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Jessica McGawley: „Ich coache Kinder von Superreichen in ein sinnerfülltes Leben“

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Jessica McGawley©Anna Batchelor / The Sunday Times / News Licensing

Die Britin leitet die Beratungsagentur Dallington, die jungen Menschen aus vermögenden Familien dabei hilft, ihren Platz im Leben zu finden. Die Kosten beginnen bei 65.000 Euro pro Jahr. Der Begriff „Nepo-Baby“ ist verboten.

Es ist Samstagvormittag. In einem georgianischen Stadthaus im zentralen Teil Londons, Bloomsbury, versammelt sich eine Gruppe junger Männer zwischen 21 und 28 Jahren, um mit einem Therapeuten über die Privilegien und Herausforderungen zu sprechen, die das Aufwachsen in astronomischem Reichtum mit sich bringt.

Alles kann Geld eben nicht kaufen

Ein Luxusproblem, könnte man meinen. Vor allem in einer Zeit, in der viele Gleichaltrige mit einem schwächelnden Arbeitsmarkt, erdrückenden Studienkrediten und einer unsicheren Zukunft kämpfen. Es geht diesen jungen Männern auch nicht um Mitleid. Sie alle versuchen, ihren Platz in einer Gesellschaft zu finden, die großen Reichtum gleichermaßen verehrt und verachtet.

Sie tragen unauffällige, legere Kleidung. Es sind keine Luxusmarken zu sehen. Einige der Anwesenden bemühen sich sogar bewusst darum, möglichst gewöhnlich zu wirken. „Einem oder zwei von ihnen musste ich sogar sagen, sie sollen sich dringend neue Schuhe kaufen“, erzählt Jessica McGawley lachend. Die 39-Jährige ist Gründerin von Dallington, eine Beratungsagentur, die sich darauf spezialisiert hat, Kinder von Superreichen ins Leben zu begleiten. Dabei geht es auch darum, wie man mit Vermögen verantwortungsvoll umgeht, aber vor allem darum, einen Sinn im Leben zu finden.

Ein Safespace für Ultrareiche

Unter den Teilnehmern sind jugendliche Männer und Frauen, von denen viele Londons renommierteste Schulen und Universitäten besuchen. Sie schauen auf dem Heimweg im Stadthaus vorbei. Die Einrichtung besteht aus zusammengewürfelten Midcentury-Möbeln, Büchern, großen Holztischen und gesprenkelten Keramikkrügen voll frischer Blumen.

Die Atmosphäre ist gemütlich. Neben der Eingangstür stehen Körbe mit Snacks, Gläser voller Haribo-Süßigkeiten und ein Kühlschrank mit San-Pellegrino-Limonaden. „Wir imitieren weder das Büro ihrer Eltern in Mayfair noch versuchen wir, wie die Wohnungen ihrer Freunde in Shoreditch zu sein“, sagt McGawley.

Einige der Jugendlichen, die heute hier sitzen, sind Kinder von Selfmade-Multimillionären. Ihre Eltern haben im Laufe ihres Lebens in der Finanzbranche, der Industrie oder der Tech-Welt mehr Geld verdient, als sie ausgeben könnten. Diejenigen, die ihr Unternehmen verkauft haben, hinterlassen ihren Kindern den Segen und die Bürde unerschöpflicher Vermögen. Manche hier kämpfen damit, die Söhne berühmter und mächtiger Väter zu sein. Andere stammen aus Unternehmerdynastien, in denen erwartet wird, dass sie den Platz im Familienunternehmen einnehmen.

Psychisch belastet wie in Armut

McGawleys Geschäftspartnerin, die Psychologin Farah Khushabi, 33, hat gerade ihre Doktorarbeit über die Identitätsbildung wohlhabender junger Erwachsener abgeschlossen. Dabei stellte sie fest, dass viele von ihnen unter Isolation, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit leiden. Einige Studien weisen sogar auf eine U-förmige Kurve hin: Die psychische Belastung der reichsten jungen Menschen ähnelt demnach jener der ärmsten Bevölkerungsgruppen – mit vergleichbaren Raten von Angststörungen und Depressionen.

„Sie werden ständig als Nepo-Babys abgestempelt“, sagt Khushabi. „Ihnen wird praktisch nie zugestanden, eigene Leistungen erbracht zu haben. Jeder von ihnen hat schon einmal gehört: ,Du bist doch nur an dieser Universität, weil deine Eltern gespendet haben.‘ Wer offen sagt, dass er Erbe oder Erbin eines großen Vermögens ist, begeht gesellschaftlichen Selbstmord. Also verstecken viele diesen Teil ihrer Identität und erschaffen eine andere Version ihrer selbst.“

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Farah Khushabi

 © Dallington Associates

Ganz oben weht ein kalter Wind

Eine von Dallingtons Klientinnen ist Emilia*, die 21-jährige Tochter eines wohlhabenden alleinerziehenden Elternteils. „Mir ist bewusst, dass ich viele Probleme, die andere Menschen quälen, nicht habe, wie finanzielle Sorgen“, sagt sie.

