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Adel Dauood: Malen nach Qualen

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Adel Dauood

©Trend/Wolfgang Wolak
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Dem syrischen Bürgerkrieg mag Adel Dauood entkommen sein, auf seinen Leinwänden toben aber weiterhin Schlachten, herrscht das reine Chaos. Während er in seinem Wiener Wohnatelier mit den Farben tanzt und sich der panischen Angst vor der Leere stellt.

Na bumm. Als hätte hier Jackson Pollock gewütet. Nämlich drüben an der Stirnwand des ansonsten recht gemütlichen Zimmers mit Tisch, Fauteuil und Bücherregal. Der Parkettboden sieht jetzt jedenfalls aus wie ein Action-Painting. Den kriegt er doch nie wieder sauber, der Adel Dauood. Gut, er ist Maler, und die patzen nun einmal sich und ihre nähere Umgebung an. Trotzdem: Wie kann er das seinem Boden bloß antun?

"Das ist nicht mein Boden", beteuert der 2013 aus Syrien nach Wien geflüchtete Kurde (Betonung auf "ist", nicht auf "mein", wohlgemerkt), während er in seinem Wohnatelier im siebenten Bezirk eine Unschuldsmiene aufsetzt. Nicht sein Boden? Sondern? Ein Fake. Kunststoff in Holzoptik. Der "richtige" Boden befindet sich darunter. Das echte Holz. Unversehrt. Unter dem Fleckerl aus PVC, das zufällig dessen eineiiger Zwilling sein könnte. Ja, okay, ein paar türkise Tropfen sind über die Kante gespritzt. Über die schauspielernden Bretter hinaus auf die authentischen. Quasi in den Zuschauerraum. Denn das Ganze hat etwas von einer Bühne, was Theatralisches. Auch wenn die Staffelei mehr ein Relikt ist (aus akademischeren Tagen) als ein aktuelles Requisit.

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BESTIE MENSCH. Animalische Kreaturen bevölkern Adel Dauoods Pandämonium -als er 2013 nach Wien kommt, aus Ermangel an Möglichkeit und Materialien zunächst mit Tusche auf Papier

© Trend Wolfgang Wolak

Wo der Künstler seine expressiven Dramen zwischen lebenshungriger Zwischenmenschlichkeit und epischem Schrecken mittlerweile lieber malt, davon zeugen die reichlichen Kleckser auf besagtem Bodenbelag und auf der Wand. Überall Spuren des Kampfs bzw. Tanzes. Dirty Dancing mit dem Pinsel gewissermaßen. ("Dirty" im Sinne von "kleckern".) Weil das Malen für Dauood "wie Tanzen" ist, wobei das Herz den - emotionalen - Rhythmus vorgibt.

Ein Klecks Hoffnung

Die Musik hat er sowieso "immer im Kopf", beim "Tanzen" auf der Leinwand muss er folglich nicht extra noch eine einschalten. Das wäre ihm zu laut. Außerdem zwingen einem die fremden Melodien ihre Stimmungen auf, und er will seinen eigenen Ausdruck verleihen, seine Themen malen. Chaos, Migration, Dialog, Konflikt. Vor allem albtraumhafte Massenszenen, eine orgiastische Agonie. Und immer wieder stürzt sich die Hoffnung ins Schlachtengetümmel aus heftigen Gesten und markigen Linien, die den Konturen der Psyche folgen. Künstlergespräche im Radio hält er da schon eher aus, der Dauood. Oder Interviews mit Politikern.

Anfangs liegt die Leinwand also, auf die er sofort mit kindlicher Energie losgeht ("Zu 90 Prozent spiele ich, dann habe ich einen Plan"), bevor sie schließlich mit Klebeband an die Wand gepickt und das Bild vollendet wird. Ob er mir eventuell was "vortanzen" könnte? Natürlich nicht mit triefendem Pinsel. Eine Trocken-Malperformance sozusagen. Einfach, damit ich eine ungefähre Vorstellung bekäme - von seinen Tanzkünsten. Macht er tatsächlich. Klemmt sich flugs fünf Pinsel zwischen die Finger seiner rechten Hand und einen in seine Linke und geht, nein, hüpft in medias res, kommt auf einem unfertigen Gemälde und mit entsprechender Beinarbeit ohne Umschweife zur Sache. Schleudert die imaginären Farbtöne seiner Kopfmusik in die Gegend.

Wenn ich male, dann tanze ich

Aha, ein Linkshänder. Wie Pablo Picasso oder Leonardo da Vinci. Nicht zuletzt, weil er den rechten Arm nicht ganz hochbekommt. Seit der Kindheit. Probleme mit der Schulter. Deshalb hätte er kein Arbeiter werden können, "nur Maler". Linksmaler. Und auf ärztlichen Rat hin tunkt er sein Malgerät in Acryl-, statt wie früher in Ölfarben ein. Wegen der Schulter? Blödsinn. Wegen der Schleimhäute. Und der Atemwege. Die bekanntlich von den Lösungsmitteldämpfen angegriffen werden. Besonders wenn, wie er anmerkt, "alle Fenster zu sind". Welche "Fenster"? Genau. Die drei am andern Ende des Raumes sind ja blickdicht, zugemauert (und streng genommen Nischen).

