Der Psychiater und Psychotherapeut mag den beinahe inflationär gewordenen Begriff „toxisch“ nicht. Für die zerstörerische Wirkung des Schweigens findet er aber keinen besseren Ausdruck. Wie wichtig das Reden für Paare – aber auch auf politischer Ebene ist – betont er in seinem neuen Buch.
Lieber Reinhard, Schweigen kann ja auch etwas sehr Positives sein.
Man sagt, das Schweigen ist andächtig, ehrfürchtig, anständig, rücksichtsvoll und kreativ, und: „In der Stille liegt die Kraft.“ Das gipfelt in diesem Spruch von: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Es gibt aber auch die andere Form des Schweigens und mit der beschäftige ich mich. Das ist das aggressive Schweigen, das Anschweigen von anderen Menschen, in denen man damit ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht auslöst, und somit führt das Schweigen zu einem unglaublichen Machtkampf.
Ist Schweigen Kommunikation?
Das klingt im ersten Moment etwas paradox, aber wenn man darüber nachdenkt, wie das Schweigen ausgestaltet wird, dann ist es eine intensive Kommunikationsform, die aber nicht nur positiv wirkt, dass man sich im Schweigen sozusagen verbindet, sondern dass das auch etwas sehr Abweisendes, etwas Kaltes und Bestrafendes hat. Dieser Form des Schweigens habe ich die Bezeichnung toxisch gegeben.
Ich mag diesen Ausdruck nicht sonderlich, er wird heute sehr inflationär verwendet. Aber für diese Form des Schweigens, um die es mir geht, gibt es tatsächlich keinen treffenderen Ausdruck. Dieses Schweigen hat auch etwas Vergiftendes an sich. Man braucht längere Zeit, bis man draufkommt, um was es hier eigentlich geht. Es entfaltet heimlich seine Wirkung, die einen Menschen fertig machen kann, die sogar letal wirken kann, also genauso wie jedes andere Gift.
Ludwig Wittgenstein sagte sinngemäß: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“…
Ich habe letztlich die Erfahrung und die Beobachtung des toxischen Schweigens aus der Literatur, aber hauptsächlich immer aus dem Verbrechen geschöpft. Ich bin als Gerichtsgutachter ja immer nah dran am Verbrechen. Für mich ist Verbrechen einfach „Psychologie pur“. Weil hier in verdichteter Weise all das durchgespielt wird an Gefühlen, was unser Leben vergällt – Neid, Eifersucht, Hass, Gekränktheit und all das. Und bei dieser Beobachtung habe ich erkannt, dass bei den Beziehungsdelikten, die 80 Prozent aller Tötungen ausmachen, das Schweigen des späteren Opfers eine enorm wichtige Rolle spielt.
Mit dem Schweigen kann man eine unglaubliche Macht ausüben. Man bringt den anderen Menschen letztlich in eine hilflose Position
In der Paartherapie begegnet mir in meiner Praxis häufig der Fall, dass Leute mich eigentlich zu nichts anderem brauchen, als wieder ins Reden zu kommen. Wieso spricht man nicht?
Weil die Menschen instinktiv erkennen, dass man mit dem Schweigen eine unglaubliche Macht ausüben kann. Man bringt den anderen Menschen letztlich in eine hilflose Position. Der kann tun, was er will: Der kann an die Vernunft appellieren, der kann bitten und betteln, der kann erpressen. Wenn ich kein Wort sage und nicht rede, dann ist er machtlos geworden.
Wie kann man in Beziehungen vor allem Männer dazu bringen, das Schweigen zu brechen und das Reden als etwas Konstruktives zu erleben?
Mir hat einmal ein älterer Mann, der noch nicht dement war und sehr lebenserfahren, sozusagen eine gestandene Persönlichkeit, unter Tränen erklärt: „Die schlimmste Erinnerung, die ich in meinem Leben gemacht habe, das war, wenn ich als Kind erleben musste, wie Mama nicht geredet hat.“
Dieser Mann hat zu mir gesagt, es wäre ihm viel lieber gewesen, sie hätte ihn zusammengeschrien. Es wäre ihm sogar lieber gewesen, sie hätte ihm den Hintern versohlt. Wenn jemand sich ausgeschlossen und bestraft fühlt, löst das in einer bestimmten Hirnregion enorme Stressreaktionen aus, die vergleichbar sind, wie wenn er traumatisiert und geschlagen werden würde. Man muss ja heute alles mit der Hirnforschung auch begründen, und hier ist der Beweis tatsächlich gelungen.
Wie erklärst du Schweigen in der Psychotherapie?
Ja, wenn du sagst, dass eben dieses Schweigen in der Therapie eine Rolle spielt, muss ich eine lustige Geschichte einstreuen: Da findet so ein Psycho-Seminar statt in einem Luxushotel, gegen sehr hohe Teilnahmegebühren. Die Teilnehmer werden eingeladen, dass man zu sich selbst findet. Und es ist die konstituierende Sitzung; es setzen sich alle im Kreis zusammen. Da kommt dann also der Gruppenleiter herein und setzt sich auf den letzten freibleibenden Sessel und sagt nichts. Na ja, die Teilnehmer sind zunächst einmal ein Stück weit irritiert. Im Laufe der Zeit werden sie unruhig. Fangen wir endlich an, sagt der eine. Wollen wir uns nicht vorstellen, sagt der andere. Der Gruppenleiter schweigt und sagt nichts.
