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Grenzüberschreitungen in Führungspositionen: Ein Überblick

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Gerät ein Mann in leitender Funktion wegen Affären, Machtmissbrauch oder Grenzüberschreitungen ins Zwielicht, ist eine generalisierte moralische Abwertung des dahinterstehenden Systems zu befürchten.

In aller Regel ticken Organisationen so: Ein sofortiger Austausch eines in Ungnade gefallenen Mannes soll den drohenden Schaden beseitigen. Führungswechsel wirken oft wie emotionale Schnellschüsse, gehorchen aber dem psychologischen Prinzip des Reinwaschens. Im aktuellen ORF-Skandal kann eine neue Führungskraft psychologisch der Versuch sofortiger Reparatur und moralischer Reinigung gewesen sein, um das empfindlich erschütterte System mit „Frauenpower“ notfallmäßig erstversorgen zu können.

Ein weiteres Ziel war wohl auch, öffentlichkeitswirksam eine schnelle Lösung zu haben. Für eine nachhaltige Heilung eines sozial krankenden Systems ist das zu wenig.

Erste Hilfe Frauenpower

Krisen sind Zeiten der Veränderung, aber auch Stresssituationen. In der Organisationsforschung symbolisiert das bekannte Prinzip der gläsernen Klippe, dass Frauen häufig gerade in hitzigen Situationen und aufgeschaukelten Krisen genau dann Spitzenpositionen übertragen bekommen. Sie stehen bildlich über einem Abgrund, sind somit absturzgefährdet, müssen Balancegefühl beweisen und haben es von Anfang an schwerer als ihre männlichen Vorgänger.

Sündenfall

Eine Frau an der Spitze steht für Korrektur, Wiedergutmachung, Verantwortung und Erneuerung. Für eine Rekonstruktion von Werten, die wir allemal vermissen und uns eben deshalb so alleingelassen und vaterlos fühlen, wenn einer aus der obersten Führungsebene uns enttäuscht.

Infantilisierung

Das maskuline Fehlverhalten einer Führungsperson, die für Reife, Moralbewusstsein und Verantwortung steht, macht uns tiefenpsychologisch wieder zu Kindern, die ihre Eltern idealisieren. Ein singuläres Fehlverhalten eines CEO, das womöglich schon viral geht, wird durch seinen sofortigen Austausch zwar nicht rückgängig gemacht – die Institution agiert jedoch erwachsen und reagiert. Sie zeigt mit ihrer sofortigen Entscheidung ihre Moral und Handlungsfähigkeit. Sie proklamiert durch den Führungswechsel ihren guten Willen zu Korrektur und Veränderung.

Dualismus in Schwarz-Weiß

Unser Nervensystem liebt signifikante Unterscheidungsmerkmale, am liebsten sind uns klare Grenzen, ein Dualismus der Gegensätze. Ein schwarz-weißes Denken bedingt ebensolche Verhaltensmuster und Reflexe: Der ausgediente männliche Machthaber wird „aus der Welt geschafft“ und am besten durch eine unbefleckte, unbestechliche, vorzugsweise weibliche Projektionsfigur ersetzt, was kollektives Aufatmen zur Folge hat und auf eine Rehabilitierung hoffen lässt. Der vormalige Führungsstil hat ausgedient, war grenzüberschreitend, moralisch verwerflich und nicht vertrauenswürdig. Ein weicherer, weiblicher Führungsstil gilt dagegen als respektvoll, ethisch korrekt, achtsam. Und dann? Vertrauen saniert, alles paletti.

Neuorientierung

Werden die zugrunde liegenden Strukturen nur symptomatisch behandelt, ändert das nichts an toxischen Beziehungsdynamiken in Organisationen.

Gerade bei sexueller Belästigung braucht es engmaschige Dokumentation, die Befreiung von Scham und von Überanpassung, von Schweigen, von Selbstaufopferung und von Stillhalten, eine soziale Aufwertung Betroffener und eine Führungskultur mit klaren Werten und Verhaltensregeln, in denen Macht transparent und überprüfbar bleibt. Wenn sich an diesen Machtstrukturen nichts ändert, bleiben personelle Veränderungen vielfach nur Placebo, wenngleich – bei entsprechendem Glauben – auch das seine Wirkung hat.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 12/2026 erschienen.

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