"Du musst die Sonne hineinmalen", habe ihm ein Freund vorgeschlagen. Keine schlechte Idee. Am besten das syrische Tagesgestirn. Zumal die Erinnerung an dessen Kraft auch in der neuen Heimat Dauoods Farben stärkt. Noch dazu haben die "Fenster" was Orientalisches an sich, ähneln von der Form her jenen, durch die er in Damaskus geschaut hat, wo er sein Kunststudium noch abschließen hat können, nachdem während seines finalen Semesters 2011 der Bürgerkrieg ausgebrochen war.

Seine Bilder sind Globetrotter

In seinem Herkunftsland schnell eine Art Shootingstar, musste er sich in Österreich erst wieder zu einem mausern. Musste in einem Flüchtlingsheim der Caritas klein anfangen. Mit einem Quadratmeter. ("Gebt mir einen Meter mal einen Meter Wand und ich kann schöne Bilder malen!") In beengten Verhältnissen mit acht Zimmergenossen. Längst bewältigt er imposantere Formate. Sein Traum: ein "großes, großes Atelier". In dem er riesige Leinwände volltanzen kann. Wie monumental wären die? "Hoch fünf Meter und", er macht eine ausladende Gebärde mit der Linken, "zehn in diese Richtung." 50 Quadratmeter? Da drauf hätte ein kompletter Zwei-Personen-Haushalt Platz, hallo. Inklusive Besenkammerl. Apropos zwei: Ist er verheiratet? "Ledig." Kinder?"Vielleicht. Ich weiß nicht."(Grinst wie ein Smiley.) Nachwuchs hat er also möglicherweise keinen, dafür definitiv Humor.

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© Adel Dauood

Und so beliebt wie sein eindrücklicher Stil inzwischen auf dem Kunstmarkt ist (Existenzielles in attraktiven Farben, von Schmerz und Panik zur puren Kreatürlichkeit deformierte Leiber), ist es wohl unausweichlich, dass Adel Dauood, Jahrgang 1980, irgendwann im Wikipedia-Eintrag zu seiner Geburtsstadt al-Hasaka lobend erwähnt werden wird. In der Rubrik "Söhne und Töchter". Rund um den Globus hat er ausgestellt. New York, London, Dubai, Klosterneuburg (2014 in der Sammlung Essl) Er war in den USA? Nicht direkt. "Ich hab nur meine Bilder geschickt", stellt er klar. Nicht einmal nach Berlin hat er sie begleitet. Dabei wäre das gleichsam ums Eck gewesen. Eineinviertel Stunden. Mit dem Flieger. "Vielleicht war ich Kurs. Deutschkurs." (Lacht.)

Ohne Schwimmweste im Leben treiben

Auf seiner Vernissage in der Galerie Artecont am Wiener Opernring 21 hingegen ("Ungewisse Wanderung", zusammen mit Werken des 2020 verstorbenen Robert Hammerstiel) ist er nachweislich aufgetaucht. Eine "Seitenblicke"-Kamera hat ihn nämlich eingefangen. Noch bis 29. Februar kann der Betrachterblick genüsslich schaudernd im ekstatischen Grauen und verführerischen Kolorit ertrinken, während bestialisch verfratzte Mensch-Tier-Hybriden ohne Schwimmwesten in der Verzweiflung und im "Flut"-Zyklus treiben.

"A geborener Maler", beschreibt Galerist Herwig Dunzendorfer seinen Schützling, der froh darüber ist, nicht zur Arbeit fahren zu müssen, sondern immer schon dort zu sein: "Wenn ich aufstehe, muss ich malen." Moment. Ist er nicht vielmehr ein Nachtmaler? Ja, eh. Weil: "In diesem Atelier ist es immer Nacht." Brennt dauernd künstliches Licht. Trotz Oberlichte. Die acht Leuchtstoffröhren spenden den optischen Aufheller mit fünf Buchstaben (L-I-C-H-T eben) freilich so übermäßig, dass der Künstler sich einen Blendschutz gebastelt hat. Aus Seidenpapier. Lauter Kurzgardinen. Vor jeder Leuchtstoffröhre eine.

Leidet der Adel Dauood eigentlich an einem Horror vacui? Unbedingt. Das ist, wenn es einem vor der Leere graust, was die Ursache sein soll, weshalb manche ihre Bilder so vollstopfen. Offenbar als Konfrontationstherapie ist das Erste, das der Maler beim Betreten seines Domizils erspäht (und das Letzte beim Verlassen desselben) ein leerer Bilderrahmen Respektive ist das Stückchen Leere im Vorzimmer sogar von einem Passepartout eingefasst. Für Kenophobiker wahrscheinlich Dauoods beklemmendstes Opus.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 7/2024 erschienen.

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