Zum 50. Firmenjubiläum zieht der Verleger mit einem Fest im Naturhistorischen Museum noch einmal alle Register. Dann will der ewige Provokateur Ruhe geben – diesmal wirklich.
Herr Mucha, wann haben Sie erkannt: Dieses Geschäftsmodell ist meine Berufung, das ist mein Talent?
Das war mit Quack 73. Unserer Maturazeitung in der Fichtnergasse. Die einzige Maturazeitung, die erst im Herbst erschienen ist. Weil ich in der Maturaklasse einen Herzinfarkt hatte: Kohlenmonoxid-Intoxikation von einem kaputten Kohleofen. Am Taxistandplatz auf der Kennedybrücke bin ich umgefallen. Und weg, musste wiederbelebt werden. In der Maturaklasse hatte ich 415 versäumte Schulstunden. Die haben mich wohl nur aus Mitleid maturieren lassen, denn ich war ein furchtbarer Schüler: Durchgefallen in Latein, Französisch, Mathematik. Interessanterweise habe ich dann trotzdem eine der besten Karrieren von all meinen Schulkollegen hingelegt.
Und begonnen hat es mit der Schülerzeitung? Wie sah die aus?
Am Tag nach meiner bestandenen Mathematik-Matura im Herbst erschien sie und war ein Riesenskandal. Der Inhalt war provokant: Wir hatten über die Jahre unzählige problematische Zitate der Lehrer gesammelt. Mir hat das gefallen: formulieren, zuspitzen, investigativ arbeiten. Und ich habe Anzeigen verkauft: dem Friseur neben der Schule, dem Eisgeschäft. Da kamen nur ein paar hundert Schilling. Aber es hat funktioniert.
Nach der Schule habe ich verschiedene Studien begonnen: Jus, Publizistik, Volkswirtschaft. Kam überall weit, habe aber nichts abgeschlossen. Völlig mittellos musste ich meine Brötchen verdienen. Und ging in den Verkauf – erst Lexika, dann Kochtöpfe. Bei den Lexika war ich nach 23 Tagen der beste Verkäufer in Wien. Nach zwei Monaten die Nummer eins in Österreich. Ich war überrascht von meiner offenkundigen Gabe, Menschen überzeugen zu können. Das ist mein kaufmännisch wohl wichtigstes Talent.
Was macht Ihr Verkaufstalent aus?
Das habe ich wohl von meinem Großvater geerbt. Der war ein brillanter Verhandler. Einer, dem man kaum einen Wunsch abschlagen konnte. Diese Fähigkeit, Menschen begeistern zu können, entwickelte sich zu meiner Trumpfkarte. Jeder gute Verkäufer ist letztlich ein Märchenerzähler. Und die wichtigste Erkenntnis liegt im Satz: Die einzig legitime Form der Bestechung ist Sympathie. Wenn ein Kunde zehn ähnliche Angebote hat, dann gewinnt meistens der sympathischste Verkäufer, der mit dem guten Schmäh.
MG Mediengruppe
Die MG Mediengruppe, vormals Mucha Verlag, spezialisierte sich früh auf Special-Interest-Medien für klar definierte Branchen. Zum Portfolio zählen u. a. Extradienst (Medien, Werbung, Kommunikation), Faktum & FM (Gastro, Hotellerie, Touristik), Elite Magazin (Lifestyle, Luxury) und Checklist (Nachhaltigkeit, Blackout, Survival).
Vor allem Extradienst entwickelte sich zum führenden Branchenmedium mit Rankings, Branchenanalysen und einem Umfang von bis zu 380 Seiten. Seit 2025 vollzieht die Gruppe den strategischen Wandel vom Print- zum Digitalanbieter, mit Fokus auf Online-Plattformen und Newsletterformate. Im April 2026 feiert der Mucha Verlag 50-Jahr-Jubiläum.
Greift Sympathie als Erfolgsgeheimnis nicht etwas zu kurz?
