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Gedanken nach dem Holocaust-Gedenktag

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Peter Sichrovsky

©Bild: News/Ricardo Herrgott

Ein Traum am Telefon wird zur Gewissensprüfung: In einer nächtlichen Szene rund um den Holocaust-Gedenktag stellt sich die Frage, was Erinnerung leisten kann – und wo sie zur leeren Geste wird.

Am 27. Jänner läutete das Telefon. „Hallo, Herr Sichrovsky? Wo sind Sie?“, fragte eine männliche Stimme. „In meiner Küche, bei Toast und Kaffee“, versuchte ich es scherzhaft. „Wir stehen am Flughafen und warten auf Sie!“, sagte er.

„Ich verstehe Sie nicht, das muss ein Irrtum sein“, sagte ich leise, verunsichert, wie ich als Kind sprach, wenn man mich bei einer Missetat erwischt hatte. „Ja, wie stellen Sie sich das vor? Sie sind für heute Nachmittag angekündigt!“ Die Stimme klang erregt und weniger freundlich.

Gedenktag

„Wo und wann bin ich angekündigt?“, fragte ich. „Das können Sie doch nicht machen, das ist unverantwortlich!“ Hörte ich eine weibliche Stimme.

„Gib mir doch das Telefon zurück“, sagte der unbekannte Mann und sprach weiter: „Sie sollten bei unserer Veranstaltung einen Vortrag halten. Es geht um den Holocaust-Gedenktag. Wir haben Ihnen vor Wochen die Einladung geschickt, und Sie hatten zugesagt!“ Er sprach jetzt nervös und hektisch.

Ich kramte in meinem Gedächtnis, doch da war nichts. Keine Einladung, keine Zusage. Ich suchte nach einer Entschuldigung.

„Was können wir jetzt noch tun?“, unterbrach er mich, „Sie wären doch der Höhepunkt des Gedenktags gewesen. Sie zerstören damit die ganze Veranstaltung!“

„Es wird doch einen anderen Weg geben, um diesen Tag gebührend zu feiern“, versuchte ich einen Ausweg. Die Frau schrie ins Telefon: „Nein, eben nicht, es geht doch um Erinnerung!“

Ich vergaß meine Höflichkeit und fragte: „Heißt das, dass niemand anderer dem Ereignis entsprechend das Publikum erinnern könnte?“

„Wie meinen Sie das?“, fragte die männliche Stimme. „Fehlt dem Publikum die Erinnerung, wenn ich Sie nicht persönlich erinnere?“, antwortete ich.

„Das ist doch eine Frechheit!“, mischte sich die Frau wieder ins Gespräch, „Sie wären der wichtigste Redner gewesen. Ein Nachkomme der Opfer, ein Symbol gegen das Vergessen, es geht doch um das richtige Erinnern!“

„Wenn nichts vergessen wurde, braucht man auch nicht erinnern, auch nicht richtig erinnern!“, jetzt wurde auch ich lauter.

„Wollen Sie etwa behaupten, das Erinnern an den Holocaust habe keine Bedeutung mehr?“, fragte der Mann, er stolperte über das Wort Holocaust.

„Wahrscheinlich nicht“, sagte ich und versuchte, ruhig zu bleiben, „die sich nicht erinnern wollen, werden nicht zur Veranstaltung kommen, um mir zuzuhören, wie ich versuche, sie ans Erinnern richtig zu erinnern.“

Nach einer kurzen Pause sagte der Mann: „Jetzt bin ich fast froh, dass Sie nicht gekommen sind.“

Vergessen

„Ich bin ohnehin der Falsche, all die zu erinnern, die keine Erinnerung brauchen, weil sie nie vergessen werden, woran andere nicht erinnert werden wollen, und mit ihrer Vergesslichkeit mir nicht zuhören würden“, antworte ich ihm.

„Wir lassen uns diesen wichtigen Tag nicht von Ihnen kaputt machen!“, schrie der Mann jetzt ins Telefon und im Hintergrund hörte ich auch die Frau schreien.

Dann wachte ich auf. Auf dem Wecker war es acht Uhr früh, und der 20. Jänner. Ich dachte über meinen Traum nach, suchte das Telefon und sagte meinen Vortrag für den 27. Jänner ab.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 06/2026 erschienen.

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