Was das Sterben über das Leben verrät: Palliativmedizinerin Christina Kaneider über Empathie, frühe Liebe – und die Weichen, die unser Leben stellen.
Was kann man vom Tod über das Leben lernen?
Kurz gesagt: Alles. Wenn man sich nur hinschauen traut. Jeder Patient hält mir meinen eigenen Spiegel vor. Ich stelle mir oft die Frage: Wie würde ich wohl damit umgehen? Diese Arbeit rührt sehr am eigenen Selbst und an den großen Lebensfragen. Das muss man aushalten können. Je mehr ich über das Ende des Lebens lerne, desto mehr glaube ich zu verstehen, dass Wesentliches am Anfang des Lebens stattfindet. Ich höre mir von jedem Patienten seine Lebensgeschichte an, wenn er sie mir erzählen möchte. Ich höre sehr viel Tragisches, aber auch sehr viel Glückvolles.
Aber eines sticht für mich immer heraus: Es ist das Band der Mutterliebe, das die Menschen hält und trägt. Es sind diese frühkindlichen liebevollen Erfahrungen, die unser Leben prägen und gestalten, bis zum Schluss. Und je mehr sie fehlen, desto holpriger kommen wir am Lebensende zurecht.

Steckbrief
Christina Kaneider
Christina Kaneider, 44 ist Humanmedizinerin mit Schwerpunkt Palliativmedizin und Medizinethik. Sie promovierte 2007 in Innsbruck, absolvierte eine Spezialisierung in Palliative Care, eine Ausbildung zur Ethikberaterin im Gesundheitswesen sowie den Professional Master of Medical Ethics (2025). Seit 2025 ist sie Präsidentin der ÖGHL (Österreichische Gesellschaft für ein humanes Lebensende). Sie lehrt und publiziert zu Ethik, Palliative Care und assistiertem Suizid und forscht zu ethischen Fragen am Lebensende
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 06/2026 erschienen.







