Es geht ans Adieu-Sagen, an vielen bedeutenden Positionen des Kulturlebens. Unsere Abschiedsrunde beginnt bei Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, der das Haus nach Otto Schenk und Helmuth Lohner mit riesigem Erfolg und lauten Konflikten in der Moderne positioniert hat, ohne die Identität zu zerstören.
Uraufführung ist heutzutage bekanntlich bald etwas. Wenn jeder Amateur, der aus Romanen Dialoge kletzelt und das Resultat auf die Bühne praktiziert, schon ein Dramatiker wäre: Die Literaturgeschichte wäre plötzlich so reich wie Elon Musk.
So darf man auch den 77 Uraufführungen, die Josefstadt-seitig für die 20 Amtsjahre des scheidenden Direktors Herbert Föttinger verbucht sind, mit Skepsis begegnen. Aber dann zählt man nach und macht sich beeindruckt an die Abschiedsgeschichte: Hier wurden seit 2006 tatsächlich 42 richtige Stücke uraufgeführt, geschrieben von richtigen Dramatikern, und die meisten im Auftrag.
Das ist im Land konkurrenzlos. Und was da möglich war: je ein echter Brecht („Die Judith von Shimoda“, 2007) und Horváth („Niemand“, 2016). Beide keine Hauptwerke, im Gegenteil, aber welch ein Bekenntnis zur Weltgeschichte des Theaters! Für Peter Turrini wurde die Josefstadt zum Hauptwohnsitz, seine neun Uraufführungen bleiben konkurrenzlos. Felix Mitterer bringt es mit der Komponistenbiografie „Zemlinsky“ (Premiere im März) auf fünf. Weltstar Daniel Kehlmann, kein Freund von Regieeskapaden, hat seine vier Theaterstücke nahezu exklusiv der Josefstadt anvertraut. Und die Jungen, Thomas Arzt und Lisa Wentz, haben triumphiert.
Das letzte Atemholen
Jetzt geht es also ans Abschiednehmen. Ein halbes Jahr noch, dann übergibt Föttinger an Marie Rötzer, derzeit in St. Pölten sehr erfolgreich. Die letzte Premiere als Schauspieler gilt im April Turrinis Künstlertragikomödie „Was für ein schönes Ende“.
Der Direktor meldet sich von der ägyptischen Seite des Roten Meers. Er hat da seit Längerem ein Haus gemietet und wird ebendort auch ausspannen, wenn es Ende Juni vorbei ist. Herrlich sei es bei 25 Grad in der Ruhe dieses wunderbaren Fleckens Erde.
Kann er für die bevorstehenden Monate überhaupt noch Energie aufbringen? „Ich mache meinen Beruf 20 Jahre mit Leidenschaft, und das wird sich auch in den letzten sechs Monaten nicht ändern.“ Der Blick auf die Abendspielpläne könnte allerdings eine gewisse Ermattung des Publikums nahelegen. Selbst für das Saisonereignis „Ein deutsches Leben“, das die Rückkehr der Weltregisseurin Andrea Breth nach Wien markiert hat, bekommt man genug Karten. Auch für Bernhards „Theatermacher“, inszeniert von Matthias Hartmann, mit Föttinger auf der Höhe selbstironischer Schauspielkunst.
Man muss versuchen, das Publikum zurückzugewinnen
Föttinger verweist auf die Begeisterungsstürme nach jeder Vorstellung der beiden Großereignisse. „Nein, ich kann nicht bestätigen, dass der Betrieb lahmen würde. Zu leugnen, dass es etwas schwächer geworden ist seit Corona, wäre allerdings fatal. Das braucht noch länger Zeit, ich höre auch von allen anderen, dass es nicht mehr wie früher läuft. Man muss versuchen, das Publikum zurückzugewinnen“, verweist er auf die Jahre nachher. „Ich habe dafür nur noch ein halbes Jahr Zeit, die anderen werden länger kämpfen.“
Das Burgtheater macht gerade mit einem Alleinstellungsmerkmal sein Glück: luxusbesetzten Soloabenden von Stefanie Reinsperger, Nicholas Ofczarek und Nils Strunk, die mit Minimalaufwand die Kassen füllen.
Erzählen, Erinnerung, Zeitgeist
Da hat Föttinger eine Theorie, die tief in die aktuellen Misslichkeiten des Theaters verweist: „Was die Leute da fasziniert, ist wohl, dass sie kein Regie-Kunsthandwerk sehen, sondern einfach mit einer Geschichte konfrontiert werden, mit einer Handlung, die von A bis Z erzählt wird. Vielleicht wird das Theater dadurch lernen, dass die Geschichten und der Autor das Wichtigste sind.“
Der Turrini Ende April ist die Neufassung der Tragikomödie „Da Ponte in Santa Fé“, 2002 unter Peymann bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Mozarts Librettist arbeitet da, verblendet bis zum biografischen Exzess, an seiner Unsterblichkeit. Er, der Weltmann, nicht der überschätzte Salzburger, sei der eigentliche Schöpfer von „Don Giovanni“! Die Sehnsucht nach Fortleben treibt ihn, die Angst, Bedeutung zu verlieren.
