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Bernhard Pörksen: Wie die Epstein-Files den Journalismus verändern

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©IMAGO / Horst Galuschka

Die Epstein-Files markieren für den Medienwissenschafter Pörksen einen Wendepunkt: Skandale werden nicht mehr nur von Redaktionen enthüllt, sondern von vernetzten Vielen mitproduziert, gedeutet und weitergetrieben. Ein Gespräch über die „fünfte Gewalt“, die Erosion gemeinsamer Wahrheit und die Frage, wie Journalismus unter diesen Bedingungen noch Orientierung geben kann.

Rund drei Millionen oft nur dilettantisch anonymisierte Seiten, 180.000 Fotos, 2.000 Videos: Sie nennen die Epstein-Files in einem Gastkommentar in der „Zeit“ einen „globalen Initiationsmoment“ einer radikal veränderten Medienwelt. Was zeigt sich hier, was in anderen Skandalen so noch nicht sichtbar war?

Mein Befund: Es gibt den Skandal der massenmedialen Ära und den entfesselten Skandal des digitalen Zeitalters. Was ist der Unterschied? Früher, in einer vergangenen Epoche, gab es eine Art Dreischritt der Enthüllung: Erst die Grenzüberschreitung, dann die Entscheidung von Journalisten am Tor zur öffentlichen Welt, ob das Geschehen interessant und relevant ist, schließlich die Veröffentlichung. Entscheidend: Das Publikum war eher passiv, zur Reaktion verdammt, konnte sich erst ganz am Schluss zuschalten, mal einen Leserbrief schreiben. Und auf die Gnade des unredigierten Abdrucks hoffen. Das ist jetzt vollkommen anders.

Neben die vierte Gewalt des klassischen Journalismus ist die fünfte Gewalt der vernetzten Vielen getreten

Bernhard Pörksen

Sie beschreiben den Epstein-Skandal nicht einfach als Skandal, sondern als kollektive Erfahrung. Was ist damit mehr gemeint als bloße Massenaufmerksamkeit?

Das Neue ist, dass die veränderten Gesetze der Medienwelt nun für jede und jeden erlebbar werden. Denn jeder kann nun mitmachen, wird zum Enthüller eigenen Rechts, kann die E-Mails durchforsten, Epstein-Videos neu zusammenschneiden, zur Fahndung aufrufen, weil ihm etwas vermeintlich Verdächtiges aufgefallen ist. MAGA-Influencer, Facebookund TikTok-Stars – sie alle schalten sich nun zu. Sie alle recherchieren, diskutieren, versuchen vielleicht – dafür gibt es längst Netz-Tutorials –, die Schwärzungen einzelner Akten zu beseitigen.

Welche Rolle kommt „den Vielen“ zu, wenn nicht mehr nur Journalisten an der öffentlichen Deutung mitwirken?

Neben die vierte Gewalt des klassischen Journalismus ist die fünfte Gewalt der vernetzten Vielen getreten. Dies wird jetzt allgemein sichtbar. Diese fünfte Gewalt hat viele Gesichter. Kluge Rechercheure, haltlose Paranoiker, findige Privatdetektive oder kundige Tech-Freaks, die mal eben eine Website programmieren, um die Epstein-Mails oder eine Amazon-Bestellungen durchsuchbar zu machen – alles kommt vor.

Ist das die Demokratisierung der Öffentlichkeit – und eigentlich schön und erstrebenswert? Oder sehen Sie darin eine Gefahr?

Beides, das sage ich als bekennender Liebhaber der Grau- und Zwischenwerte. Man sieht, wenn man das Bild größer zieht, zweierlei: Erstens, alles kommt vor, der röhrende Hass und die kluge Analyse, die destruktive Nochmal-Entwürdigung der Opfer und die konstruktive Anregung, die Schwarmdummheit und die Schwarmintelligenz. Zweitens, wird deutlich, dass in der gegenwärtigen Situation einer allgemeinen publizistischen Selbstermächtigung ein gigantischer, noch unverstandener, politisch nicht mal im Ansatz entzifferter Bildungsauftrag steckt. Wir sind längst medienmächtig, aber noch nicht medienmündig.

Wie funktioniert Journalismus unter diesen Bedingungen überhaupt noch? Worin liegt dann unsere eigentliche Leistung? Im Widerstand gegen vorschnelle Deutungen?

