Roland Velich erntete mit seinem Blaufränkisch Lutzmannsburg Alte Reben 2023 international Erfolge. Die amtliche Prüfkommission sagt: Nein.
©Falstaff/Xenia TrampuschEin österreichischer Rotwein erhält erstmals 100 Punkte eines internationalen Weinkritikers, bei der heimischen Prüfnummer fiel er aber durch. Wie kann das sein?
Roland Velich ist nicht der Weinbauer, wie man ihn sich vielleicht vorstellt. Velich hat keine klassische Winzerausbildung, sondern studierte eine Zeit lang Geisteswissenschaften und arbeitete schließlich zehn Jahre als Croupier in Wien. Velich fährt nicht Traktor und hat keinen eigenen Weinkeller, er ist weltgewandt, zitiert klassische Literatur und kennt den Wert des richtigen Auftritts. Und Roland Velich polarisiert.
Anfang der 1990er erschien er plötzlich mit einem Chardonnay namens Tiglat auf der Bildfläche, erklärte, dass der nach burgundischer Tradition vinifiziert sei und mit österreichischem Chardonnay nichts zu tun habe. Die Presse jubelte, die Weinbau-Vertreter verdrehten die Augen.
Die Blaufränkisch-Identität
Nachdem das Weingut Velich Ende der 1990er von Rolands jüngerem Bruder Heinz übernommen wurde, ging Velich sein nächstes, ein größeres Projekt an: Den Blaufränkisch als pannonische Identität zu erkennen, die Ausdrucksformen dieser uralten Rebsorte an ihren unterschiedlichen Standorten herauszuarbeiten, so wie das im Burgund mit dem Pinot Noir seit Jahrhunderten gemacht wird. Eine Kooperation mit gleichgesinnten Winzern unter der Bezeichnung „Moric“ war geplant, aber nun ja, herausragende Winzerpersönlichkeiten sind dann doch eher Einzelkämpfer.
Roland Velich brachte Anfang der 2000er seine ersten Rotweine auf den Markt: Zwei Blaufränkische aus 80 Jahre alten Weingärten, einer in Neckenmarkt, einer in Lutzmannsburg, keine Prestigelagen, kein damals üblicher Barrique-Ausbau, keine kraftstrotzenden Wein-Monster, wie man es damals glaubte machen zu müssen. Sondern filigrane Mineralität, elegantes Säurespiel und unendliche Tiefe. Wie bei den großen Burgundern eben. Wow. Das war neu – und polarisierte natürlich noch mehr. Im Inland tat man sich mit dem neuen Stil schwer, der Amerikaner Robert Parker, damals der einflussreichste Weinkritiker der Welt, bewertete den 2009er aus Neckenmarkt allerdings mit 95 Punkten.
Der große Jahrgang
Vorigen Herbst füllte Roland Velich schließlich seinen 2023er Blaufränkisch „Lutzmannsburg Alte Reben“ – er erwies sich als besonders gelungen. Im Falstaff-Rotweinguide, Österreichs wichtigstem Gradmesser für heimische Rotweine, erhielt er 99 Punkte und wurde gemeinsam mit zwei anderen Blaufränkisch-Weinen von Reinhold Krutzler und Hannes Schuster zum Sieger gekürt. Etwa zur selben Zeit verkostete auch der Weinkritiker Stuart Pigott für die sehr populäre Wein-Plattform von James Suckling – und vergab für den Wein sogar 100 Punkte. Zum ersten Mal in der Weingeschichte für einen österreichischen Rotwein!
Jetzt kann man natürlich darüber diskutieren, ob ein Wein hundertprozentig, also perfekt sein kann (oder muss) und dass Top-Scores heute vielleicht leichtfertiger vergeben werden als früher.