Wie verhält sich das bei Föttinger? Wie rasch droht das Vergessen? Er habe da weder Bedenken noch Illusionen, sagt er. „Dichter haben davor mehr Angst als ich. Ich weiß, dass Schauspieler und Regisseure im Laufe der Jahre ihre Bedeutung verlieren und in Vergessenheit geraten. Selbst in Zeiten, wo man Aufführungen konservieren kann.“
Soeben hat man das in Hamburg erlebt, wo sich die Direktorin zu einer beschämenden Entschuldigungstirade verbog, weil sie während einer Jubiläumsfeier ein Foto des schwarz geschminkten Ulrich Wildgruber in Peter Zadeks epochalem „Othello“ eingeblendet hatte. Er habe das sehr übertrieben gefunden, sagt Föttinger. Wer von einer Aufführung aus den Siebzigerjahren Rücksichten auf heutige „Blackfacing“-Debatten erwarte, sei offenbar nicht auf Wahrnehmungshöhe.
Würde er, heute auch ein kompetenter Opernregisseur, Othello schwarz bemalen? „Nein, weil ich den Shitstorm dem Direktor nicht zumuten wollte. Entweder man findet einen tollen schwarzen Sänger, oder es soll jemand anderer machen.“


Der Theatermacher. Föttingers Bernhard-Brillanzstück in der Regie des früheren Burgtheaterdirektors Matthias Hartmann.
© Moritz SchellEnsembles lösen sich auf
Marie Rötzer verlängert viele Verträge an der Josefstadt nicht. Was kann überhaupt in die nächste Saison übernommen werden? „Das weiß man derzeit nicht, vermutlich arbeitet Frau Rötzer noch an ihrem Spielplan.“
Er selbst, fügt er hinzu, stünde für allfällige Übernahmen nicht zur Verfügung. Die Übergabe verlaufe „friktionsfrei“ mit wenigen Berührungspunkten. Dass er irgendwann zurückkehren könnte, als Regisseur oder Schauspieler? „Auch das weiß ich im Moment nicht. Ich kann mir immer alles vorstellen. Meine Fantasie ist groß genug, aber ich finde es auch eine total spannende Geschichte in meinem Leben, dass man wieder so vor einem Neubeginn steht.“ Wohin der führt? Zuerst nach Ägypten, wo im Kopfhörer Gounods „Roméo et Juliette“ läuft. Seine Inszenierung am Münchner Gärtnerplatztheater hat im März 2027 Premiere.
Im Moment freue ich mich, wenn ich eine Pause machen kann nach diesen wirklich anstrengenden, leidenschaftlichen 20 Jahren
Und sonst? „Im Moment freue ich mich, wenn ich eine Pause machen kann nach diesen wirklich anstrengenden, leidenschaftlichen 20 Jahren. Man hat ja eine unglaubliche Verantwortung, und ich habe das Theater immer so geleitet, als wäre es mein Theater. Ich muss so tun, als würde es mir gehören, weil ich für dieses Haus brenne, künstlerisch und ökonomisch. Alles, was ein Minus ist, muss wehtun, statt sich auf die Subvention zu berufen.“
Die publikumsmagnetischen Schauspieler zurückzuholen, statt sie zu vertreiben und zu kündigen, bringt gerade dem Burgtheater Glück. Der umgekehrte Weg hat zuletzt zwei Volkstheaterdirektionen ins Unglück geführt, der Wiederaufbau jetzt verläuft wechselvoll.
Man kenne dort jetzt gerade noch die Heimkehrerin Johanna Wokalek, aber die Identitätsstifter würden allgemein weniger und weniger. „Vermutlich durch den ständigen Wechsel der Ensembles und die Praxis, nicht mehr die Schauspieler in den Mittelpunkt zu stellen. Da wird es auch für das Publikum immer austauschbarer.“ Föttinger verweist auf Peymann, der an der Josefstadt die letzten Inszenierungen seines Lebens fertigte. Eine gute Zeit des Theaters sei Peymanns historische Burg-Direktion gewesen: das ererbte Ensemble in Ruhe gelassen, ein paar Giganten mitgebracht.
Erfolge und Niederlagen
Das noch bestehende, fabulöse Ensemble zusammengestellt zu haben, bezeichnet er als das eine Atout seiner Direktion. Dann die Totalsanierung beider Häuser, der Josefstadt und der Kammerspiele, samt Errichtung zweier Probebühnen. Und, klar, die Uraufführungen, exemplarisch der Beginn mit Turrinis „Mein Nestroy“. Der war in vieler Hinsicht programmatisch für das Folgende.