Ein guter Punkt. Abschied nehmen vom kommentierenden Sofortismus, der Ad-hoc-Interpretation ohne Substanz – das wäre so etwas wie das Gebot der Stunde. Aber das ist natürlich reiner Idealismus, zugegeben. Realistisch betrachtet verliert der Journalismus längst an sortierender Kraft.

Wo liegen die Ursachen?

Zum einen bröckelt die Finanzierungsgrundlage, die Anzeigenmärkte sind praktisch weg und in Richtung der Digitalgiganten abgewandert. Nur mal eine einzige Zahl: Im letzten Jahr haben drei Unternehmen – Google, Amazon, Meta – mehr als die Hälfte aller Werbeeinnahmen weltweit für sich verbuchen können. Zum anderen findet guter, unabhängiger Journalismus heute faktisch in einer journalismusfeindlichen Welt statt, attackiert von dröhnenden Populisten, verunglimpft von frei drehenden Gesinnungs-Medien, die ihrem Publikum nach dem Mund reden, bedrängt von ökonomischer Not, die aber auf der Publikumsseite nicht verstanden wird.

Und dies alles ereignet sich in der Informationsökologie großer Plattformen, die mit ihren Algorithmen das Spektakel begünstigen, orientiert an dem, was ich das Gesetz der endlosen Informationsverdünnung nennen möchte. Dieses Gesetz besagt: Was emotionalisiert, funktioniert. Ein Teufelskreis eigener Art.

Ist Journalismus eher geschwächt, weil er sein Informationsmonopol verliert – oder gestärkt, weil Orientierung knapper wird?

Hier zeigt sich ein faszinierender, aber doch tief deprimierender Widerspruch. Empirisch gesprochen wird der Journalismus schwächer im großen Rauschen. Normativ betrachtet wird er immer wichtiger – als Orientierungsanker im frei umher wirbelnden Informationskonfetti.

Sie schreiben: Wahr und relevant sei, was den eigenen Interessen nützt; falsch erscheine, was ihnen widerspricht. War das nicht immer so?

Sie haben recht. Aber mein Punkt ist, dass mit dem Journalismus die zentrale Instanz in einer Demokratie unter Druck gerät, die ein Gegengewicht bilden müsste gegen den allgemein menschlichen Bestätigungsdrang. Guter Journalismus ist kratzbürstig, unbequem, unvermeidlich ärgerlich, man muss sich über ihn aufregen. Eben das ist sein Job, seine Aufgabe. Alles andere ist PR.

Das gesellschaftliche Wahrheitsempfinden wird durch Pseudo-Gewissheiten und eine enthemmte Pseudo-Skepsis gleichermaßen unterspült und betäubt

Bernhard Pörksen

Echte Aufklärung und haltlose Spekulation liegen oft eng beieinander. Warum ist diese Grenze so brüchig geworden?

Einerseits kann nun jeder in der Erregungsarena der Gegenwart seine Spielchen spielen und hemmungslos Gerüchte streuen, Fake-Videos kreieren, vermeintliche Skandal-Beweise fingieren. Andererseits – das ist die gute Nachricht – greifen die alten Mechanismen des Skandalmanagements und der Verdrängung nicht mehr.

Britische Monarchen, ein amerikanischer Präsident und ein paar Superreiche können nicht mehr einfach eine Armee von PR-Söldnern und Anwälten losschicken, um die Verbrechen des Missbrauchs zu vertuschen, unabhängige Medien einzuschüchtern, Desinformation zu verbreiten. All dies wird natürlich nach wie vor versucht, kann aber unter den Bedingungen des informationellen Kontrollverlusts nicht mehr wirklich funktionieren. Das ist die helle, die gute Seite des entfesselten Skandals.

Gibt es neben dem Epstein-Skandal vergleichbare Fälle bzw. Ereignisse?

Medial schon – denken Sie nur an die Wikileaks-Veröffentlichungen über amerikanische Kriegsverbrechen im Irak oder die zahllosen digital verfügbaren Dokumente, die die Folterungen und die unendliche Serie von Grausamkeiten im Gefängnis von Abu Ghraib belegen. Inhaltlich ist der Epstein-Fall aber nicht wirklich vergleichbar, weil der Missbrauch Minderjähriger fast so etwas wie das letzte Tabu ist, das selbst in hoch polarisierten Gesellschaften greift, also partei- und fraktionsübergreifend respektiert wird.

