Reißfestes Universum. „Faszination Papier“ ist noch bis 22. März geöffnet. Ralph Gleis steht vor Birgit Knoechls „Art of Control“.
©Matt ObserveMarina Abramovics radikale Performances und eine verzaubernde Ausstellung zum Thema „Papier“ markierten den Beginn des Programms zum 250. Geburtstag der Albertina. Ralph Gleis, der im Jänner 2025 als Direktor antrat, zieht Zwischenbilanz und blickt in die Zukunft. Was ihn vom Langzeittriumphator Klaus Albrecht Schröder unterscheidet und warum er Otto Muehl nicht ausstellt.
Die dröhnende Stille über den nackten, entrückten Körpern ist erstorben: Am 1. März ist das Gefolge der Performance-Künstlerin Marina Abramovic aus der Albertina-Dependance im Künstlerhaus weitergezogen. Die überregional wahrgenommene Retrospektive war ein Glücksfall: Das liquidierte Kunstforum, dessen Wiederbelebungsbemühungen arg im Ungewissen liegen, konnte das Projekt nicht mehr umsetzen. Da griff man albertinaseitig zu und lukrierte einen riesigen Publikumsbringer.
Im Hauptgebäude bei der Oper rauscht und flüstert es noch zehn Tage lang unter den Blicken und Händen der Besucher, die hier sogar Exponate berühren dürfen. „Faszination Papier“? Freundlichstenfalls hatte man den seit Jänner 2025 amtierenden Direktor Ralph Gleis, 52, sonderbar angesehen, als er das Ausstellungsprojekt zum 250-jährigen Bestehen des Instituts bekanntgab.
Jetzt strömen die Besucher: zu Rembrandt und dem wandhohen Dürer, zum 26 Meter langen japanische Früh-Comic aus dem 19. Jahrhundert, den riesigen Kartonagen und dem schwarzen Scherenschnitt, groß wie ein Gartenhäuschen, aus dem Jahr 2012. Alles aus den Beständen des Hauses, sagt der Direktor.
Und dass es Zeit für eine Zwischenbilanz sei, über das erste Amtsjahr 2025 und die nunmehr endende erste Phase der Jubiläumsaktivitäten.
Die Besucher strömten weiter
Wie ist das erste Jahr nach Klaus Albrecht Schröder, dem König der Publikumsströme, verlaufen? Verblüffend, sagt der Direktor, auch für ihn selbst. Man habe ein neues Konzept versucht, an die Kuratoren sei dabei der Auftrag „Mutig sein“ ergangen: „Nach einer so erfolgreichen Zeit muss sich niemand dem Druck hingeben, größer, weiter und schneller zu werden.“
Und das Resultat? 1,3 Millionen Besucher, bis auf wenige Tausend gleich viele wie der imperiale Vorgänger 2024 mit seinen Blockbustern erreicht hat. 40 Prozent der Besucher sind österreichisches Stammpublikum, nicht alltäglich für einen touristischen Brennpunkt erster Ordnung. Die Eigenfinanzierung liegt bei mehr als 60 Prozent.
1,2 Millionen Werke im Fundus
Kern des neuen Konzepts ist die radikale Besinnung auf die eigene Sammlung. 600 Jahre Kunstgeschichte sind hier in 1,2 Millionen Objekten ausgebreitet. So konnte man im Vorjahr Leonardo gegen Dürer positionieren, erhebliche Anteile entstammten dabei den eigenen Beständen.
Das Gründerpaar Albert von Sachsen-Teschen und Marie-Christine von Habsburg legte mit Hunderttausenden Werken der Druckgrafik den Grundstock. Nach 2000 erweiterte man explosiv Richtung Moderne, Schenkungen und ganze Sammlungen kamen dazu, und heute ist man auch das größte Fotomuseum des Landes.
Damit kann man den Sparvorgaben der Regierung begegnen, ohne die Zahl der Ausstellungen zu reduzieren. Im Kunsthistorischen und im Belvedere musste man Bauvorhaben zurückstellen, und Gleis hat Überlegungen, die Erweiterung der Ausstellungsflächen betreffend, vorerst abgesagt.
Der Hase vor dem Kochtopf
Programmatisch wird daher die Jubiläumsausstellung vom kommenden Juni „Sammeln für die Zukunft“ benannt werden. Das klingt akademisch, aber der Identitätsstifter kann es ohne Mühe mit der Mona Lisa aufnehmen: Der ikonische Dürer-Hase, der in 524 Jahren nie Popularitätsschwankungen ausgesetzt war, wird sich leibhaftig aus dem Hochsicherheitsdepot bemühen.
