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Wenn Liebe tödlich wird: Der Mythos vom selbstbestimmten Sterben

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Monika Wogrolly

©Bild: Matt Observe

Gibt es den autonomen, den selbstbestimmten Suizid? Nach dem schon zum Trend werdenden assistierten Suizid, wie bei den Kessler-Zwillingen, scheiden sich hier die Geister.

Schon in der antiken Mythologie erfüllen die Götter einem Ehepaar namens Philemon und Baucis den Herzenswunsch, gemeinsam zu sterben: Die beiden sind tugendhaft und haben sich ihr selbstbestimmtes gemeinsames Sterben vor Liebe redlich verdient.

Ebenso gibt es heute Menschen, die uns vorleben, ihr Leben durchwegs und auch bis zum Ende selbst zu gestalten. Etwa Alice und Ellen Kessler, die sich laut Medienberichten mit neunundachtzig zum gemeinsamen Tod entschlossen und einige Woche zuvor zum letzten Mal im Zirkus gezeigt haben. Kolportiert wird, die Zwillinge des Showbiz seien dabei strahlend und perfekt gestylt, aber merklich stiller gewesen. Wird deren offenbar perfekt inszenierter gemeinsamer Abgang aus der „Manage der Existenz“ jetzt zu Recht öffentlich gehypt?

Depression

Die wissenschaftliche Suizidforschung geht grundsätzlich von einer präsuizidalen Depression aus, die eine ernsthafte psychische Erkrankung darstellt und Menschen außerstande setzt, angesichts ihres Tunnelblicks frei und selbstreflektiert zu entscheiden.

Autonomie

Der autonome Suizid ist gleichviel eine medizinische, soziokulturelle und philosophische Frage. Er beschäftigt die Bioethik. Denn Autonomie setzt bestimmte Fähigkeiten voraus. Wann ist der Autonomieverlust einer Person derart hochgradig, aber vielleicht hinter einem Lächeln versteckt, geleitet vom guten Glauben, das eigene Ende kontrollierbar zu machen, sodass jemand nicht mehr nach bestem Wissen und Gewissen für sich selbst entscheiden kann?

Perfektionismus

Gegen die stillschweigend eingeschlichene und stark weich gezeichnete Sterbeindustrie mit würdevollen Sterbeinstituten und Todesarten, die man schon online buchen kann, spricht der enorme soziale Druck, perfekt zu sein: Wer alt und gebrechlich ist (oder bald sein könnte), muss schon fast in sozialer Verantwortung sein Sterbedatum kennen, um in einer leistungsorientierten Gesellschaft nicht zur Last zu werden.

Unumkehrbarkeit

Folglich muss jemand psychisch gesund genug sein, um diese Entscheidung zu treffen und in ihrer Konsequenz zu tragen. Nur gibt es niemanden, der anschließend evaluiert und gefragt werden kann, wie ein assistierter Suizid wirklich war. Und existieren Berichte über nicht planmäßig verlaufende, langwierige Sterbeprozesse, was wiederum die Erwartung nach einem romantisierten, friedvollen Hinüberschlafen ankratzt?

Fazit: Liebe, Tod und ethische Verantwortung

Philemon und Baucis in Ovids „Metamorphosen“ verwandeln sich. Als ineinander verschlungene Bäume bleiben sie stehen: Eine Liebe mit Ewigkeitsanspruch, über den Tod hinaus, auch bei den Kesslers.

Zugegeben ist der Anreiz groß, dem Tod durch dessen Handhabbarkeit den Schrecken zu nehmen. Das wäre ein Pro eines neuen, selbstbestimmten Sterbens aus Liebe. Aber wer sagt, dass es so ist und nicht im Nebel der Aussichtslosigkeit einer schweren Depressionserkrankung entschieden wird? Oder unter dem Druck von außen: Ersparnis von Pflege- und Therapiekosten, würdiger Tod statt Siechtum sind hierzu Schlüsselwörter.

Jetzt gilt es, ganz genau hinzuschauen und kritisch differenziertere ethische Richtlinien zu schaffen, um einem drohenden Dammbruch des neuen Sterbens gerade noch rechtzeitig entgegenzuwirken.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 03/2026 erschienen.

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