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Leben mit einem Trauma

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Nach einem traumatisierenden Erlebnis wieder zurück ins Leben zu finden: Ist das möglich? Neueste Erkenntnisse der Traumaforschung zeigen: Entscheidend ist nicht nur die Art des Traumas, sondern auch, ob Betroffene tragfähige Strategien zur Bewältigung entwickeln und Unterstützung erhalten. Welche Arten von Trauma man überwinden kann, warum nicht jede extreme Erfahrung ein Trauma nach sich zieht und was helfen kann, Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen.

Und plötzlich ist alles anders: Menschen, die persönlich von Katastrophen betroffen sind, hadern oft lange Zeit mit dem Erlebten und entwickeln nicht selten Traumafolgestörungen, wie eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Der Begriff „Trauma“ wird im öffentlichen Diskurs mittlerweile breit verwendet. Umso wichtiger ist eine präzise Differenzierung, betont die Wiener Psychologin Laura Stoiber: „Belastende Erfahrungen tun weh, sind aber verarbeitbar. Beim Trauma fühlt es sich an, als sei die Gefahr noch da. Das Nervensystem kommt nicht mehr richtig zur Ruhe, Erinnerungen drängen sich auf, Vermeidung nimmt zu.“

Arten von Trauma

Die Forschung unterscheidet verschiedene Traumaformen. Als Trauma-I-Typ werden zeitlich begrenzte, einmalige traumatische Erfahrungen wie Unfälle oder Naturkatastrophen bezeichnet. Als Trauma-II-Typ gelten jene, die durch Menschenhand verursacht wurden: Folter, Missbrauch und auch Kriege zählen dazu. Oft dauern diese Erlebnisse länger an oder wiederholen sich mehrmals. Diese zweite Kategorie geht Studien zufolge deutlich häufiger mit komplexen und anhaltenden psychischen Störungen einher als einmalige, nicht intendierte Ereignisse.

Das Uniklinikum Carl Gustav Carus Dresden geht davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit, eine posttraumatische Belastungsstörung nach einer Naturkatastrophe zu erleiden, bei etwa 4,5 Prozent liegt, während kriegstraumatisierte Menschen ein erhöhtes Risiko von bis zu 38,8 Prozent haben. Viele Betroffene berichten nach extremen Ereignissen von anhaltender innerer Anspannung.

„Typisch sind Schlafprobleme, starke Schreckhaftigkeit, Grübeln, emotionale Leere oder plötzlich auftauchende Erinnerungen. Manche ziehen sich zurück, andere funktionieren nur noch. Wichtig ist: Das sind normale Reaktionen auf außergewöhnlichen Stress“, erklärt Stoiber. Auch Vermeidung zählt zu den häufigsten Bewältigungsstrategien, etwa das Meiden bestimmter Orte, Gespräche oder Situationen. Kurzfristig kann das entlasten. „Langfristig stabilisiert Vermeidung jedoch häufig die Angst“, so Stoiber. Sinnvoller sei eine schrittweise, therapeutisch begleitete Annäherung. „Vermeidung kann auf Dauer der Beginn einer chronischen Störung sein.“

Heilung beginnt dort, wo Betroffene verstehen: Mein System versucht mich zu schützen

Dr. Laura StoiberKlinische- und Gesundheitspsychologin, Arbeits- und Wirtschaftspsychologin

Wie Trauma entsteht

Ein Trauma entsteht dann, wenn ein Erlebnis das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle überfordert. „Der Körper bleibt dann oft im Alarmzustand. Nicht nur das Ereignis selbst ist entscheidend, sondern was es im Nervensystem hinterlässt.“

Viele Betroffene versuchen zunächst, ihr übererregtes Nervensystem selbst zu regulieren: durch Rückzug, rigide Kontrolle, Ablenkung oder auch durch betäubende Strategien wie übermäßiges Essen, Alkohol- oder Substanzkonsum. Dabei helfen Bodenkontakt, ruhiges Atmen, Wärme, Nähe zu vertrauten Menschen und Orientierung im Hier und Jetzt am ehesten. Wichtig ist, all diese Gefühle erstmal zuzulassen.

„In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie hart Menschen mit sich sind, nachdem etwas Schlimmes passiert ist. Dabei sind viele Symptome keine Schwäche, sondern Überlebensreaktionen. Der Körper hat gelernt, wachsam zu sein. Heilung beginnt dort, wo Betroffene verstehen: Mit mir stimmt nichts nicht. Mein System versucht mich zu schützen.“

Neue und bewährte Therapien

Traumatherapie, so Stoiber, folgt einem klaren Prinzip: „Erst kommt die Stabilisierung, dann die Verarbeitung, dann die Integration. Je nach Methode kommen unterschiedliche Werkzeuge zum Einsatz. Traumatherapie bedeutet nicht, alles noch einmal zu durchleben, sondern dem Erlebten einen sicheren Platz zu geben, damit das Nervensystem es wieder von der Gegenwart unterscheiden kann.“

Bleibt ein Trauma unbehandelt, führt das nicht zwangsläufig zu schwerwiegenden Langzeitfolgen. Ein Teil der Betroffenen stabilisiert sich auch ohne professionelle Unterstützung. Dennoch besteht das Risiko einer Chronifizierung, die Beziehungen, Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann. „Verarbeitung heißt: Das Erlebte bekommt einen Platz in der Vergangenheit“, so Stoiber. Eine zen­trale Rolle spielt dabei Selbstfürsorge. „Selbstfürsorge heißt: Ich schütze mich und kann später hinschauen.“

Neben etablierten psychotherapeutischen Verfahren wird derzeit auch der therapeutische Einsatz psychoaktiver Substanzen erforscht. Im Fokus steht insbesondere MDMA, bekannt als Partydroge „Ecstasy“. Derzeit wird erforscht, wie sich MDMA auf die Therapie von traumatisierten Menschen auswirkt. Studien untersuchen, ob die kontrollierte, begleitete Gabe im Rahmen einer Therapie die Behandlung von PTBS verkürzen kann. Man geht davon aus, dass sich Menschen durch die kontrollierte Einnahme leichter öffnen können und schmerzliche Gefühle aushaltbarer werden. In Europa finden sich bereits Zentren, die solche Interventionen anbieten.

Die Schuld der Überlebenden

Überlebende von Katastrophen verspüren häufig Schuldgefühle, vor allem, wenn andere zu Schaden kamen. Die Traumatherapie spricht dann von Überlebensschuld. Manche empfinden dann Scham, wenn sie später wieder Freude oder Glück erleben. „Freude bedeutet nicht, dass das Geschehene unwichtig war. Beides darf existieren: Schmerz und Lebenslust. Freude ist kein Verrat, sondern ein Zeichen von Heilung“, betont Stoiber.

Dass man nach traumatisierenden Erfahrungen wieder Leichtigkeit und Freude verspüren kann, ist also möglich: „Vielleicht fühlt es sich dann nicht exakt wie vorher an, aber ein freies, lebendiges Leben ist möglich. Das Ziel ist nicht Vergessen, sondern dass die Erinnerung nicht mehr das Heute bestimmt.“ Dass Menschen an einem Trauma wachsen, ist ebenfalls nicht unüblich. „Viele entwickeln neue Stärke, Klarheit oder Mitgefühl. Aber Wachstum ist kein Muss. Es entsteht nicht durch das Trauma, sondern durch Verarbeitung, Unterstützung und Selbstwirksamkeit.“ Ein Trauma prägt vielleicht die eigene Biografie, aber es entscheidet nicht über die Zukunft.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.

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