Als Reproduktion ist er bis in den letzten Andenkenladen der Welt unterwegs. Die Albertina schickt sein Konterfei auf Zweihundertfünfziger-Tour nach New York, London, Rom, Madrid, Prag, Brüssel.
Aber das Original, das stets ungeheuren Publikumsansturm verursacht, gibt es nur hier zu sehen, und das erstmals seit sechs Jahren.
Ob das Werk seinen singulären Ruf denn tatsächlich verdient hat? Da wird der freundliche, stets umgängliche Deutsche emotional. Allein die Position, Schatten werfend auf ein leeres Blatt, die Muskeln gespannt unter dem flauschigen Fell, skizziert der Direktor ein an Abramovic gemahnendes Szenario. „Wenn man länger auf das jahrhundertealte Werk schaut, scheint es, als würde der Hase atmen und gerade zur Flucht ansetzen.“


Der Feldhase. Dürers Werk nimmt seit 524 Jahren ikonischen Rang ein. Ab 19. Juni nach sechs Jahren wieder im Original zu sehen
© Albertina WienDabei konnte Dürer das Tier im Atelier nur kurz einigermaßen unbeweglich studieren und auf dem Papier festhalten, ehe das Modell in den Kochtopf wanderte. Den Hasen habe Dürer selbst als ikonisch erachtet. Wenn sich jemand vom Meister porträtieren lassen wollte, konnte er anhand des Nagers hochrechnen, was ihn erwartete. Bis zum Reflex des Fensterkreuzes im Auge womöglich.
Das Thema „Sammeln“ erscheint angesichts prallvoller Depots – man ist eines der drei größten Druckgrafikmuseen der Welt – und rigider Sparvorgaben illusorisch.
Gleis kommt wieder auf die Schenkungen: „Wir müssen zielgerichtet in die Zukunft schauen, um keine Ansammlung von Dingen, sondern ein zukunftsfähiges Museum zu werden – dafür haben wir eine Sammlungsstrategie entwickelt.“ Der Trick ist einfach: „Wir lassen uns nur schenken, was wir für sinnvoll erachten.“ Ansonsten vertraue man Gönnern, die man beim Ankauf eines bestimmten Werks um Hilfe bitte.
Im Oktober stellt man dann die Künstlerinnen der Sammlung in den Mittelpunkt: von Angelika Kaufmann bis Gabriele Münter, Käthe Kollwitz und Meret Oppenheim. 5.000 Werke vom 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart sind in die Vorauswahl gelangt.
Große Namen, aber an Prominenz bei Weitem nicht mit Raffael und Leonardo zu vergleichen. Klar: „Die Kunstgeschichte hat sich zu wenig für Künstlerinnen interessiert. Daher sind sie heute nicht so berühmt wie die Männer und es gilt, sie wiederzuentdecken.“
Irrwege und neue Märkte
Ein paar Aktualitäten sind noch abzuarbeiten. Die übergeordnete Kulturholding über alle Sparten, die sich beharrlich im Untergrund behauptet? „Ich komme aus Berlin, war dort Direktor der Alten Nationalgalerie und habe die letzten fünf Jahre den Prozess der Rückabwicklung der Holdingstrukturen begleitet. Das Korsett für die Institutionen war eng, der bürokratische Wasserkopf war über einen langen Zeitraum gewachsen. Das hat den Museen nicht genützt. Seit umstrukturiert wurde, sind die Museen freier, sie können eigenständiger agieren und es gibt dort spürbar ein Aufatmen.“
Das ist deutlich. Das Leihen und Verleihen von Kunstwerken hat sich deutlich erschwert. Früher war Russland ein großer und traditionsreicher Partner, und Dubai galt als Nobeldestination. Jetzt legen Südkorea, Japan, auch Australien an Aktualität zu.
Trumps Wüten? Hat vorerst keine Auswirkungen. Der enge Verbündete Max Hollein leiht sich für das Metropolitan Museum in New York Raffael und bestückt dafür Gleis’ Herbstausstellung zu Francis Bacon und Picasso.
