Karin Leeb und ihr Mann Martin Klein begrüßen seit mittlerweile 23 Jahren im Hotel Hochschober auf der Turracher Höhe Menschen, die Erholung, Ruhe, Auftrieb oder auch Geborgenheit suchen. Psychologisch gesehen können sich Gäste in einem Hotel gleichsam wie in einen Mutterschoß zurückbegeben.
Wie sind Sie als zweitältestes Kind der Eigentümer zum Handkuss gekommen, mit Anfang 30 das Hotel Hochschober zu übernehmen?
Zum Handkuss gekommen ist wirklich die richtige Formulierung. Ich habe drei Brüder, und der mittlere Bruder war vorgesehen, den Hochschober zu übernehmen. Es hieß immer, ja, du machst das einmal. Mit dieser Bestimmung ist er aufgewachsen und hat dann im Großraum Los Angeles Grafikdesign studiert. Dort hat er dann seine wirkliche Identität gefunden und erkannt, dass er das Hotel gar nicht weiterführen will. Er schrieb dann einen Brief und hat abgesagt. Damals sind meine Eltern in ein tiefes Loch gefallen, nachdem schon alles auf die Übergabe ausrichtet war.
Ich kannte meinen Mann Martin zu diesem Zeitpunkt schon. Er war Physiotherapeut in München mit vielen Zusatzausbildungen, unter anderem in Körperarbeit, Rolfing, Yoga, … Und irgendwie hat dann eins zum anderen geführt. Der Hochschober auf der Höhe des Wellnessbooms, und ich hatte diesen tollen Mann an der Seite, der bereit war, mit mir ins volle Risiko zu gehen, was Neues zu beginnen, einen neuen Beruf zu lernen in einem neuen Land, mit einer neuen Familie. Also rückblickend sagen wir immer: Hut ab, dass wir uns das beide damals zugetraut haben.
Was hätte Karin Leeb gemacht, wäre sie nicht mit ihrem Mann im Hotel Hochschober „gelandet“?
Als junge Frau hatte ich zunächst davon geträumt, Übersetzerin oder Dolmetscherin zu sein. Dieser allererste Lebenstraum ist dann nicht aufgegangen. Wenn ich mit ihm nicht den Hochschober übernommen hätte, dann hätte ich mit dem Martin gemeinsam eine Praxis betrieben, eine sehr gut gehende Praxis in einer tollen Gegend. Und wir hätten wahrscheinlich gemeinsam diese Praxis nach vorne gebracht, hätten unsere Kinder in München bekommen und würden wahrscheinlich in München leben.
Wir können aber nur dann aus freiem Stücken zusammenleben, auch unabhängig von äußeren Bedingungen, wenn wir unsere Beziehung pflegen
Wie schaffen Sie mit Ihrem Mann diesen Spagat zwischen privat und beruflich?
Wir leben zusammen, arbeiten zusammen, fahren im besten Fall gemeinsam auf Urlaub, machen zusammen Geschäftsreisen. Also für uns ist es ganz, ganz wichtig, Strukturen zu schaffen, wo jeder auch einmal für sich sein kann, wo wir sowohl als Geschäftsführer als auch als Privatpersonen, Eltern oder Eheleute individuell Freiräume schaffen. Wir haben uns auch immer professionell unterstützen und coachen lassen. Wir sind mit der „Imago“-Paartherapie sehr vertraut, das ist eine Art von Beziehungsarbeit.
Wir überlassen es nicht dem Zufall, in der Art: „Schauen wir mal, dann sehen wir schon.“ Es gibt natürlich sehr viele Gegebenheiten von außen, die uns zusammenhalten: Gemeinsamer Besitz, eine Firma und Kinder. Da ist sehr viel, das uns verbindet und zusammenhält. Wir können aber nur dann aus freiem Stücken zusammenleben, auch unabhängig von äußeren Bedingungen, wenn wir unsere Beziehung pflegen. Es geht um bewusste Beziehungsarbeit.
Was kann man für die Liebe tun?
„Imago“ heißt Spiegel: Für die Partnerschaft ist ganz zentral, dass man einander spiegelt, gesprochene Worte wiederholt und nachfragt, ob man einander richtig verstanden hat. Denn nur wenn ich mein Gegenüber richtig verstanden habe, kommen seine Worte bei mir richtig an. Nur so kann man erst richtig gut kommunizieren und auch schwierige Themen lösen.
Was ich ganz wichtig finde, ist, dass jeder für sich Strategien entwickelt, wie er in hochemotionalen Situationen wieder ins Denken kommt. Mir hilft es beispielsweise, dass ich einfach sage: „Ich gehe jetzt mit dem Hund.“ Klar hat nicht jeder einen Hund oder kann sich einen anschaffen. Aber man sollte raus aus der Situation und an die frische Luft. Ein anderes Tool ist auch, die Situation zu unterbrechen, damit sich die Emotion wieder selbst reguliert.
