicht. Er starb 1928.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.







