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Wie viel Wahrheit verträgt die Liebe?

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Wie viel Offenheit braucht eine Beziehung – und wann wird Ehrlichkeit zur Belastung? Warum nicht jede Wahrheit Nähe schafft, sondern auch verunsichern kann.

Markus macht vielleicht den Fehler seines Lebens. Er vertraut Eva sein gesamtes bisheriges Liebesleben an. Da hatte es viele Frauen und einmal eine Transperson gegeben. Seitdem zweifelt Eva an ihrer Attraktivität für Markus.

Nachdem die Person auch noch im gemeinsamen Bekanntenkreis ist, sieht Eva seitdem rot. Sie grübelt darüber nach, was ihr fehlt, das Markus für ein erfülltes Liebesleben brauchen würde. Evas innere Kritikerin souffliert der Armen in einem fort, dass Markus nur deswegen weniger potent sei, weil er in Wahrheit noch an dieser Person hänge, die ihn total beglücken würde, wogegen sie nur zweite Wahl ist. Ihr Kopfkino läuft so in Dauerschleife. Und Markus begreift allmählich, dass er die ganze Wahrheit besser für sich behalten hätte, da sie auf Eva am Ende nur belastend, verwirrend, ja irreführend wirkt.

Warum es manchmal besser ist, die ganze Wahrheit für sich zu behalten, zeige ich Ihnen im Folgenden:

Wettbewerb

Erzählen Sie nie zu viel über Vergangenes. Das kann schnell zum Maßstab werden. Denn seien wir uns ehrlich: Wer möchte schon Bilder im Kopf haben, wie der Partner mit einer anderen und in unserer Vorstellung nicht kalkulierbaren Person Liebe macht. Aber diese Bilder bestehen dann ebenso wie der Verdacht, dass die oder der Verflossene noch – zumindest psychologisch – Macht über das Gegenüber habe.

Selbstunsicherheit

Dies geschieht freilich im Besonderen dann, wenn die Vergangenheitsgeständnisse auf den fruchtbaren Boden eines selbstunsicheren Wesens fallen. Sie merken das an ständigem Nachfragen, wie das genau mit der anderen Person gewesen sei und was sie im Detail gemacht habe und ob das Gegenüber jetzt etwas vermisse, und so weiter. Dies ständige Zweifeln höhlt dauerhaft eine noch so vielversprechende Beziehung aus – und lässt sie am Ende welk werden.

Tabubruch

Die Liebe zu jener Transperson hätte Markus seiner aktuellen Partnerin wohl besser verschwiegen. Evas schwankendes Selbstwertgefühl ist vom Gedanken der Ausschließlichkeit getragen. In ihrer Idealvorstellung hat Markus null Interesse an gar nichts und findet das vollendete Liebesglück nur mit ihr – also weder guckt er hübschen Rivalinnen hinterher noch hat er selbst in grauer Vorzeit, auch nur irgendeine, nicht in Evas Schema passende Erfahrung gemacht zu haben. Mit dem „Tabubruch“ bricht er ihrem Zutrauen, ihm in der Liebe genug zu sein, das Genick. Und kommt es zu Evas abruptem emotionalen Rückzug, und ist es für sie „besser nur noch Freundschaft“.

Fazit

Schütten Sie das Kind nicht mit dem Bade aus und geben Sie bitte nicht immer Ihrem Wahrhaftigkeitsdrang nach, indem Sie alles, wirklich alles, ohne an mögliche unerwünschte Nebenwirkungen zu denken, Ihrer geliebte Person gleichsam vor den Latz knallen. (Markus ist beim Geständnis beschwipst und vertrauensselig, umso härter die Bruchlandung, als es aus ist und Eva ihn in ihrer Familie outet, er stehe ja eigentlich nicht auf sie, habe andere Neigungen.)

Wahrhaftige Mitteilungen können, wie man an Markus und Eva sieht, das Gegenteil von Nähe und Vertrauen zur Folge haben. Nämlich ein großes Befremden, Misstrauen und dauernde Zweifel schüren. Daher nicht vorschnell alles raussprudeln, sondern die Auswirkungen auf das Weltbild und die Erwartungen, Verletzbarkeiten und Wunschträume des Gegenübers mitdenken.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.

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