Aber egal, dass es sich bei diesem Rotwein aus einem Weingarten an der ungarischen Grenze um einen absoluten Weltklasse-Wein handelt, steht außer Zweifel. Das Problem: Die Verkoster von der amtlichen Prüfkommission, die über die Vergabe der Prüfnummern bestimmt, sahen das bei ihren Blindverkostungen, bei denen Weine im Schnelldurchlauf auf Weinfehler und Typizität geprüft werden, anders und lehnten den Wein ab. Einmal, dann noch einmal. „Oxydativ-aldehydig, krautig-rübig, adstringierend-bitter, dumpf, muffig, weinfremder Geruch, weinfremder Geschmack, käseln; Qualitätskategorie: nicht entsprechend“. Klingt so, als würde man den nicht trinken wollen, geschweige denn für rund 135 Euro.
Prüfen oder nicht prüfen?
Wie kann das sein? Nun ja, Weine, die nicht mit standardisierten Reinzuchthefen vergären, sondern die im Weingarten vorhandenen natürlichen Hefen nutzen, schmecken anders, individueller, weniger einheitlich, „besser“, lautet der Tenor heute. Dass solche Weine bei der Prüfnummer mitunter durchrasseln, ist bei der aktuellen Form der Prüfung aber äußerst wahrscheinlich, es gibt Fälle, da musste ein Top-Wein sogar 18 Mal eingereicht werden, bis er endlich durchkam.
Und Winzer, die besonders auf „Terroir“ setzen, also auf die individuellen Aromen einer Einzellage, reichen ihre Weine oft gar nicht erst ein, weil sie die Chance, um bei den „klassisch geschulten“ Verkostern zu bestehen, als zu gering sehen.
Roland Velich hätte natürlich auch noch weitere Male einreichen können. Allerdings hatte er da halt schon die 100 Punkte und die gerade startende Weinmesse VieVinum gab ihm die Möglichkeit, das Thema gemeinsam mit dem steirischen Star-Winzer Armin Tement und Andreas Wickhoff, Geschäftsführer des Weinguts Bründlmayer, vor breiter, internationaler Weinöffentlichkeit zu diskutieren.
Hatte das einen Marketing-Effekt? Natürlich hatte es das auch, er war nachgerade aufgelegt, niemand mit Verstand hätte diese Vorlage nicht genutzt. Velich führte ins Treffen, dass die aktuelle Prüf-Kommission auf industrielle Standard-Weine gepolt sei, „die haben zweifellos ihren Markt, das ist auch völlig okay“, komplexe Weine mit Persönlichkeit und „Terroir“ aber durchfallen lassen.
Das Imperium schlägt zurück
Dieser Vorwurf gefiel den offiziellen Stellen gar nicht, der Leiter des für die Prüfungen zuständigen Bundesamts für Weinbau im Landwirtschaftsministerium Rudolf Dorner warf Velich Etikettenschwindel vor, weil er zur Online-Darstellung seines 100-Punkte-Weins ein Flaschenfoto hergestellt hat – noch vor der Ablehnung der Kommission, mit einem Photoshop-Etikett und Fantasie-Prüfnummer.
War zweifellos nicht ganz klug vom Winzer, allerdings macht das fast jeder so, und wirklich verboten ist eigentlich nur der Verkauf mit falschem Etikett, die Darstellung ist ein lässlicher Fehler. Das Vergehen wurde nach Dorners Vorwurf von der Kellereiinspektion jedenfalls geprüft, das Verfahren sehr rasch eingestellt. Seither gibt ein Wort das andere, man droht einander mit Klagen, Stuart Pigott spricht auf Instagram sogar von „Weinfaschismus“.
Muss das sein? Fällt es uns wirklich so schwer, auch einmal auf einen schönen Wein stolz sein zu können, der weltweit Beachtung findet? Muss sich die Bürokratie tatsächlich nur auf Sicherheitsaspekte beschränken, nicht aber auch Individualität zulassen? Velich darf bei seinem durchgefallenen 100-Punkte-Wein jetzt keine Herkunftsangabe am Etikett vermerken und nennt seinen Moric „Alte Reben Lutzmannsburg 2023“ jetzt halt „Alte Reben L 2023“.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.







