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Elfriede Jelinek: Auf dem Gipfel der Macht

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Elfriede Jelinek©Martin Vukovits

Sie selbst erblickt im Ehrentag den „Anfang des Sterbens“. Nur die Welt will sich dem Befund nicht anschließen. Der 80. Geburtstag der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek am 20. Oktober bahnt sich mit ungeheurem Gratulationsgebraus an. Sie ist heute eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Theaterwelt.

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Vertiefenderes zum unwillkommenen Wiegenfest werde es von ihr nicht geben, fügt die Absenderin vorsorglich hinzu. Nur zwei Sätze, während die Kulturwelt zu einem Gratulationsgebraus sondergleichen ausholt: „Ansonsten will ich von diesem Geburtstag nichts hören, er ist der Anfang des Sterbens für mich, nichts, das ich feiern könnte. Andererseits, gäbe es ihn nicht, wäre ich jetzt schon tot.“

Im Burgtheater feiern sich derweil 1.300 Besucher pro Vorstellung dafür, einer Eintrittskarte für den pausenlosen Vierstünder „Unter Tieren“ habhaft geworden zu sein. Stehplätze ausgenommen, sei man mehrfach Minuten nach Vorverkaufsbeginn ausgebucht gewesen, jubelt es aus dem Haus.

Seit Einar Schleef, der Herr der Chöre, vor bald 30 Jahren vor der Loge des Burgtheaterdirektors Peymann kniete, um die Premierenlänge von sieben auf acht Stunden erstrecken zu dürfen, gab es am Haus keine kollektive Party dieser Art mehr. Auch damals spielte man Jelinek, und das hundertköpfige Ensemble des „Sportstücks“ gab zur Geisterstunde in Erschöpfungstranche Lolitas „Seemann, deine Heimat ist das Meer“ zu.

Sprechchöre für den Esel

Heute fordert das Publikum skandierend Gerechtigkeit für den ganzkörperadjustierten Esel, wenn der Regisseur Nicolas Stemann dem Schauspieler Sebastian Rudolph wegen Überlänge auf offener Szene den Monolog streicht. Der Meta-Trick greift zuverlässig seit der Uraufführung bei den koproduzierenden Salzburger Festspielen.

Im Volkstheater vertraut der inszenierende Direktor Jan Philipp Gloger einem dreistündigen Querschnitt durch Jelineks dramatisches Schaffen. Beginnend mit „Wolken.Heim“ aus dem Jahr 1988 kämpft man sich durch den knietiefen Schlamm österreichischer und deutscher Belehrungsresistenz. Bis in die Gegenwart drohender Machtübernahmen, hier wie drüben.

Gloger hat Teile des Abends schon am früheren Dienstort Nürnberg gezeigt. Das Resultat glückte zur erklärten Zufriedenheit der Nobelpreisträgerin, so dass man auf den klugen Theatermann auch in Wien aufmerksam wurde.

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1995. Im Naturhistorischen Museum, Pavian-Abteilung. Mehr als 30 Jahre später schrieb sie „Unter Tieren“ und gab der stummen Kreatur die Sprache © Martin Vukovits
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1990. Die „Staatsfeindin“ macht sich keine Illusionen über die Absichten ihrer Mitbürger: Die Straßenlampe trägt Züge eines Galgens © Martin Vukovits

Für die Wiener Fassung unter dem Titel „Ankunft“ hat Elfriede Jelinek einen Schlussmonolog geschrieben. Den spricht ihre betagte Entdeckerin, die frühere Volkstheaterdirektorin Emmy Werner. Als schwarzgeflügelter „Engel der Geschichte“ gibt sie Jelineks pessimistische Geburtstagserklärung ab: „Eine plötzliche Lähmung hat mich befallen, mich greise Verleumderin. Ja, alte Frauen müssen ja immer jemand anschwärzen, sonst sind sie unglücklich“.

Auch Burg-Direktor Stefan Bachmann hatte in Köln mit je einer Jelinek’schen Ur- und Erstaufführung seine Bewerbung für Höheres deponiert.