Wogrollys Couch: Das Interview zum Ansehen
Sie kümmern sich um Gäste und Mitarbeiterinnen. Wer kümmert sich um Sie? Sie sich selber?
Man kann sich nicht um andere kümmern, wenn man sich nicht um sich selber kümmert. Wir hatten zu Beginn unserer Hochschober-Zeit sehr schnell im Abstand von zwei Jahren zwei Kinder. Ich habe bald gemerkt, dass meine „MeTime“, die nur mir gehört, verschwindet, wenn ich sie nicht einplane wie einen Termin. Ich teile mir das ein und stehe früher auf, da bin ich sehr diszipliniert, weil das tut mir ja gut. Und das sind mittlerweile drei Stunden zwischen fünf und acht in der Früh, die nur mir gehören.
Das gibt mir dann die Kraft, viel zu leisten und auch in vielen gelebten Rollen präsent zu sein über viele Stunden am Tag und viele Tage in der Woche. Mein Mann und ich haben schon einen Rhythmus entwickelt, dass wir jedes zweite Wochenende gemeinsam frei haben, auch gemeinsame Urlaube machen, manchmal auch jeder für sich. Die erwähnten Freiräume sind unverzichtbar. Und das ist mein Schlüssel dazu, das hier alles konstant leisten zu können.
Was kann ein Paar machen, dass die Liebe beständig bleibt?
Es liegt mir nicht, anderen Menschen Ratschläge zu geben. Ich kann nur sagen, was für uns wichtig ist, und das ist: Dass wir uns als Paar geplante Zeiten eintragen. Ich nenne es „Freu-Termine“: Das sind Termine, auf die man sich freut. Wenn man zum Beispiel sagt, dann fahren wir mit unserem Sohn Daniel nach Wien – unsere Tochter Julia studiert dort.
Wir machen dann aber nicht jeden Abend mit den Kindern was aus, sondern mein Mann und ich gehen auch mal zu zweit schön essen. Das ist jetzt kein großes Geheimnis. Das wird jeder, der länger verheiratet ist, bestätigen, dass man damit der Paarbeziehung eine Bedeutung und Raum gibt, und das auch einfach plant. Es hat ja auch mit Wertschätzung der Paarbeziehung zu tun, und ich denke, es ist kein Erfolgsgeheimnis, es beruht auf Erfahrung.
Ich frage meinen Klientinnen oft: „Wie schaut denn Ihre Beziehung aus?“ Und manche sagen dann: „Ja, das ist ein ganz verwahrloster Mensch …“
Nein, die Beziehung darf kein Zausel werden! Martin und ich investieren ganz viel Zeit darin, gemeinsam unsere Vision zu verfeinern, für die Zukunft. Wir denken miteinander nach: Wie stellen wir uns unsere nächsten zehn Jahre vor? Nicht nur für den Hochschober, wo wir natürlich aufgrund unserer Verantwortung langfristig planen müssen, sondern uns beschäftigt auch, wie wollen wir mal gemeinsam leben, wenn der Hochschober nicht mehr unser alleiniger Lebensmittelpunkt ist.
Wie wollen wir Freizeit leben und wo wollen wir sein, und wie soll das konkret ausschauen? Das Leben verändert sich ständig: Kinder ziehen aus, Frauen kommen in den Wechsel, Männer haben auch wechselähnliche Zustände. Also das Älterwerden macht was mit einem. Wichtig ist, hinzuschauen und den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern dass man auch die Veränderungen bespricht und sich gemeinsam auf diese nächste Stufe begibt.
Für Gäste und Mitarbeiter sind Sie psychologisch betrachtet mit Ihrem Mann in einer Art Elternrolle.
Dass wir uns den Mitarbeitern gegenüber oft wie „Ersatzeltern“ fühlen, geht schon allein darauf zurück, dass sie ja hier ein Zuhause auf Zeit haben. 20 Nationen arbeiten bei uns, und von den 130 Menschen wohnen etwa 100 hier während ihres Dienstverhältnisses. Es ist ja auch für alle wie eine große Familie. Und ich liebe es, Gastgeberin zu sein. Wir haben Stammgäste, die uns seit 40 oder sogar 50 Jahren aufsuchen.
Ich bin mit manchen Gästen gemeinsam aufgewachsen. Ich sehe Drei-Generationen-Familien, die hier Urlaub machen, die wir seit Jahrzehnten kennen. Und wenn mir der Urlaubserfolg der Gäste wirklich am Herzen liegt und es mir Freude bereitet, wenn ich Kraft daraus ziehe und das als meine oberste Aufgabe sehe, ist es was äußerst Wertvolles und Schönes. Es geht darum, den Menschen wieder Kraft zu geben für das, was sie im Alltagsleben leisten müssen. Und darin sehe ich ja auch den Sinn. Darin haben ja auch die Großeltern schon den Sinn gesehen. Diese Sinnhaftigkeit spüren die Menschen hier bei uns auch.
Auch Sie möchten ein Thema vorschlagen? Dann schreiben Sie mir: praxis@wogrollymonika.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.





