Christina Kaneider
©Matt ObserveDie Ärztin und Sterbebegleiterin Christina Kaneider spricht über die mediale Aufmerksamkeit nach der Begleitung von Niki Glattauer, über Vorurteile gegenüber assistiertem Suizid und darüber, warum es aus ihrer Sicht einen grundlegenden Wandel der österreichischen Sterbekultur braucht.
Im September haben Sie den Journalisten und Lehrer Niki Glattauer in seinen letzten Stunden begleitet. Dieses Ereignis hat die Debatte über assistierten Suizid und Sterbebegleitung in Österreich erneut angefacht: Wie sind Sie mit diesem medialen Interesse an dem Fall – und auch an Ihrer Person – umgegangen? Und wie geht es Ihnen heute?
Ich wusste zuvor nichts von Niki Glattauers Interview und war daher sehr überrascht, erstaunt und was dann kam, war alles völlig unerwartet für mich. Wenn ich zurückblicke, bin ich erfreut darüber, dass dieses Thema einmal im Mittelpunkt des medialen Interesses stehen konnte, da es immer mein Ziel war, all jenen eine Stimme zu geben, die selbst nicht mehr in der Lage dazu sind.
Gab es Reaktionen, die Sie besonders berührten – oder auch verärgerten?
Ja, die gab es, in beide Richtungen. Fast alle meine Patienten ermutigten mich, schrieben mir oder sagten: „Jetzt habe ich Sie gerade im Fernsehen gesehen. Bitte machen Sie weiter, auch wenn es mühsam ist, aber es ist so wichtig.“ Ich werde immer noch darauf angesprochen und konnte eine Art von Erleichterung bei den Menschen wahrnehmen, dass man endlich über etwas sprechen darf, das man vorher für ein striktes Tabu gehalten hat. Das berührt mich, weil ich zeigen möchte, dass jemanden beim Sterben zu helfen nichts Unanständiges, sondern eine zutiefst intime und ehrenvolle Aufgabe ist. Ich finde das hat sehr viel mit Menschsein zu tun.
Geärgert hat mich, dass es beim Thema Selbstbestimmung für manche kein Fair Play gibt; statt Grundrechte anzuerkennen, wird vielfach – das zeigte sich in verschiedensten Debattenbeiträgen – mit einer Rhetorik der Warnung gespielt; da gab es unsaubere Vergleiche mit Nachahmungseffekten bei gewaltsamen Suiziden, die in die Irre führen, es gab die Unterstellung der Kommerzialisierung des Sterbens oder der „Romantisierung“ des assistierten Suizids, es wurden Vorurteile gegenüber Sterbewilligen in hochpalliativen Situationen geäußert, sie würden die Alternativen nicht kennen und mir selbst wird immer wieder alles Mögliche unlautere unterstellt, meistens von Menschen, die nicht wissen, wie ich arbeite.
Es gibt nicht das richtige und das falsche Sterben
Sie kämpfen für eine Enttabuisierung des assistierten Suizids und setzen sich für Menschen ein, die selbstbestimmt ihr Leben beenden möchten. Was muss sich im Denken der österreichischen Gesellschaft verändern, damit Sterbebegleitung als selbstbestimmter Akt anerkannt wird?
Es braucht einen Wandel in der gegenwärtigen Sterbekultur und viel mehr Respekt vor der unveräußerlichen Autonomie des Individuums. Es gibt nicht das richtige und das falsche Sterben. Die Bevölkerung ist hier schon deutlich weiter als jene, die in unserem System Entscheidungen darüber treffen, wie gestorben werden kann. Es ginge einerseits um mehr sachdienliche Information über die Abläufe, was bereits Ängste nehmen kann, aber anderseits geht es auch um Bewusstseinsbildung: Die Zeit des Sterbens ist eine bedeutsame Lebens- und Entwicklungsphase für den Menschen, das gilt im Generellen nicht nur für das selbstbestimmte Sterben. Die Gestaltung des Lebensendes will gut begleitet und individuell unterstützt werden. Ich denke, dass ein Teil der Zukunft auch darin liegt, dass ein Sterbehilfeverein wie unserer, Information, Beratung und qualitätsgesicherte Suizidhilfe abdecken wird.
Was wünschen Sie sich von der Politik? Vor welche Hürden werden Menschen gestellt, die selbstbestimmt Sterben wollen?
Von der Politik erwarte ich für die kommenden Jahre, dass sie sich endlich traut, das Sterben und das Sterbeverfügungsgesetz nüchtern und sachlich zu thematisieren. Das passiert noch nicht so umfassend, weil man immer noch Angst davor hat, und weil man sich nicht traut es den Menschen zuzumuten bzw. weil es kein besonders attraktives Thema für die Parteien ist. Ich habe immer wieder gefordert, dass sterbewillige Menschen nicht durch unfaire Barrieren diskriminiert werden dürfen, etwa wenn in Einrichtungen eine Mauer des Schweigens errichtet wird, oder Hausregeln eingeführt werden, die den assistierten Suizid verbieten oder das Gesundheitspersonal dem Patienten keine umfassenden Auskünfte gibt.
Was wurde in Österreich schon erreicht – welche Entwicklungen begrüßen Sie beim Thema Sterbebegleitung?