Dazu kommt, dass jedes Verkaufsgespräch minutiös geplant werden muss. Strukturiert sein muss. Zuerst musst man den Topentscheider ausmachen. Dann geht es um Sympathie und den Nutzen für ihn. Darauf folgt das konkrete Angebot. Und jetzt kommt der entscheidende Moment: das Schweigen. Wer, nachdem die Fakten auf dem Tisch liegen, zuerst redet, der verliert. Wenn man diese Regeln einhält, ist es egal, ob man Kochtöpfe, Kampfjets oder Werbefläche verkauft. Eine gute Abschlussquote hierzulande liegt bei 10 zu 3. Zehn Gespräche, drei Treffer. Die Quote zu meinen besten Zeiten lag bei 10:9,1.
Was war Ihr wichtigster Abschluss?
Selbstverständlich meine Ehe. Dass ich Ekaterina für mich gewinnen konnte. Sie war und ist der positive Gamechanger in meinem Leben. 2008 kam es dann zum Crash in der Medienbranche. Es war Zeit zu handeln. Wir waren ein kleines Fachzeitschriftenunternehmen und wussten, wir werden nur überleben, wenn wir uns aus der Masse der Verleger abheben. Also entschieden wir uns, die Öffentlichkeit etwas näher an uns heranzulassen. Dafür haben wir gezielt Inszenierungen geschaffen, etwa ein venezianisches Fest in unserem Schloss, wo erstmalig TV-Journalisten geladen waren. Das hat gewaltige Reichweite und Aufmerksamkeit erzeugt. Denn unsere Geschichte ist ja tatsächlich ein Märchen.
Erzählen Sie vom Märchen, bitte.
Wir haben einander in einem Musikgeschäft in Italien, in Udine, kennengelernt. Mit mir waren gerade vier Italiener im Shop. Alle waren plötzlich mucksmäuschenstill, als diese Blondine zur Tür hereinschwebte. „Spielen wir doch etwas für sie! Facciamo un Beatles-medley!“, habe ich zu den Musicistas gesagt. „Cominciamo con Michelle in re minore“. Dann haben wir ein neunminütiges Medley gespielt. Ich habe sie auf einen Kaffee eingeladen.
Wir haben stundenlang gesprochen. Und beschlossen, uns wieder zu treffen. Die ersten Wochen habe ich ihr nicht gezeigt, wie ich wirklich lebe – habe die Limousine wegfahren lassen, eine kleine Wohnung in Wien gemietet und meine Penthouse verschwiegen. Erst zu Weihnachten habe ich ihr gestanden, dass ich kein Journalist bin, sondern Journalisten beschäftige und habe sie zum Familientreffen in mein Schloss Drasing nach Kärnten mitgenommen. Sie war begeistert und schockiert. Sie meinte: „Hübsches Haus“, als wir spätnachts dort ankamen. „Nein, das ist das Personalhaus“, konterte ich.


Seit 2010 sind Christian und Ekaterina Mucha verheiratet.
© APA-Images, Andreas TischlerSie haben Ihren Reichtum verborgen. Warum?
Reich bin ich nur, was Kreativität und Ideen betrifft. Nennen Sie es bitte Wohlstand. Ich wollte wissen, ob sie mich oder meine materielle Fülle liebt. Ein Freund meinte damals: „Luxus ist doch ein Teil von dir – warum sollte eine schöne junge Frau den nicht auch lieben?“ Bis dahin habe ich immer geglaubt, dass Statussymbole glücklich machen. Aber sie machen einen nur sichtbar. Das ist ein subtiler und entscheidender Unterschied. Mir ging es lange darum, gesehen zu werden. Anerkannt zu werden. Und natürlich auch bewundert oder beneidet zu werden. Logisch, wenn man aus dem Gemeindebau kommt und alles selber aufgebaut hat.
Heute geht es mir darum, verstanden zu werden. Ich habe lange geglaubt, dass Erfolg etwas ist, das man zeigen muss. Wenn man ein Luxusmagazin wie Elite herausbringt, war die Strategie richtig. Du wirst glaubwürdiger, wenn du über Yachten schreibst und selber eine besitzt. In den letzten Jahren habe ich diesen Rucksack entleert, mich von Yacht, Royce, Villa in St. Tropez getrennt und bin erleichtert. Heute geht es mir um Beziehung, um Vertrauen und darum, verstanden zu werden.