Ein gewaltiger Einfluss

Ein weiterer Beleg für das Offensichtliche: Elfriede Jelinek ist eine der einfluss­reichsten Autorenpersönlichkeiten der Gegenwart, jenseits der Sprachraumgrenzen und Disziplinen. In den Neunzigern hat sie neben Frank Castorf und Christoph Schlingensief das postdramatische Theater aufgebaut: Die Dia­loge und psychologisch grundierten Rollen des Frühwerks wichen Textkonvoluten, die dem Regisseur zur Dramatisierung und Verteilung an die Schauspieler überlassen werden.

Heute ist Nicolas Stemann für die in virtuosen Kalauern funkelnde, sarkastisch-politische Seite ihres Werks hauptzuständig. Keine noch so vergängliche Fußnote der Geschichte ist ihr für ihre aufklärenden Texte zu minder, weder der bizarr zu Tode gebrachte Modeschöpfer Moshammer noch Trump, nicht einmal Sebastian Kurz. „Die sogenannte Unsterblichkeit bedeutet mir nichts“, vertraute sie News an. „Ich hätte ja nichts mehr davon, und sie ist für eine Frau und ihr Werk auch nicht vorgesehen. Mir gefällt der Gedanke gut, dass ich mich ans Nichts verschwende.“

Die andere Seite

Es gibt aber auch die andere Seite, die tragische, schmerzerfüllte, selbstreferenzielle. Denn auch dieses Paradoxon zählt zu Jelineks Alleinstellungsmerkmalen: Sie verweigert sich seit dem Nobelpreis vor 22 Jahren jeder Öffentlichkeit, öffnete sich zuletzt aber im Schreiben immer weiter. Als im September 2022 ihr Mann, der Komponist und Informatiker Gottfried Hüngsberg, den Sekundentod starb, dauerte es eine Ewigkeit, bis sie vom gemeinsamen Wohnsitz in München Abschied nehmen und nach Wien heimkehren konnte. Aber das „Asche“ betitelte Stück Trauerarbeit wurde ein dunkles, intensives Leuchten in ihrem Werk.

Wie die griechische Göttin Persephone, die ein halbes Jahr im Lichtland des Olymp und die andere Hälfte in der Finsternis des Totenreichs zubrachte, hatte sie ihr Leben geteilt: zwischen der kreativen Einsamkeit des Elternhauses an der Hütteldorfer Peripherie und der ehelichen Wohnung in München, die Abstand von der traumatischen Wiener Kindheit bot.

Der sozialdemokratische halbjüdische Vater blieb in der Nazi-Zeit geschützt, weil die streng katholische Mutter die Scheidung verweigerte. Sie war allerdings selbst mit gefälschtem Arier-Nachweis unterwegs.

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 © Martin Vukovits
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Elfriede Jelinek © Martin Vukovits

Der Vater starb 1969 in einer psychiatrischen Klinik und hinterließ der Tochter als Erbteil die Angst, selbst wahnsinnig zu werden. Die Mutter zieht als Albtraum durch das Schaffen der Tochter, im Hauptwerk „Die Kinder der Toten“ ebenso wie in der „Klavierspielerin“, wo sie nahezu fotorealistisch abgebildet ist.

Die 1946 geborene Tochter war von der Mutter als Wunderkind konzipiert und ohne Gnade auf den zugehörigen Weg gestoßen worden: fünf Instrumente schon in der Volksschule und mit 13 „Ankunft“, derzeit im Repertoire des Wiener Volkstheaters, kompiliert Elfriede Jelineks dramatisches Schaffen seit den Achtzigerjahren. Am Schluss des sehenswerten Abends steht eine Art Geburtstagsadresse an sich selbst, gesprochen von Emmy Werner. Wir drucken sie mit Erlaubnis der Autorin leicht gekürzt ab.

Der Epilog des Engels

Ich bin das Nachher. Ich zwänge mich jetzt in das Nachher hinein, sonst könnte ich ja gar nichts sagen, bin doch nicht einmal der Bote. Ich bin der, der sich unbotmäßig, unrechtmäßig und ungeschrieben in die Handlung hineinzwängt. Eine plötzliche Lähmung hat mich befallen, mich greise Verleumderin. Ja, alte Frauen müssen ja immer jemand anschwärzen, sonst sind sie unglücklich.