Das Sterbeverfügungsgesetz von 2022 war natürlich ein „Game Changer“ und die Aufhebung des zu rigiden Werbeverbots 2024 eine wichtige Weichenstellung für die Arbeit unseres Vereins. Wir werden als ÖGHL immer bekannter, das heißt, wir gewinnen an Mitgliedern, die Notwendigkeit unseres Tuns wird in der Bevölkerung anerkannt und geschätzt, das zeigen die Zuschriften. Ich denke, wir haben dazu beigetragen, den Diskurs über das Sterben in Österreich zu verändern. Am meisten freut mich, dass sich immer mehr ärztliche und pflegerische Kollegen trauen, sich uns anzuschließen und zu sagen: „Ich kläre nicht nur auf, sondern ich begleite die Menschen auch am Ende“ – genau dort wo es meiner Meinung nach am wichtigsten ist, für den Patienten da zu sein.
Wie kamen Sie überhaupt zur medizinischen Sterbebegleitung? Gab es einen Anlassfall? Was war Ihre Motivation, in diesem Bereich tätig zu werden?
Ich denke ganz zu Beginn war es eine gewisse Naivität, dass man doch als Ärztin alle Menschen im Sterben begleiten muss, ein Fairness-Gedanke und ein Gerechtigkeitssinn. Es gab keinen konkreten Anlassfall. Ich war einfach zutiefst irritiert und erschüttert, als ich sukzessive feststellen musste, dass meine Grundhaltung genau dort, wo ich es für selbstverständlich gehalten habe, nämlich innerhalb meines palliativen Arbeitsumfeldes nicht geteilt wurde; gerade die Begründerin der Hospizbewegung, Cicely Saunders hat die Selbstbestimmung des Patienten in den Vordergrund gerückt!
Warum sollte diese ausgerechnet dann nicht mehr zählen, wenn es um den eigenen Tod geht? Das verstehe ich ehrlich gesagt bis heut nicht. Ich bin mit Leib und Seele Palliativmedizinerin, und ein Teil von mir bedauert, nicht mehr in einer palliativen Einrichtung zu arbeiten. Da ich den selbstbestimmten Sterbewunsch jedoch als eine hochpalliative Aufgabe betrachte und ich nicht zulasse, dass diese Menschen allein gelassen werden, braucht es mich hier, wo ich jetzt bin, am meisten. Eine große Motivation ist auch, Sterbewünsche noch mehr zu verstehen. Es beschäftigt mich die Frage: Warum will dieser Patienten auf diese Art und Weise sterben und ein anderer eben nicht?
Wie gehen Sie selbst mit der Belastung um, die Ihr Job mit sich bringt? Und woher nehmen Sie die Kraft, mit den leidvollen Schicksalen Ihrer Patientinnen und Patienten – und auch den Schicksalen der Angehörigen – umzugehen?
Eigentlich sind es genau die Geschichten der Patienten, die intensiven menschlichen Begegnungen, die mich halten und tragen. Es kommt so unglaublich viel zurück, das kann man nur verstehen, wenn man diese Arbeit macht. Aber natürlich benötigt es auch sehr viel geführte Reflexion, sowohl über die Patienten etwa im Rahmen von Supervision, als auch für mich persönlich im Sinne von Coaching. Und ich habe ein sehr verständnis- und liebevolles Umfeld, das mich stützt.
Je mehr ich über das Ende des Lebens lerne, desto mehr glaube ich zu verstehen, dass Wesentliches am Anfang des Lebens stattfindet
Wenn Sie auf dieses Jahr 2025 zurückblicken: Was waren beruflich außergewöhnliche Momente für Sie, die Sie gerne mit unseren Leserinnen und Lesern teilen möchten?
Was mich dieses Jahr am meisten berührt hat, würde ich gerne anhand einer Sterbeszene beschreiben: Eine junge Frau liegt in den armen ihrer schwerstkranken Mutter, die sterben möchte. Sie umarmen einander. Dann beginnt die junge Frau heftig zu weinen. Irgendwann sagt sie: „Ich hab' dich so lieb Mama, aber du darfst trotzdem gehen.“ Dann nahm die Mutter das Sterbemittel ein und im Raum entfaltete sich etwas, das ich nur schwer in Sprache fassen kann und was man vermutlich einen spirituellen Moment nennt. Ich dachte mir: Es gibt so viel mehr zwischen Himmel und Erde, als wir uns je vorstellen können. Und ich denke dabei nicht an einen alten Mann mit weißem Bart.
Was kann man vom Tod über das Leben lernen?
Kurz gesagt: Alles. Wenn man sich nur hinschauen traut. Jeder Patient hält mir meinen eigenen Spiegel vor. Ich stelle mir oft die Frage: Wie würde ich wohl damit umgehen? Diese Arbeit rührt sehr am eigenen Selbst und an die großen Lebensfragen. Das muss man aushalten können. Je mehr ich über das Ende des Lebens lerne, desto mehr glaube ich zu verstehen, dass Wesentliches am Anfang des Lebens stattfindet. Ich höre mir von jedem Patienten seine Lebensgeschichte an, wenn er sie mir erzählen möchte. Ich höre sehr viel Tragisches, aber auch sehr viel Glückvolles. Aber eines sticht für mich immer heraus: Es ist das Band der Mutterliebe, das die Menschen hält und trägt. Es sind diese frühkindlichen liebevollen Erfahrungen, die unser Leben prägen und gestalten, bis zum Schluss. Und je mehr sie fehlen, desto holpriger kommen wir am Lebensende zurecht.