„Aber Freundschaften, Dating, Kollegen im Job. All das ist ein Albtraum. Mein Chef weiß nichts über meinen Hintergrund und er schimpft ständig über reiche Menschen. Es ist völlig ausgeschlossen, dass ich je offen darüber rede, wo ich herkomme. Dasselbe gilt für Freunde oder Beziehungen. Einen Großteil meiner Schul- und Studienzeit habe ich damit verbracht, diesen Teil meines Lebens zu verbergen und mir ständig Gedanken darüber zu machen. Ehrlich gesagt finde ich es einfacher, mit mir allein zu sein.“

„Ich war nicht faul, mir fehlte Sinn“

McGawley sagt, die Sinnsuche sei besonders schwierig für jene jungen Menschen, deren Eltern ihre Unternehmen verkauft und das Vermögen in Form von Bargeld oder Finanzanlagen weitergegeben haben. „Wenn sich eine Familie mit großen liquiden Vermögenswerten an uns wendet, denken wir oft zuerst: Oje!“, sagt sie. „Es ist wie bei Netflix: Die Möglichkeiten sind unendlich groß. Wie entscheidet man sich für einen Weg, wenn einem alles offensteht?“

Harry*, 25, ist Begünstigter eines großen Familienfonds, nachdem das Unternehmen seiner Familie vor Kurzem verkauft wurde. Extremer Reichtum habe ihm den Antrieb genommen, herauszufinden, worin er gut ist, sagt er. „Alle haben mich faul genannt. Aber ich war nicht faul“, sagt er. „Ich wusste einfach, dass ich ein Sicherheitsnetz habe. Wenn ich nicht arbeite, habe ich trotzdem etwas zu essen, ein Dach über dem Kopf und alles, was ich brauche. Einige meiner Freunde müssen sich darüber echte Sorgen machen. Die haben Biss. Die kämpfen sich durchs Leben. Bei mir hat es viel länger gedauert, Sinn zu finden.“

Milliardäre kommunizieren falsch

Eine weitere Schwierigkeit besteht laut McGawley darin, dass Superreiche oft erstaunlich schlecht darin sind, mit ihren Kindern über Geld zu sprechen. Die Kinder wachsen privilegiert auf, manchmal mit einem gewissen Anspruchsdenken, haben aber häufig kaum eine Vorstellung von den globalen Unternehmen, Beteiligungen und komplexen Familienstiftungen, die ihren luxuriösen Lebensstil finanzieren. Eine der ersten Fragen, die McGawley ihren Klienten stellt, lautet deshalb: „Wisst ihr eigentlich, wie viel ihr wert seid?“ „Sehr oft haben sie nicht die geringste Ahnung“, sagt sie.

Mit britischer Zurückhaltung habe dies nichts zu tun: „Unsere Familien kommen aus der ganzen Welt, aus der Schweiz, Deutschland, Indien, Russland oder dem Nahen Osten. Es geht oft um so viel Geld, dass Eltern vor allem eine Frage beschäftigt: Wann sagen wir unseren Kindern die tatsächlichen Zahlen? Denn irgendwann finden sie oder ihre Freunde es online heraus. Wie spricht man darüber?“

Geld ist eine Sprache

Am liebsten setzt McGawley sehr früh an. Sie berät bereits junge Eltern, wie sie mit kleinen Kindern über Geld, Vermögen und Familienstrukturen sprechen können. Die meisten vermögenden Familien beginnen ihrer Ansicht nach viel zu spät damit. „Geld ist eine Sprache wie jede andere“, sagt sie. „Je früher man beginnt, sie zu lernen, desto leichter fällt sie einem.“ Neben den Therapiesitzungen bietet Dallington Kurse und Workshops über die Sprache der Finanzwelt, Governance, Philanthropie sowie den Umgang mit Reputation und Riskmanagement an.

Sowohl McGawley als auch Khushabi sind selbst in einem Umfeld aufgewachsen, in dem großer Reichtum selbstverständlich war. McGawleys Vater besaß ein Unternehmen für Schiffsfinanzierungen in London. Sie besuchte zunächst eine Privatschule in Harley Street und später das Internat Queenswood in Hertfordshire. Khushabi wuchs in Bahrain auf, wo ihre Eltern im Bankensektor arbeiteten, und ging auf die St. Christopher’s School, eine internationale Privatschule mit britischem Lehrplan. Beide bringen „große Empathie“ für ihre Arbeit auf. Gleichzeitig sei es schwierig, Mitarbeitende zu finden, die ähnlich unvoreingenommen seien, sagen sie. McGawley behauptet, sie erkenne latente „Plutophobie“ – also Vorurteile gegenüber reichen Menschen – bei Bewerbern schon auf den ersten Blick.

Auf einmal Milliardär

Bevor sie Dallington gründete, arbeitete McGawley als Familienmediatorin für eine Beratungsgesellschaft, die sich mit der Weitergabe von Vermögen an die nächste Generation beschäftige. Dabei stellte sie ein Muster fest: Die finanziellen Strukturen waren perfekt vorbereitet, die juristischen Konstruktionen ausgeklügelt, die steuerlichen Fragen geklärt.

