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Christina Kaneider: Vom Sterben übers Leben lernen

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Christina Kaneider

©Matt Observe

Am 4. September verlässt Journalist, Lehrer und Autor Niki Glattauer diese Welt durch einen begleiteten Suizid. Die Debatte um Sterbehilfe spaltet daraufhin das Land. Palliativmedizinerin Christina Kaneider hat Glattauer in seinen letzten Stunden begleitet.

Vom letzten Interview, das der Journalist, Autor und Lehrer Niki Glattauer im Falter gab – und in welchem er seinen eigenen Todestag ankündigte – wusste sie nichts. Plötzlich stand sie selbst im medialen Interesse: Palliativmedizinerin Christina Kaneider erlebte einen noch nie dagewesenen Rummel um ihre Person und ihren Beruf.

Denn sie ist jene Innsbrucker Ärztin, die den an unheilbarem Krebs erkrankten Glattauer bei der Einnahme des tödlichen Präparats begleitete, nachdem er sich aus freien Stücken für einen assistierten Suizid entschieden hatte.

Aufklärung und Enttabuisierung

Glattauers Entscheidung rückte die Sterbebegleitung in Österreich schlagartig ins Scheinwerferlicht. Die Reaktionen reichten von Zustimmung bis scharfer Kritik. Rückblickend ist Kaneider dennoch dankbar für die breite Diskussion: „Wenn ich zurückblicke, bin ich erfreut darüber, dass dieses Thema einmal im Mittelpunkt des medialen Interesses stehen konnte, da es immer mein Ziel war, all jenen eine Stimme zu geben, die selbst nicht mehr in der Lage dazu sind.“

Vor allem die Rückmeldungen aus ihrem direkten Arbeitsumfeld bestärkten sie – von schwerkranken Menschen, Angehörigen, aber auch vom ärztlichen und pflegenden Kollegium. Viele hätten erstmals das Gefühl gehabt, offen über ein Thema sprechen zu dürfen, das lange als unantastbares Tabu galt. „Ich finde, das hat sehr viel mit Menschsein zu tun“, sagt sie.

Die Gestaltung des Lebensendes will gut begleitet und individuell unterstützt werden

Christina Kaneider

Bis zum Ende

Kaneider, Präsidentin der „Österreichischen Gesellschaft für ein humanes Lebensende“ (ÖGHL), setzt sich seit Jahren für Aufklärung, Akzeptanz und eine Enttabuisierung der Sterbehilfe ein. Menschen, die sich aufgrund einer schweren Erkrankung für ein selbstbestimmtes Lebensende entscheiden, würden häufig allein gelassen, medizinisch wie politisch: „Die Zeit des Sterbens ist eine bedeutsame Lebens- und Entwicklungsphase für den Menschen, das gilt im Generellen nicht nur für das selbstbestimmte Sterben. Die Gestaltung des Lebensendes will gut begleitet und individuell unterstützt werden.“

Ihr Einsatz zielt darauf ab, dass Betroffene informierte Entscheidungen treffen können und nicht an strukturellen Hürden scheitern. Mit dem Sterbeverfügungsgesetz 2022 und der jüngsten Lockerung des rigiden Werbeverbots 2024 sieht sie erste Fortschritte.

Kaneiders Appell bleibt klar: Wer dem Tod begegnet, erkennt, wie viel Wert im Leben liegt – und wie wichtig es ist, Menschen am Ende nicht allein zu lassen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 51+52/2025 erschienen.

Das war 2025

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