Sie sind jemand, der laut wird, wenn ihm etwas aufstößt. Stichwort: ÖSV-Logo, Opernball-Eröffnung. Worum geht es Ihnen: ums Anprangern oder Verändern?
Ich folge meinem Hausverstand und habe ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Dazu einen fast manischen Drang, aufzuzeigen, wenn ich etwas als unstimmig empfinde. Dabei ist es nicht entscheidend, ob sich die Dinge sofort verändern. Es genügt mir, dass die Menschen diese Unstimmigkeit wahrnehmen. Veränderung braucht Zeit. Wer Menschen zum Nachdenken bringen kann, der trägt dazu bei, dass sich danach etwas bewegt. Vielleicht schieße ich manchmal über mein Ziel hinaus, weil ich sehr outspoken bin, beinhart formuliere und über viel verbale Kraft verfüge. Manche empfinden das als penetrant. Das respektiere ich. Ich würde sagen: Ich gebe Dingen Gewicht.
Woher kam Ihr Bedürfnis nach Sichtbarkeit?
Aus meiner mittellosen Kindheit. Sie war schwierig. Geprägt von schmerzhaften Erfahrungen, die ich erst spät verarbeitet habe. Leider auch von Gewalt. Ich war der Jüngste und der Kleinste in der Klasse. Ich wurde gemobbt und ausgeschlossen. Kein Wunder, wenn du im Schickeria-Umfeld einer Nobelschule mit einer speckigen Lederhosen und unmodischen Sandalen daherkommst. So einen lädt man nicht zu Parties ein. Deswegen bin ich heute gerne Fashionist. Das habe ich mit Ekaterina gemeinsam. In St. Petersburg hatten alle Mädchen die gleichen Gummistiefel, es gab nur eine Fabrik, die so etwas produzierte.
Philosoph Hanno Sauer sieht es als Anerkennung, von den richtigen Leuten NICHT gemocht zu werden. Eine Ansicht, die Sie teilen?
Zu meinen Feinden mache ich nur kluge und außergewöhnliche Menschen, hat Oscar Wilde sinngemäß gesagt. Das trifft es auf den Punkt. Man kann in der Wahl seiner Feinde nicht vorsichtig genug sein. An denen zeigt sich die eigene Qualität. Wer mich untergriffig oder nur beleidigend, ohne Argumente einzubringen attackiert – mich etwa über Umwege als Schwein bezeichnet –, der disqualifiziert sich als mein Feind.
Hält ihre Frau Sie manchmal dazu an, Dinge zu überdenken? Hören Sie auf Ekaterina?
Ja, täglich. Wir sind nicht nur ein Paar. Wir sind auch beste Freunde. Dazu kommt, dass das Knistern zwischen uns beiden nicht wie in den meisten Ehen erloschen ist, sondern in zwanzig Jahren stärker wurde. So etwas ist ganz selten. Diese Ehe ist für mich mein größtes Geschenk.
Ich kenne die Branche wie meine Westentasche. Die Entscheider heben ab, wenn ich anrufe und ich bin perfekt vernetzt
Haben Sie für den Erfolg bezahlt?
Verpasste Zeit mit der Familie. Nächte ohne Schlaf. Ich wurde betrogen, verlassen und abgezockt. Ich habe meinen Preis für diese Karriere bezahlt. Auch mit gesundheitlichen Folgen. Und wenn ich nicht gerade umgefallen bin, bin ich nie in Krankenstand gegangen. Doch immer, wenn ich die Bodenhaftung verloren habe und abgehoben bin, gab es vom Schicksal eine Faustwatsche. Danach bist du wieder demütig.
Das war schmerzhaft, aber schlussendlich immens wichtig für meine Charakterbildung. Schnelles, schmutziges Geld verdienen, kann bald einer. Über lange Zeit fair, seriös und auf hohem Niveau die Flughöhe zu halten – das ist die wahre Kunst. Wenn dir dann mit 71 Jahren ein Scoop gelingt, dass der mächtigste Medienmann hierzulande just als Erster mit mir spricht, während alle anderen durch die Finger schauen, dann ist diese Kunst gelungen.