Hier herrscht tatsächlich einmal Wertekonsens unter Republikanern und Demokraten, unter Mainstream-Medien und aufgepeitschten Verschwörungstheoretikern. Und eben deshalb fordern nun MAGA-Influencer, QAnon-Anhänger und Politiker aller Couleur Seite an Seite mit New-York-Times-Journalisten Aufklärung, Transparenz, die juristische Aufarbeitung.

Was macht es mit einer Öffentlichkeit, wenn Schuldbeweis, Verdacht, Gerücht und Spekulation gleichzeitig zirkulieren?

Diese Öffentlichkeit wird in einer entscheidenden Hinsicht verunsichert. Was stimmt wirklich? Die Folge dieser Erosion des Wahrheitsempfindens ist doppelter Natur. Zum einen gibt es nun jede Menge Scheingewissheiten; man findet einfach für alles und jedes vermeintlich Belege – bis hin zu Kannibalismus-Vorwürfen, die Userinnen und User in Reddit-Foren dann mit irgendwelchen Pseudo-Beweisfotos belegen …

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Wenn (journalistische) Bewertung fehlt, entsteht leicht der Eindruck, alles sei gleich relevant, gleich verdächtig oder gleich skandalös. Ist das die eigentliche Gefahr in Zeiten wie diesen?

Absolut. Denn zum anderen verbreitet sich, und eben das ist nicht minder brisant, eine Art Fake-Gefühl und eine entfesselte Pseudo-Skepsis. Und es regiert der große Verdacht. Motto: Was berichtet wird, könnte ja gefälscht sein; wer weiß das schon? Das bedeutet: Das gesellschaftliche Wahrheitsempfinden wird durch Pseudo-Gewissheiten und eine enthemmte Pseudo-Skepsis gleichermaßen unterspült und betäubt. Und das ist für eine Demokratie gefährlich, das muss man ganz hemdsärmelig so sagen.

Macht uns die unendliche Verfügbarkeit von Informationen klüger oder am Ende nur reaktiver?

Es kommt darauf an. Aber eines ist inzwischen glasklar: Mehr Information macht uns nicht automatisch mündiger. Das war so etwas wie das heilige Mantra sämtlicher Netzutopien. Heute müssen wir anerkennen: Immer mehr Information unklarer Herkunft erhöht die Chancen effektiver Desinformation. Weil wir bestätigungssüchtige Wesen sind. Und weil sich heute jede Menge Scheingewissheiten barrierefrei in die digitalen Erregungskreisläufe einspeisen lassen.

In Ihrem Zeit-Text taucht Steve Bannons Formel „flood the zone with shit“ als Beschreibung der Gegenwart auf. In Österreich hat der Medienverantwortliche der Kurz-ÖVP die Medien gerne mit „SNU“, „strategisch notwendigem Unsinn“, auf Trab gehalten, was der Ablenkung von anderen Themen dienen soll. Legitim? Zeitgeist?

Legitim ist das nicht, weil es den Abschied von Wahrheit als Strategie feiert und auf ganzer Linie Vertrauen zerstört. Aber diese Strategie funktioniert, leider. Weil im großen Rauschen irgendwann niemand mehr weiß, was Sache ist. Und weil dann der Populist mit seinen plakativen Botschaften fernab der Realität auf einmal als neue Heilsgestalt im Orientierungsgeschäft erscheint. Wer hat schon, jenseits von ein paar blassen Akademikern, noch die Zeit und Muße für die endlose Fakten- und Authentizitätsprüfung? Ehrlich, mir fehlt die Fantasie, wie sich hier gegenhalten ließe – ohne auf das postfaktische Spektakel einzusteigen. Und selbst mit immer grelleren, schrilleren Behauptungen zu kontern.

Wir müssen, so meine Idee, von der digitalen Gesellschaft, in der wir heute leben, zur redaktionellen Gesellschaft der Zukunft werden

Bernhard Pörksen

Auch eine spannende Aussage: „In einer Post-Truth-Gesellschaft gibt es keine Skandale mehr, weil gemeinsame Wahrheiten und Werte fehlen.“ Wie meinen Sie das?

Ich meine, dass es unter den gegenwärtigen Bedingungen – Polarisierung, Aufstieg der Bullshitter, systematische Überhitzung des Kommunikationsklimas – zu einer Selbstvernichtung des Skandals kommen könnte. Dieser verschwindet irgendwann einfach im großen Rauschen, weil wir uns nicht mehr darauf einigen können, was stimmt. Und was sein sollte. Und weil im allgemeinen Stimmengewirr auch zunehmend unklar wird, was eigentlich geschehen ist und worum es in Wahrheit gehen könnte oder doch gehen sollte.

