Mit sieben Jahren kam Julya Rabinowich aus der antisemitischen UdSSR nach Wien. Jetzt schrieb sie mit „Mo und Moritz“ ein Jugendbuch, das nichts auslässt: Wie, wenn sich ein moslemischer Friseurlehrling in einen jüdischen Upperclass-Buben verliebt?
Das Buch war noch nicht erschienen, da wurde es von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur schon zum Titel des Februars gewählt. Die Eile scheint angezeigt, so wie die Welt täglich näher an den hasserfüllten Stumpfsinn taumelt. Und im Bemühen um Gegenwehr hat die österreichische Autorin Julya Rabinowich, 56, nicht viel ausgelassen, was die Altersgruppe 14 plus bewegen, provozieren, ermutigen könnte.
Mo & Moritz
Mo ist Moslem aus konservativer Zuwandererfamilie, sein radikalisierter Bruder hat es auf das Wiener Taylor-Swift-Konzert im August 2024 abgesehen. Da geht Mo zur Polizei.
Mo ist das Modell gelungener, Hoffnung gebender Integration. Als Lehrling in einem feinen Innenstadtsalon wird er vom warmherzigen, klar denkenden Meister Franz ausgewählt, den Damen auf dem Opernball die derangierten Frisurmonster nachzumeißeln. Dort trifft er den jüdischen Upperclass-Buben Moritz, und die beiden wissen gleich, dass sie füreinander geschaffen sind. Die Liebesgeschichte scheint sich hoffnungslos, bis an den Rand der Lebensgefahr, zu entwickeln. Aber der Herr Franz kennt die Zwischenlösung.
Wenn man das nun als romantisierend, ja überoptimistisch bezeichnete? Das will Julya Rabinowich nicht bestätigen. Es gehe darum, junge Menschen darin zu bestärken, sein zu dürfen, wie sie sind. Aber ohne Begleitpersonen wie den Herrn Franz sei das schwer.


Das Buch
Mo ist halbwüchsig, nach Floridsdorf zugewandert mit seiner konservativen moslemischer Familie. Er verliebt sich in Moritz, einen Gleichaltrigen aus guter jüdischer Familie. „Mo und Moritz“ ist für Leser ab 14 Jahren empfohlen. Hanser, € 12,99
Integration ist möglich
Und, noch besser: Sie habe vage an einem realen Wiener Friseurmeister Maß genommen, einem Perfektionisten mit hoher Verantwortung für die Angestellten. Auch sei ihr im Salon ein junger Mann aufgefallen, der sich vom verunsicherten Lehrling zum souveränen Stylisten entwickelt habe. Alle anderen Umstände seien Fantasiegebilde.
Die Brüder im Roman haben in der alten Heimat Schreckliches erlebt. Aber beide reagieren konträr, und bei dem kleinen Anteil Radikalisierter müsse eingegriffen werden, „bevor der Schneeball rollt“. Abschiebungen nach Syrien lehnt sie ab, Sicherheit sei dort nicht zu gewährleisten. „Aber ich bin auch absolut dagegen, dass hier jemand seine Chance bekommt und sich wie ein Berserker aufführt.“
Aus der Fremde gekommen
Julya Rabinowich hat den Vorzug zu wissen, worüber sie spricht und schreibt. Sie war sieben Jahre alt, als sie mit den Eltern aus der Sowjetunion kam. Hat sie da Feindseligkeit erlebt?
„Nein, nicht wirklich. Aber das lag unter anderem daran, dass ich eine von wenigen war. Ich hatte quasi exotischen Status, und mir war recht schnell klar, dass der Spracherwerb das ist, was mich in die Mitte bringt. Ich wollte mich ja von Grund auf und mit aller Leidenschaft verwurzeln. Aber es sind nicht alle so, und es müssen nicht alle so sein.“
Erschreckend ist, dass ich diesen Antisemitismus der Linken, den ich aus der UdSSR kannte, hier wieder antreffe
Dann lebt man hier, ist erfolgreich, kann mit der Sprache besser umgehen als 99,9 Prozent der hier Geborenen. Und plötzlich kocht ein wüster Antisemitismus auf, den man als jüdische Zuwanderin nicht kannte. Doch, widerspricht sie. Sie habe das schon gekannt, aber in der massiv antisemitischen Sowjetunion.
„Die Juden waren Sündenböcke, die für alle möglichen Dinge herhalten mussten. Der Antisemitismus ist immer ein Gerücht und eine Stellvertretergeschichte. Die Hamas hat Israel vieles vorgeworfen, was sie selbst getan hat. Erschreckend ist, dass ich diesen Antisemitismus der Linken, den ich aus der UdSSR kannte, hier wieder antreffe. Der von rechts ist aber keine Spur besser. Ich brauche niemanden, der von der sechsten Million singt. Das sind zwei Seiten derselben Medaille.“
Historisch aber sei es der rechte Antisemitismus gewesen, der in Deutschland und Österreich tödliche Dimension erreicht habe. Die größte Gefahr komme unverändert von dort. Amerikanische Freunde haben anerkennend bemerkt, „Mo und Moritz“ verkörpere quasi inbegrifflich alles, was Trump verabscheue.
Über die Pointe kann sie sich nur begrenzt erheitern. Tief verstörend sei die Situation. „Weil das mein zweiter Zusammenbruch all dessen ist, was wir kennen. Ich habe ja den Niedergang der UdSSR erlebt.“
Als alles zusammenbrach
Sie selbst sei dem Niedergang früh, schon 1977, entkommen. Aber Freunde seien im Umbruch festgesessen, der kein glatter gewesen sei. Niemand der Daheimgebliebenen wusste, ob wieder die Hälfte ins Gefängnis müsse wie anno Stalin. Oder ob man mit einem freien System rechnen dürfe. „So ähnlich“, fügt sie hinzu, „kommt es mir jetzt mit Amerika vor. Ein Land, vollgestopft mit Atomwaffen, so wie damals und jetzt Russland. Putin und Trump haben sich die Welt ganz gut eingeteilt, und in deren Welt wäre ich eigentlich nicht gerne.“
Die Konsequenzen? Europa müsse eigenständig werden, sich seiner Kräfte besinnen, Allianzen zum Beispiel mit Kanada schmieden. „Das tut weh, das wollen die meisten Leute nicht sehen.“
Leider habe sich die Bevölkerung 2013 gegen ein Berufsheer entschieden. Aber verteidigen – nicht angreifen – müsse man schon können. „Denn sowohl die Vereinigten Staaten als auch Russland gebärden sich als bedrohende Bullies. Und beide Versionen, Berufsheer und Heer, haben moralische und ethische Fallstricke.“
Und dass tatsächlich ein Krieg drohen könnte? „Putin ist gerissen und skrupellos, wirkt mir nicht wie jemand, der vernünftig agiert, genauso wenig wie Trump, der nur skrupellos ist. Und solange das so ist, muss ich das in meinem Hinterkopf als Möglichkeit behalten.“
Da sei Gott vor. Welcher, ist zweitrangig.

Steckbrief
Julya Rabinowich
Geboren 1970 in Leningrad, UdSSR, in eine jüdische Künstlerfamilie. Sie übersiedelte mit sieben Jahren nach Wien, studierte Dolmetsch, Malerei und Philosophie und wurde eine bedeutende Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin. Ihre Romane wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Canetti-Preis, und in fünf Sprachen übersetzt. Sie hat eine Tochter und lebt in Wien.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 05/2026 erschienen.