Und die Niederlagen? Dass man ihm Ende 2024 plötzlich mit anonymen Gemeinplätzen – Probenbrüllen, „Klima der Angst“ – in den Rücken fiel? Bürgermeister Ludwig besuchte damals demonstrativ die nächste Premiere, aber das grüne Staatssekretariat stänkerte federführend mit. Er hätte sich mehr Unterstützung erhofft, blickt er heute zurück. Aber Liebe und Zuspruch von verschiedensten Seiten seien stärker gewesen als der Vernichtungswille.
Um diejenigen, die ich da verletzt habe, tut es mir leid. Die anderen, die mich anschwärzen wollten und irgendwelche Geschichten erfunden haben, tun mir nicht leid.
Dass sich die grüne Bundespolitik eventuell revanchiert hat, weil er zu Beginn der Corona-Katastrophe maßgeblich am Sturz der inferioren Kulturstaatssekretärin Lunacek beteiligt war? „Ich weiß es nicht. Natürlich ist es interessant, dass die Vorwürfe knapp vor politischen Wahlen gekommen sind. Aber ich habe mir auch da nichts vorzuwerfen, weil ich glaube, dass mit vielen dieser Maßnahmen dem Theater nicht geholfen, sondern geschadet wurde“, beharrt er auf seiner damaligen Skepsis. „Man hätte doch probieren können, für 100 Leute weiterzuspielen, ohne sofort eine Pandemie-Zelle zu erzeugen. All das hat dazu beigetragen, dass das Misstrauen gegen die Politik so groß ist. Man hat damit den Rechtssog verstärkt.“
Hat er sich denn nichts vorzuwerfen? „Es gibt nur eines, was mir persönlich wehtut, dass man im Laufe einer 20-jährigen Intendanz Menschen verletzt, die man gar nicht verletzen will. Wenn man mit so einer Leidenschaft für das Theater brennt, will man mit aller Kraft, dass es gut wird. Es geht nicht gegen jemanden, sondern für das Ganze. Nicht darum, jemanden klein zu machen, sondern das Ganze groß zu machen. Um diejenigen, die ich da verletzt habe, tut es mir leid. Die anderen, die mich anschwärzen wollten und irgendwelche Geschichten erfunden haben, tun mir nicht leid.“
Und der Krieg?
Und weil der Monolog gerade so schön fließt: Sind wir tatsächlich im Begriff, in den Krieg zu ziehen? Da meldet sich beim oft heftigen, meist sarkastischen Künstler die Stimme der Besonnenheit.
„Ich will nichts prognostizieren, aber ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es immer geheißen hat, dass uns Russland einnehmen wird. Anfang der 70er-Jahre wurde uns erklärt, wo genau die Russen einmarschieren werden, weil sich Russland imperialistisch vergrößern will. „Das“, so schließt er, „ist nicht passiert, und dass ein Krieg gegen Europa ausbricht, erscheint mir nicht wahrscheinlich.“
Mag sein, dass am Roten Meer, mit unvergleichlich konkreteren Bedrohungen in der Nachbarschaft, ein kühlerer Blick auf die Heimat möglich ist.
Uraufführungen (Auswahl)
Peter Turrini:
„Mein Nestroy“
„Der Diener zweier Herren“
„Aus Liebe“
„C’est la vie“
„Sieben Sekunden Ewigkeit“
„Fremdenzimmer“
„Gemeinsam ist Alzheimer schöner“
„Bis nächsten Freitag“
„Es muss geschieden sein“
Felix Mitterer:
„Der Panther“
„Jägerstätter“
„Der Boxer“
„Galápagos“
„Zemlinsky“
Daniel Kehlmann:
„Der Mentor“
„Heiligabend“
„Reise der Verlorenen“
„Ostern“
Thomas Arzt:
„Totes Gebirge“
„Leben und Sterben in Wien“
Lisa Wentz:
„Azur oder die Farbe von Wasser“

Steckbrief
Herbert Föttinger
Geboren am 25. Juli 1961 in Wien, begann er schon während der Gymnasialzeit in Jugendtheatergruppen und kam über kleinere deutsche Bühnen nach Graz, schließlich an Emmy Werners Volkstheater. Otto Schenk holte ihn an die Josefstadt, wo er sich zum Protagonisten und Regisseur profilierte. 2006 übernahm er das Haus überraschend von Helmuth Lohner. Seine zwanzigjährige Direktionszeit war durch Uraufführungs- und Publikumsrekorde, die Sanierung der beiden Spielstätten und zuletzt harte Attacken gekennzeichnet. Die Direktion endet im Juni 2026, auf Föttinger folgt Marie Rötzer, derzeit St. Pölten. Föttinger ist mit der Schauspielerin Sandra Cervik verheiratet, sie haben einen Sohn und leben in Wien.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 03/2026 erschienen.







