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Tragikomische Geschichten über gestrandete Existenzen beim Branntweiner oder zwielichtige Typen im Beisl, gepaart mit Melodien zwischen Austropop und Wiener Lied mit Gypsy-Anklängen wurden schnell eine Art Markenzeichen des nicht ausgelernten Konditors, der eigentlich David Öllerer heißt und mit dem Rockquartett Die Eternias schon ein Musikerleben vor Voodoo-Zeiten vorzuweisen hat. Nach einer schrittweisen Öffnung hin zu anderen Themen und dem hörbar stetigen Zusammenwachsen seiner Band Ansa Panier hat Jürgens mit Platte Nummer 4 die Tschocherl-Partie nun endgültig hinter sich gelassen.
"Ich finde, man kann das auch nicht ewig ausschlachten", betont der Künstler. "Das Schlimmste wäre - wenn irgendetwas funktioniert -, denselben Schmäh immer wieder zu machen". Außerdem geht Jürgens selbst kaum noch in die einst besungenen Tranklerbuden der Stadt. "Ich habe mich früher als Teil des Ganzen gesehen. Dort bin ich verkehrt. Das stimmt jetzt so nimmer." Überhaupt stelle er sich immer die Frage: "Welche Tür kann ich noch aufmachen in dem ganzen Voodoo-Kosmos, ohne dass ich mich komplett verbiege?"
Neu war diesmal erst einmal die Arbeitsweise. Denn anders als bisher, kam Jürgens nicht mit fertigen Texten zur Band, um dann gemeinsam die Musik dazu zu zimmern, sondern ging es umgekehrt an. Sprich: In Konstellationen zu zweit oder zu dritt hat man als ersten Schritt die Instrumentals gebaut. Erst danach ging es für den Sänger ans Texten. "Wenn ich einen Text schreibe, hat der meistens auch schon die Melodie drin. Vom Feeling ist es gemütlicher, wenn man schon mit etwas daherkommt. Diesmal ist alles an mir gelegen."
Das macht natürlich Druck. Anfangs habe er das Experiment bereut, gesteht der Liedschreiber - aber: "Auch wenn ich gelitten habe - keine Übertreibung, mir ist es teilweise wirklich schlecht gegangen -, hat es sich schon ausgezahlt." Eine Ahnung vom Hadern mit dem eigenen Output erzählt das Lied "Da Zweifl". "Ich habe eine Zeit lang wirklich Zweifel gehabt, ob ich das schaffe mit der umgedrehten Arbeitsweise. Mir ist vieles, was ich geschrieben habe, floskelhaft vorgekommen. Das hat mich sehr frustriert." Aus der Not machte er schließlich eine Tugend und packte "den ganzen Kummer" in ein Lied. In "Ka Ruah", dem letzten der elf neuen Stücke, breiten sich ebenfalls Sorgen und Schlaflosigkeit aus. Und nachdenklich geht es schon im Opener "Langsam wirst ma fremd" über das Ende einer Beziehung oder Freundschaft zu.
Musikalisch bietet die Platte jede Menge neuer Schattierungen, in denen sich die Band voll entfalten kann. Der schon als Single ausgekoppelte Song "Vaschwindn" über zwei, die sich davonstehlen und verstecken wollen vor der Welt, klingt stark nach dem wuchtigen David-Bowie-Sound aus "Heroes"-Zeiten, in "Da dings" umschmeicheln Hammondorgel und ein Uuh-uuh-Chor das Ohr, im jazzigen "Somnambulen" pfauchen und kreischen die Blasinstrumente, dass es einem fast gruselt.
Auch wenn Jürgens betont, dass er seit dem frühen Song "Tulln" über sein Aufwachsen ebendort nie wieder so ein persönliches Stück veröffentlicht habe - inhaltlich ist das frische Material insgesamt introspektiver, grüblerischer, dunkler. Wobei mit einem Track wie "Taxitänzer" dann auch einer klassischen Voodoo-Figur alle Ehre widerfährt. Und das titelgebende "Gschnas" ist sowieso ein Hohelied auf die Geselligkeit und den Wein, der "aus Fassln rinnt". Und paradiesischerweise regnet es dann auch noch Faschingskrapfen.
Eingespielt hat die Truppe die Songs in Deutschland. "Wir wollten ursprünglich in Frankreich in den Studios aufnehmen, wo Tocotronic 'K.O.O.K.' aufgenommen haben." Da gab es allerdings Terminprobleme, weshalb sich Jürgens wieder an ein "Vintagestudio" in Bremen erinnerte: "Heintje hat dort aufgenommen und Rudi Carrell sein 'Wann wird's mal wieder richtig Sommer'. Ein legendäres Studio."
Dass die Fans mit einer gewissen Erwartungshaltung auf die neue Platte und damit auch auf die am 7. April im Innsbrucker Treibhaus startende und am 24. September mit einem Arena Open Air in Wien endende Tour warten, stresst den Musiker, der auch als Schauspieler ("Rickerl") reüssiert und sich der Malerei widmet, eher wenig. "Das breche ich gerne." Freilich könne man dadurch Publikum verlieren, aber halt auch neues dazugewinnen. Aber mit sich selbst hat Voodoo Jürgens sowieso schön längst ausgemacht, "dass nicht alles immer größer werden und ich in den Charts herumkugeln muss".
(Das Gespräch führte Thomas Rieder/APA)
(S E R V I C E - https://voodoojuergens.com/ )
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Georg Hochmuth/GEORG HOCHMUTH