Aber ich gebe Ruh. Ich geh in Ruhe unter. In Schweigen aber nicht. Das wissen Sie inzwischen. Ich weiß nichts, aber ich schreibe, ich erfahre nichts, aber ich schreibe, ich fahre nirgends hin, aber ich schreibe. Moment. Ich verstehe es nicht, aber ich schreibe es auf.

Ich muss wachsen, damit ich über die Kette der Begebenheiten drüberschauen kann, Trümmer auf Trümmer, die mir da vor die Füße geschleudert werden. Der Engel der Geschichte möchte die Toten aufwecken und das Zerschlagene zusammenfügen, der Engel gerät aber in den Sturm, der vom Paradies herweht, mich weht er nicht weg. Und während der Engel noch mit dem Sturm kämpft und die Flügel nicht mehr zusammenkriegt, kriege ich die Ereignisse nicht mehr zusammen, alles strebt auseinander, nichts geht zusammen.

Dieses Land hat es so gewollt. Das steht fest wie das Land selbst, den Schluss können wir ziehen. Nur der Schlussstrich, der fehlt noch. ans Konservatorium, um in Orgel, Klavier, Blockflöte und Komposition unterwiesen zu werden.

Dass es ihr, nach seelischen Zusammenbrüchen und einem Jahr Selbstisolation, nicht erging wie ihrer elenden Klavierspielerin Erika Kohut, war das Resultat der befreienden Orientierung zur KPÖ und der sich anbahnenden literarischen Karriere.

Sehen Sie hier Martin Vukovits' konkurrenzloses Jelinek- Portfolio

Die Gratulationsmaschine

Die setzt eine selbst für Nobelpreisverhältnisse überdimensionale Gratulationsmaschine in Bewegung. Das von der Germanistin Pia Janke begründete, in Wien ansässige Jelinek-Zentrum versteht sich als interdisziplinäres Netzwerk, das auch an die Theaterwissenschaft und das früher sogenannte Konservatorium anknüpft. Seit April veranstaltet man Jubiläumssymposien in Wien, Paris, Warschau und New York, erreicht demnächst São Paulo und Tokio. Der Musikverein richtet ab 31. Oktober eine fünftägige Konzert- und Gesprächsreihe aus. Eine der Teilnehmerinnen ist Jelineks Entdeckung und musikalisches Alter Ego Olga Neuwirth.

Beide brachten zuletzt in Hamburg die an Trump Maß nehmende Groteske „Monster’s Paradise“ heraus. Zürich hat nachgespielt, die gleichfalls koproduzierende Grazer Oper folgt im April.

20 Neuproduktionen im Kalenderjahr 2026 – fünf betreffen ihre Feydeau- und Oscar-Wilde-Übersetzungen – sind eine imponierende Größe. Man spielt sie im kleinen Wiener OFF Theater ebenso wie an der Hamburger und der Zürcher Oper, bei den Salzburger Festspielen und an der Burg, in Berlin, Hamburg, München, Stuttgart, Düsseldorf, Warschau, Prag und Rotterdam.

Die Staatsfeindin

All dies steht in Opposition zum Bild der Gefeierten in der Heimat: Allein kraft ihrer Existenz löst sie seit 41 Jahren einen verlässlichen Idiotenreflex aus.

Kreiert hat sich die Staatsfeindin 1985 im fernen Bonn. Der österreichische Theaterintendant Peter Eschberg bereitete dort im kleinen Haus die Uraufführung der Farce „Burgtheater“ vor. Adressat war die damals mächtige, heute vergessene Theaterfamilie Wessely-Hörbiger für ihre pikanten Verwicklungen anno dazumal.