Ich muss vielleicht hier in diesem Zusammenhang unter uns Therapeuten hinzufügen, das ist ja eine beliebte Technik, weil der Gruppenleiter kann dann die Reaktion der Teilnehmer überprüfen und es bilden sich dann bestimmte Konstellationen heraus und er untermauert dadurch natürlich auch seine Autorität, seine Machtposition. Unser Therapeut schweigt und schweigt. Da steht einer der Teilnehmer auf, geht zügigen Schrittes auf ihn zu, gibt ihm eine schallende Ohrfeige und sagt: „Das ist für die Tausenden Euro, die ich für diesen Kurs bezahlt habe“, und verlässt schimpfend den Raum.
Diese kleine Geschichte beinhaltet im Prinzip alles, was es eigentlich zum Schweigen zu sagen gibt: dass es durchaus etwas Therapeutisches sein könnte, dass es aber auch der Machtuntermauerung dient und dass es bei den Angeschwiegenen Aggressivität auslöst.
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Wirkt sich das toxische Schweigen politisch aus?
Warum gibt es zwischen Russland und der Ukraine keinen Frieden? Weil sie sich toxisch anschweigen, weil sie nicht miteinander reden können. Und so ist es bei vielen großen Konfliktherden in der Welt, wo man durch durchbrechendes Schweigen letztlich das Tor zum Frieden öffnen würde.
Du hast als Gerichtsgutachter mit Gewalttaten zu tun.
Es ist tatsächlich so, dass Schweigen eine wesentliche Ursache von vielen Gewalttaten ist. Da ist es ja fast regelhaft so, dass diese potenziellen Schulamokläufer, wie wir den Fall ja im vergangenen Jahr in Graz gehabt haben, letztlich als eher unauffällige, stille, zurückgezogene Menschen geschildert werden, bei denen es tatsächlich zu einem langanhaltenden Schweigen kommt. Das könnte man auch als „Ruhe vor dem Sturm“ bezeichnen. Am Schluss schreien sie dann manchmal über das Internet ihre Botschaft hinaus in die Welt.
Manchmal kann man dann auch Amokläufe verhindern. Das geschieht übrigens relativ oft, wird nur dann wenig beachtet. Man hat sich nicht beachtet gefühlt, nicht wahrgenommen, nicht wertgeschätzt, nicht geliebt, wenn wir das auf den Punkt bringen wollen. Das erzeugt bei den Betroffenen ein nihilistisches Gefühl. Ein Gefühl von: Ich bin nichts wert, ich bin gar nicht existent, mich braucht man nicht, mich beachtet man nicht. Sie flüchten sich dann in ihr ohnmächtiges Schweigen hinein, worin aber letztlich diese negativen, aggressiven Fantasien, es den anderen „doch einmal zu zeigen“, pulverisiert werden.
In der Therapie ist es wichtig, Schweigen auszuhalten.
Es gibt in Österreich circa 25 staatlich anerkannte Psychotherapieformen. Diese Psychotherapieverfahren, die Schulen sind ja miteinander verfeindet. Ich sage etwas scherzhaft, wie früher die Religionen. Wenn man sich dann aber fragt: „Gibt es nicht doch Übereinstimmungen?“, dann gibt es im Prinzip nur zwei Dinge, auf die alle Psychotherapieverfahren abstellen.
Das eine ist, dass die Klienten und Patienten mehr Gelassenheit entwickeln. Dass sie einfach insgesamt selbstbewusster werden, mit Frustrationen besser umgehen können, sich nicht vom Sturm der Emotionen wegreißen und bestimmen lassen. Das zweite ist, die Dinge zur Sprache zu bringen. Man muss beim Schweigen in der Therapie natürlich ganz genau überprüfen, ob es sich nicht dabei um ein positives, um ein konstruktives oder zumindest um ein neutrales Schweigen handelt.
Wie nimmt man denn am besten Menschen die Scheu vor Psychotherapie? Viele sagen ja: „Ich muss das alleine schaffen.“
Ich glaube, es ist wichtig, dass man den Menschen diese Angst vor den Ausdrücken Psychiatrie und Psychotherapie ein bisschen nimmt. Ich sage darum zu meinen Klienten immer: Sie brauchen jetzt unauffällige, stille, zurückgezogene Menschen geschildert werden, bei denen es tatsächlich zu einem langanhaltenden Schweigen kommt.
Sie brauchen Halt. Vielleicht einfach einmal eine andere Sichtweise, eine neutrale Sichtweise. Sie brauchen so etwas wie ein Coaching, dem sich, wie gesagt, auch die ganz gescheiten Menschen letztlich ohne Vorbehalte unterziehen.

Steckbrief
Reinhard Haller
Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und Autor. Der Facharzt für Psychiatrie lebt in Vorarlberg. Er ist als Gerichtsgutachter des Mörders Jack Unterweger namhaft geworden, des Attentäters Franz Fuchs, des Amokläufers von Winnenden und als Gutachter des Attentats von Dornbirn. Sein Buch „Toxisches Schweigen: Die psychologische Waffe erkennen und entschärfen“ handelt von der Wirkung des Schweigens.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 04/2026 erschienen.