Verkäufe aus den ungeheuren Beständen lehnt der Direktor ab: Was man, einem Trend folgend, seinerzeit in Holland und den USA abgestoßen habe, wünsche man sich vielfach sehnlich zurück, nachdem sich der Zeitgeist gedreht hat.
Vorgänger Klaus Albrecht Schröder setzt gerade Leuchtzeichen mit dem erneuerten Aktionismus-Museum. Die epochale österreichische Nachkriegsbewegung bleibt auch Bestand und Interesse der Albertina, stellt Gleis da gleich klar. Schröders Eröffnungsausstellung zum frühesten Nitsch wird mit Leihgaben unterstützt, Rudolf Schwarzkogler, Valie Export und Marina Abramovic aus dem Kosmos der Performancekunst seien gewürdigt worden.
„Niemals Otto Muehl“
Und Otto Muehl*, den Schröder ausstellen wird? Die Antwort kommt ohne Verzug. „Nein, das würde ich ausschließen.“ Weshalb? „Das betrifft die grundsätzliche Debatte, ob Künstler:in und Kunstwerk getrennt voneinander zu betrachten sind. Bei Otto Muehl ist das aus meiner Sicht nicht der Fall.“
Otto Muehl
Otto Muehl, geb. 1925 im Burgenland, Mitbegrün der des Wiener Aktionismus. Sein Kommunenmodell Friedrichshof entgleiste. Er wurde 1991 wegen Missbrauchs einer Minderjährigen zu sieben Jahren verurteilt, die er bis zum letzten Tag absaß. Seine Bedeutung als Künstler ist unbestritten
Jetzt wäre noch das Datum für die Geburtstagsfeier festzulegen, keine Kleinigkeit bei dem postmethusalemischen Alter der Jubilarin. Gewissenhafte Forschung ergab das Geburtsdatum: Der 4. Juli 1776 ist es, an dem auch die neuerdings viel strapazierte amerikanische Unabhängigkeit zertifiziert wurde.
An diesem Tag nahm das Gründer- und Stifterpaar in Venedig von einem hochqualifizierten Dealer ein gigantisches Konvolut italienischer Druckgrafiken in Empfang. Lang, führt der Direktor aus, sei man von 1.000 Blättern ausgegangen, die da unter logistisch herausfordernden Umständen in Schachteln nach Wien verbracht wurden. Bis kürzlich ein Kurator nachrechnete und auf mindestens 10.000 kam. Die unverhoffte Gratifikation nach 250 Jahren hat das Haus gern entgegengenommen.
3 × Albertina - das Programm
Im Haupthaus (Auswahl)
Faszination Papier, noch bis 22. März
Honoré Daumier. Der Großsatiriker wird bis 5. Mai gezeigt.
Sammeln für die Zukunft. Die Albertina präsentiert sich inkl. Feldhase zum Geburtstag (19. 6. bis 11. 10.)
Picasso - Bacon. (18. 9. bis 31. 1. 2027)
Künstlerinnen der Albertina. Vom Mittelalter bis Kiki Kogelnik (30.10. bis 17. 1. 2027)
Albertina modern im Künstlerhaus
Tanzfotos. (bis 7. Juni)
KAWS. Kunst und Comic (3. 4. bis 27. 9.)
Vasaely - Adrian. Schlüsselfiguren der Pop Art (26. 6. bis 8. 11.)
Franz West. (6. 11. bis 29. 3. 2027)
Albertina Klosterneuburg
„Donated with Love“. (26. 3. bis 15. 11.). Hier wird für großzügige Schenkungen gedankt. Das ehemalige Essl-Museum wurde von Klaus Albrecht Schröder wiederbelebt und dient heute als Ausstellungs- und Depotgebäude. Gleis denkt an einen Skulpturengarten, der auch Ausflügler interessieren könnte.
Otto Muehl, geb. 1925 im Burgenland, Mitbegründer des Wiener Aktionismus. Sein Kommunenmodell Friedrichshof entgleiste. Er wurde 1991 wegen Missbrauchs einer Minderjährigen zu sieben Jahren verurteilt, die er bis zum letzten Tag absaß. Seine Bedeutung als Künstler ist unbestritten.
Steckbrief
Ralph Gleis
Ralph Gleis, geboren am 9. August 1973 in Münster, Kunsthistoriker, war Kurator am Wien Museum, leitete ab 2017 die Alte Nationalgalerie Berlin. Seit 2025 Direktor der Albertina
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 11/2026 erschienen.