Doch die Eltern hatten ihre Kinder nicht darauf vorbereitet, eines Tages über gewaltige Vermögen zu verfügen. Genau dort entstand eine gefährliche Lücke, in der vieles schieflaufen konnte. „Jeder Einzelne unserer jungen Klienten war Begünstigter eines erheblichen Vermögens“, sagt sie. „Und keiner von ihnen wusste, was das eigentlich bedeutet.“

Coaching für die ganze Familie

McGawley gründete Dallington im Jahr 2016. Die Beratung arbeitet jeweils über einen Zeitraum von ein bis drei Jahren mit höchstens fünf Familien gleichzeitig. Das Vermögen dieser Familien liegt nach ihren Angaben zwischen rund 350 Millionen Euro und mehreren Milliarden. Darunter befinden sich auch in der Öffentlichkeit bekannte Namen. Das Angebot reicht von Entwicklungsprogrammen für die nächste Generation über Coaching bis hin zu therapeutischer Begleitung bei komplexen Familiendynamiken.

„Jahrelang haben wir ausschließlich mit den Kindern gearbeitet“, sagt McGaw­ley. „Das war ein Fehler. Die gesamte Familie ist ein wichtiger Teil des Prozesses.“ An einer Wand im Familienraum hat ein Klient für sich festgehalten, wie Unabhängigkeit aussehen könnte: „Allein leben, Mahlzeiten selbst organisieren, Sport treiben und ein Sozialleben haben.“

Kosten ab 65.000 Euro pro Person

Während Khushabi Einzelgespräche in einem eigenen Therapieraum anbietet, leitet McGawley das sogenannte Rising Gen Programme. Es richtet sich an Geschwister und auch Verwandte zweiten Grades aus Unternehmerfamilien und soll ihnen helfen, besser zu kommunizieren. Die Teilnehmer treffen sich einmal pro Woche. Zu den Kunden gehörten eine Unternehmerfamilie mit 10.000 Beschäftigten ebenso wie ein Gründer, der sein Unternehmen für 580 Millionen Euro verkauft hat.

Die Kinder und jungen Erwachsenen, mit denen Dallington arbeitet, sind zwischen 16 und 30 Jahre alt. Die Honorare spiegeln die Exklusivität des Angebots wider: Das Mentoring beginnt bei 65.000 Euro pro Familienmitglied und Jahr. Für das Rising Gen Programme werden mindestens 140.000 Euro jährlich fällig. Bei größeren Familiengruppen kann die Rechnung auch bei 230.000 Euro pro Jahr liegen.

Ist der Erfolg wirklich meine Leistung?

Hassan*, 28, sagt, die Erwartung, dass er ins Familienunternehmen einsteigt, beeinträchtige seine Selbstbestimmung stark. „Es ist keine Branche, für die ich brenne. Aber das Unternehmen ist wichtig, es beschäftigt sehr viele Menschen. Ich will kein Mitleid heischen, aber es ist ein enormer Druck, mit dem ich aufwachse“, sagt er. „Wenn man mich trifft, würde niemand denken, dass ich aus einer wohlhabenden Familie komme“, sagt er, obwohl sein Nachname sehr bekannt ist. „Mein Vater und mein Großvater haben etwas geschaffen, das einen positiven Beitrag für die Gemeinschaft leistet. Darauf bin ich stolz. Aber es bedeutet, dass ich besonders hart arbeiten muss, um mich zu beweisen.“

„Viele wohlhabende junge Menschen setzen sich selbst enorm unter Druck“, sagt Khushabi. „Doch selbst wenn sie Erfolg haben, bleibt oft die nagende Frage: Ist dieser Erfolg wirklich mein Verdienst, wo ich doch so viele Vorteile hatte? Daraus entsteht Scham. Es geht nicht nur um die Schuldgefühle, weil man mehr besitzt als andere. Es ist das tiefere Gefühl, dass die eigene Position moralisch fragwürdig sein könnte.“

Was die Eltern nicht verstehen

In einem Interview aus dem Jahr 1986 sagte der Investor und Philanthrop Warren Buffett, der für seinen vergleichsweise bescheidenen Lebensstil bekannt ist, es sei „schädlich“ und „gesellschaftlich problematisch“, Kindern so viel Geld zu hinterlassen, dass sie nie arbeiten müssten. Wäre es also besser, die Kinder früher auf eigenen Beinen stehen zu lassen? „Für Menschen, die den Wohlstand in ihrer Familie erschaffen haben, ist es oft schwer zu erkennen, dass dieses Geschenk für nachfolgende Generation Schattenseiten hat“, sagt McGawley.

Die Kinder der Reichsten stecken sich zum Abschied Haribo-Bonbons aus den Gläsern neben der Tür in die Taschen. „Diese Eltern haben unglaublich hart gearbeitet und viel geopfert. Aber wenn sie sagen: ,Ich mache das alles für meine Kinder‘, widerspreche ich ihnen. Sie tun das nicht für ihre Kindern. Sie machen es vor allem für sich selbst.“

Die Namen Emilia, Harry und Hassan wurden geändert.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 28+29/2026 erschienen.

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