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Secondhandpotenz: Wenn der Kopf blockiert

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Monika Wogrolly

©Bild: Matt Observe

Andreas ist glücklich verliebt. Nicole ist seit zwei Monaten seine Flamme. Langsam tickt bei den beiden die Uhr. Ohne Hilfsmittel ist er bei ihr mithin nahezu impotent.

Ob Penispumpe oder blaue Pille, es ist nicht nur kränkend für den Mann, sondern auch für die Frau, wenn die Potenz aus „zweiter Hand“ kommt. Andreas schildert seinen inneren Konflikt in der Sexualtherapie, die er mit Nicole aufsucht. Heftig schämt er sich des Umstands, „es nicht allein zu schaffen“. Dabei findet er sie unwiderstehlich. Und nach zwei gescheiterten Beziehungen fast zu schön, um wahr zu sein. Doch genau daran liegt es, dass bei ihm manchmal nichts geht. Die häufigsten Ursachen für urologisch nicht erklärbare Erektionsstörungen sehen wir uns näher an:

Erwartungsdruck

Gerade wenn Männer wie Andreas ihr Liebesglück perfektionieren wollen, fällt ihnen nicht das Herz, aber das Hirn buchstäblich in die Hose. Er ist zu sehr im Kopf und angespannt von dem Druck, den er sich selbst schafft, beim Sex optimal zu performen. Was zu kläglichen Versagensängsten auch in einer guten Beziehung führt, die oft nicht einmal bewusst sind, jedoch im Unterbewusstsein rumoren.

Selbstbestätigung

Nicole lässt in der Sexualtherapie fallen, dass sie mit Andreas rundum happy sei. Räumt aber ein, dass es aber beim Sex schon klappen müsse. Dass sie das so betont, kann mit Selbstzweifeln und dem Bedürfnis nach Selbstbestätigung zu tun haben. Nach dem Motto, wenn er nicht potent ist, bin ich ihm nicht attraktiv und sexy genug – oder begehrt er mich nicht wirklich.

Timing

Manchmal liegen Erektionsprobleme auch nur an einem schlechten Zeitplan oder an einer unterschiedlichen Geschwindigkeit. Während Nicole gleich nach dem Zusammentreffen am liebsten über ihn herfallen oder sich umgekehrt von Andreas die Kleider vom Leib reißen lassen will, braucht er Zeit zum Ankommen und möchte zuerst reden, Musik anmachen, gemeinsam kochen.

Klischee

Als ob es ein ungeschriebenes Gesetz gäbe: „Wer frisch verliebt ist, bekommt nie genug vom Sex.“ Eben das irritiert Frauen wie Nicole, wenn Männer wie Andreas anders ticken. Das vermeintliche Defizit ist in Wahrheit keines, kann es ja genauso andersherum laufen und der bombastische Sex erst später, viel später, nach einer längeren Kennenlernund Freundschaftsphase starten.

Lampenfieber

Gerade, wenn er ihr seine Mannesstärke beweisen will, versagt Andreas. Er kann den Kopf nicht abschalten, setzt sich selbst unter Druck. Und fühlt sich von Nicoles merklicher Verunsicherung zusätzlich gestresst, was in Folge zu Frustration und Lampenfieber vor dem „nächsten Mal“ führt. Es ist für ihn zu viel des Guten, fast so, als würde er es sich selbst nicht erlauben können, glücklich zu sein.

Fazit

Frauen reagieren frustriert, wenn gerade in der Anfangsphase der Liebe ihre Reize anscheinend nicht ausreichen, um den Mann ihres Herzens rasend vor Wollust zu machen. Soziale Erwartungshaltungen wirken prägend, ein Mann müsse dauerpotent sein, um die Liebe zu veredeln.

Zu empfehlen ist ein weit gefasstes Verständnis von Sexualität in der Beziehung. Hierzu zählen auch schon zärtliche Blicke, Küsse, Streicheln, Verbalerotik – der Fantasie sind dabei schier keine Grenzen gesetzt. Die Fixierung von Sex auf Potenz, Koitus und Orgasmus macht hingegen unnötig Druck in einer Beziehung, der bei einem weniger verkrampften, eher spielerischen und vor allem selbstbewussten Zugang zum Liebeslieben wegfällt.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.

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