Das Getöse erschütterte zwar nicht Bonn, aber Österreich. Und Elfriede Jelinek, tumultfähig dank dem zwei Jahre zuvor erschienenen Roman „Die Klavierspielerin“, geriet in den Zustand qualvoller Spannung, der seither einen Teil ihrer Existenz ausmacht: Ihre Abscheu vor jeder Art Zurschaustellung kollidiert mit dem Zorn auf die politischen und sozialen Verhältnisse. Sie fühlt die altmodisch ehrenhafte Verpflichtung, einzugreifen. Doch damit provoziert sie bis zum Äußersten den österreichischen Sumper, dessen natürliches Feindbild sie – die linke, jüdische, urbane und elegante Feministin – prototypisch verkörpert. Ihr Entsetzen vor dem selbst verursachten Hass wuchs.

Der Preis des Preises

Am 7. Oktober, dem Tag der Bekanntgabe des Nobelpreises, säumten die Fernsehteams die halbe Gasse. Aber was folgte, hatte sich niemand vorstellen können: Der patriotische Untertanenreflex versagte, man gönnte ihr in Österreich den Preis nicht. Auch die deutsche Feuilleton-Schickeria erbrach sich in Häme. Der wenig später an die Luft gesetzte Kulturchef des „Spiegel“, eine Schande des Berufsstands, pöbelte mit sexuellen Anzüglichkeiten, man kondolierte amerikanischen Dauerkandidaten, die einer Quotenentscheidung geopfert worden wären.

Den Preis vor Ort entgegenzunehmen, war außer aller Vorstellbarkeit. Die Rede wurde zur Zeremonie in Stockholm zugespielt, zur Überreichung reisten Emissäre nach Wien. Gleichzeitig stieg der Druck, mit der Autorität der Nobelpreisträgerin wider das Böse und Ungerechte aufzutreten.

Sie entledigte sich dieser Verpflichtungen über das politische Theater, und da wendete sich das Blatt bis zur heutigen Idolisierung.

Jetzt lebt sie wieder im Hütteldorfer Elternhaus, in Brüllweite zum Rapid-Stadion. Die sich von dort bergwärts wälzenden Entäußerungsexzesse inspirierten nicht nur die Chöre im „Sportstück“, sondern ein Leben früher auch „Masse und Macht“, das Hauptwerk des Nobelpreiskollegen Elias Canetti.

Die Wiedersehensfreude der hiesigen Hirninhaberschaft war groß, 2023 verlieh ihr Michael Ludwig die Wiener Ehrenbürgerschaft. Sie geht wieder manchmal aus, sogar im Café Korb, dem Zweitwohnsitz der frühen Jahre, wurde sie gesehen. Seit dem Nobelpreis hat sie kein Theater mehr betreten, aber von überallher kommen teils improvisierte Aufzeichnungen ins Haus.

Und was Heimito von Doderer „Ruaß“ nannte, pöbelt verlässlich weiter. „Ich glaube, dass sie nur deshalb berühmt geworden ist, weil sie letztlich auch immer wieder in einer nicht nachvollziehbaren Art Hassgefühle gegen ihr Land entwickelt hat“, gratulierte 2004 Jörg Haider zum Nobelpreis. Er hatte sie schon während eines Wahlkampfs auf einem Plakat dem Volksunmut anempfohlen.

Als jüngst die Wien-Bibliothek Elfriede Jelineks Vorlass, ein Kronjuwel österreichischer Literaturgeschichte, unter Preis für 600.000 Euro erwarb, missfiel das dem „Kultursprecher der Wiener FPÖ“: eine fraglos originelle Contradictio in adiecto, aber begrenzt weltliteraturfähig. Dann schon lieber Moshammer, wenn nicht gar Kurz.

© Martin Vukovits

Steckbrief

Elfriede Jelinkeg

Geboren am 20. Oktober 1946 wegen der nachkriegszeitlichen Verwerfungen in Mürzzuschlag, Steiermark, wuchs sie in Wien auf, studierte Musik und begann inmitten einer psychischen Krise zu schreiben. Nachdem sie höchste literarische Auszeichnungen empfangen hatte, folgte 2004 der Nobelpreis. Sie lebt nach dem Tod ihres Ehemanns wieder im Hütteldorfer Elternhaus.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 42/2026 erschienen.

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