Allerdings: Ich hoffe nicht, dass meine Prognose zutrifft und ich glaube auch nicht, dass der Epstein-Skandal aufgrund seiner Tragweite und der Breite der Empörung so schnell verschwindet. Aber ganz sicher kann man nicht sein. Das wäre dann ein erneuter Missbrauch der Opfer, die nun unter maximal widersprüchlichen Bedingungen um Aufklärung ringen. Und dann erneut zu Objekten werden, zur Seite geschoben, ignoriert.

Sie fordern, journalistische Ideale – Wahrheitsorientierung, Quellenprüfung, Relevanz – in Allgemeinbildung zu verwandeln. Also journalistisches Handwerk als Bürgerkompetenz? Wie soll das gehen?

Wir müssen, so meine Idee, von der digitalen Gesellschaft, in der wir heute leben, zur redaktionellen Gesellschaft der Zukunft werden. Das ist meine Bildungsvision, meine konkrete Utopie. Denn mir ist eines aufgefallen: In den Maximen des guten Journalismus steckt eine Ethik für die Allgemeinheit, gerade weil jeder zum Sender geworden ist und weil alle posten und publizieren. Wie sehen diese Maximen aus? Sie lauten beispielsweise: „Prüfe erst, publiziere später!“ „Analysiere deine Quellen! Habe überhaupt unterschiedliche Quellen!“ Und: „Höre auch die andere Seite!“, „Mache ein Ereignis nicht größer, als es ist!“

Was würde es praktisch heißen, die Urteilskraft des Publikums zu schulen? Reicht Medienkompetenz als Schulfach, wie es gerade in Österreich eingeführt werden soll? Oder brauchen wir eine viel grundlegendere Form öffentlicher Bildung?

Es braucht ein eigenes Schulfach, und die Idee der redaktionellen Gesellschaft könnte ein Wertekorsett liefern, weil es ja nicht darum geht, andere zu bevormunden, sondern Instrumente für die persönliche Wahrheitssuche zu vermitteln. Aber nötig ist auch eine werteorientierte Medienbildung in der Breite der Gesellschaft – in Volkshochschulen, Universitäten, getragen durch Journalistinnen und Journalisten, die eines verstanden haben: Journalismus ist viel mehr als ein Beruf, nämlich eine erprobte Kulturtechnik zur Wahrheitsermittlung und Realitätsklärung.

Es braucht eine Graswurzelrevolution der Medienbildung, die aus dem Journalismus selbst kommen muss. Denn die klassischen Bildungsinstitutionen sind oft zu behäbig, zu träge, zu technologiefasziniert, erstarrt in der Floskel-Sprache eines leblosen, bloß modischen, im Kern einfach realitätsfernen und schlicht dümmlichen Digi-Blabla. Klingt hart, aber ich sage dies nach erlittener Lektüre von endlosen Regalmetern Medienkompetenz-Literatur.

Wie viel Hoffnung haben Sie, dass sich möglichst viele auf diesen Ethos besinnen?

Fordern kann man viel, aber alles entscheidet sich im Konkreten. Also: Journalistinnen und Journalisten sollten ehrenamtlich, unterstützt von Mäzenen, Bildungsverantwortlichen und Medienunternehmern, die begriffen haben, was die Stunde geschlagen hat, ausschwärmen, ihre Kerntätigkeiten gesellschaftlich zu vermitteln. Ich bin als Bildungsenthusiast zu einem prinzipiellen Aufklärungsoptimismus verpflichtet – bis zum absolut endgültigen Beweis des Gegenteils. Und wenn es wirklich schiefgeht, dann hat der Aufklärungsoptimist immerhin das bessere Leben gehabt. Und das ist auch nicht so schlecht, oder?

Steckbrief

Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und ein international profilierter Kommunikationsexperte. Für seine Lehr- und Forschungstätigkeit erhielt er verschiedene Auszeichnungen (u. a. Wahl zum Professor des Jahres, Erich Fromm Preis). Pörksen hat in den letzten Jahren intensiv im Silicon Valley geforscht, er war Fellow des Thomas Mann House (Los Angeles). Sein aktuelles Buch trägt den Titel „Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen“.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 16/2026 erschienen.

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