Sie sprechen vom zurückgetretenen ORF-Generaldirektor Roland Weißmann. Warum glauben Sie, hat er gerade mit Ihnen gesprochen?
Ich habe Handschlagqualitäten. Ich bin paktfähig. Man vertraut mir. Ich kenne die Branche wie meine Westentasche. Die Entscheider heben ab, wenn ich anrufe und ich bin perfekt vernetzt.
Hat sich Ihre Definition von Erfolg über die Jahre verändert?
Ja. Am Ende bleibt nicht das, was man besitzt. Sondern einzig, wie man in Erinnerung bleibt. Deshalb werde ich meinen Verlag mit Jahresende schließen. Ich möchte, dass das, was ich aufgebaut habe, so in Erinnerung bleibt, wie ich das konzipiert habe – und nicht in einer Form weitergeführt wird, die nicht meinen Idealen entspricht. Wichtig ist letztlich nur, was bleibt: Wenn mir jemand sagt, dass ein Vortrag von mir am Publizistikinstitut vor zwanzig Jahren sein Leben verändert hat, dann bedeutet mir das viel mehr als alles andere.
Sie haben schön öfter von Rückzug gesprochen. Wie ernst meinen Sie es diesmal?
Sehr ernst. Ich möchte nicht in die Situation kommen, weiterzumachen, wenn mein Körper das nicht mehr zulässt. Es ist wie im Sport: Am besten hört man auf, wenn man auf dem Höhepunkt angelangt ist. Ich habe bis zuletzt gezeigt, dass ich es noch kann. Aber mein Geschäft funktioniert nur mit vollem Einsatz mit 60-Stunden-Wochen. Der Aufwand ist heute enorm. Du machst nicht nur Print, sondern auch Online, Social Media, verschiedene Plattformen gleichzeitig. Das ist ein ganz anderes Tempo als früher.
Wer merkt, dass seine Kräfte nachlassen, der muss seinen Abgang selber bestimmten und darf nicht trotz erlahmter Kräfte weitermachen. Älterwerden ist nicht lustig. Der Körper macht nicht mehr mit. Die Energie lässt nach. Man ist froh, wenn die kleinen grauen Zellen noch funktionieren. Aber ich will nie aufhören zu arbeiten. Ich unterstütze meine Frau in ihrem digitalen Unternehmen Screenfleet, Out-of-home-Werbung, das ich für sie konzipiert habe und werde mich künftig wohl auf Social Media in der Kommunikation beschränken.
Wie möchten Sie in Erinnerung bleiben?
Als jemand, der keine Angst hatte. Angstfreiheit ist mir wichtig – gerade in einer Zeit, in der den meisten die Diskussionskultur abhandengekommen ist. In der vieles enger, härter und binärer geworden ist. Manchmal glaube ich, es gibt nur noch Schwarz oder Weiß. Zustimmung oder Empörung. Die Zwischentöne sind verloren gegangen. Meine Angstfreiheit war wagemutig, manchmal zu übermütig und zu forsch. Ich habe vieles exzessiv ausgetragen. Heute bin ich ruhiger und weiß, dass man die meisten Auseinandersetzungen gar nicht bis zum Äußersten führen muss. Das Karma regelt das meiste ohnehin. Wer sich dir gegenüber missverhält, der wird sich auch gegenüber anderen danebenbenehmen. Da genügt es, sich an den Fluss zu setzen und zu warten.
Steckbrief
Christian W. Mucha
Christian W. Mucha, geboren am 14. August 1954 in Wien, gründete Ende der 70er-Jahre seinen ersten Fachverlag und baute daraus die MG Mediengruppe (u. a. Branchenmedium Extradienst). 1994 kaufte er Schloss Drasing in Kärnten und renovierte es. Seit 2010 ist er in dritter Ehe mit Ekaterina Mucha verheiratet. Das Verleger-Paar lebt zwischen Wien, Kärnten und Frankreich und hat sich zuletzt erfolgreich auf Social Media etabliert (gemeinsam über 55K Insta-Follower). 2024 wurde Mucha mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Wien ausgezeichnet.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 17/2026 erschienen.







