News Logo
ABO

Signalkrebs, Grundel, Ochsenfrosch: Sollten wir Invasoren einfach aufessen?

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
12 min
Artikelbild

Signalkrebs

©Bild: GettyImages

Eingeschleppte Pflanzen und Tierarten, sogenannte „Neobiota“, bedrohen heimische Ökosysteme. Der Vorteil mancher dieser Invasoren: Sie schmecken gut.

Wir setzten sie aus, wir ließen sie frei, wir dachten uns nichts dabei oder meinten, es wird schon nichts passieren. Nun ja, und jetzt haben wir den Salat. Im Falle von Pistia Stratiotes alias Muschelblume oder Wassersalat sogar im wahrsten Sinne des Wortes: Als Zierpflanze wurde die südamerikanische Wasserpflanze in heimische Teiche verbracht, mittlerweile wuchert sie auch dort, wo sie nicht der Zierde dient.

So wie 87 andere invasive Pflanzen- und Tierarten, die Europas Ökosysteme aktuell belasten oder sogar gefährden, 32 davon haben sich auch schon in Österreich etabliert, 16 pflanzliche, 16 tierische. Die Invasoren verdrängen heimische Arten, haben hier oft keine natürlichen Feinde, verändern Böden, Ge­wässer, Ökosysteme und verursachen im häufigsten Fall hohe Kosten für Management, Überwachung und Bekämpfung.

Blurred image background

Pistia Stratiotes alias Muschelblume oder Wassersalat

 © IMAGO / Panthermedia

Und jetzt die gute Nachricht: Ein paar von ihnen kann man nicht nur essen, sie schmecken sogar richtig gut und eine kulinarische „Verwertung“ könnte durchaus ein Teil der Lösung sein, wie auch Thomas Friedrich von der Boku erklärt (siehe Interview am Ende des Artikels, Anm.). Das Problem dabei: Unsere kulinarischen Gewohnheiten müssten – um effektiv Wirkung zu erzielen – wohl ein bisschen „erweitert“ werden. Aber das fiel uns bei Regenbogenforelle und Bachsaibling – beide nicht heimisch, sondern aus Nordamerika stammend und der Fischerei zuliebe in heimischen Bächen und Seen ausgesetzt – ja auch relativ leicht.

Neuzugänge auf der Speisekarte

Betrachten wir die aussichtsreichsten Kandidaten unter den Invasoren, jene mit der größten Chance, bei uns am Teller zu landen:

Nummer eins ist sicher der amerikanische Signalkrebs, der in den 60er-Jahren in Europäischen Gewässern ausgesetzt wurde und sogleich den heimischen Edelkrebs vernichtete. Nicht nur weil er größer und aggressiver als die heimische Art war, sondern vor allem, weil er die sogenannte „Krebspest“ mitbrachte, eine Pilzinfektion, gegen die heimische Edelkrebse im Gegensatz zum Signalkrebs nicht immun waren. Wirtschaftlich interessant ist der Invasor allemal: Er pflanzt sich rasch fort, ist leicht zu fangen, die Zubereitung ist nicht allzu kompliziert und er schmeckt ganz hervorragend. Anders als bei seinen Verwandten, den Scampi, liegt sein Fleischanteil zwar nur bei 15 Prozent, und die aus der harten Schale zu bekommen, ist auch kein Leichtes, aber die Mühe lohnt.

Ein völlig unterschätzter Kandidat ist die Grundel, ein kleiner Mini-Barsch, der auf mehrere Arten als blinder Passagier in unsere Gewässer gelangte und sich hier etablierte. In der Donau ist die Grundel mittlerweile die dominierende Art, wie Thomas Friedrich weiß, als Höhlenbrüter kommen ihr künstliche Uferverbauungen entgegen. In Mehl gewendet und frittiert nach Art der Ährenfische „machen das zwar nur Freaks wie ich“, lacht Friedrich, machbar ist es allemal, auch einheimische Sardellenpasta aus in Salz eingelegten Grundeln wurde schon einmal hergestellt.

Hier geht's zu den Lokalen, in denen man Neobiota verkosten kann.

Blurred image background

Chinesische Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis), Elbfischer zeigt seinen Beifang

 © IMAGO / blickwinkel

Salzkammergut-Muschelsud

Ein völlig ungenutztes Feld sind indes die aktuell in Österreichs Salzkammergutseen grassierenden Quagga- oder Wandermuscheln. Auch hier eingeschleppt im Ballastwasser von Sportbooten oder über schlecht gereinigtes Taucherequipment verstopfen die wuchernden Muscheln mittlerweile nicht nur Abflüsse und werden zu Nahrungskonkurrenten für heimische Planktonfresser, Badegäste können sich an den scharfkantigen Muscheln auch leicht verletzen.

Lukas Nagl, wahrscheinlich der beste Fisch-Koch Österreichs, griff in seinem Bestreben, im Restaurant Bootshaus ausschließlich Fische aus der unmittelbaren Region zuzubereiten, schon früh auch auf diese Muscheln zurück. Für ein klassisches Muschelgericht seien sie zwar zu klein, „so groß wie a halberte Erdnuss, das ist mühsam“, aber einen köstlichen Muschelsud könne man da schon draus machen, verrät er, und den dann zu Sülzen verarbeiten oder Eistich damit eine Süßwasser-Umami-Note verpassen …

Wollhandkrabben – in China eine Delikatesse, für die im August und September Abertausende Gourmets an den Yangcheng-See pilgern – haben sich in Österreich noch nicht stark etabliert, nachdem sie etwa in der Elbe aber schon zum Problem geworden sind, ist das wohl nur eine Frage der Zeit. Ihr Aroma ist legendär.

Back-Frosch, Schildkrötensuppe

Auch der amerikanische Ochsenfrosch wurde in Europa schon häufig freigesetzt oder entkam. Im Gegensatz zur heimischen Frosch-Population ist er nicht geschützt, köstlich-zarte Froschschenkel werden also bald die Speisekarten bereichern.

Und die bis in die 60er-Jahre als beste Suppe der Welt gehuldigte Schildkrötensuppe ist – völlig zu Recht – in Vergessenheit geraten. Nachdem die als Haustier importierte und häufig ausgesetzte amerikanische Schmuckschildkröte aber zum invasiven Konkurrenten heimischer Sumpfschildkröten wurde, könnte man die Rezepte eventuell wieder ausgraben.

Wovon man die Finger lassen sollte

Von Ragweed, Götterbaum und japanischem Hopfen, allesamt Neophyten mit enormem Schadpotenzial, sollte man übrigens die Finger lassen, sie sind ungenießbar bis hoch-allergen. Anders ist das beim durch den Gartenhandel eingeschleppten Staudenknöterich, einer der hundert gefährlichsten Neobiota weltweit: Dessen zarte Jungtriebe können zu feinem Gemüse verarbeitet werden.

Thomas Friedrich: „If you can't beat it, eat it“

© Beigestellt

Steckbrief

Thomas Friedrich

Thomas Friedrich forscht an der Boku Wien am Institut für Hydrobiologie und Ökosystem-Management. Er ist Koordinator und Leiter des Projekts LIFE Boat 4 Sturgeon, einer an der Donauinsel verankerten schwimmenden Aufzuchtstation für die vier noch existierenden Störarten in der Donau.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 48/2025 erschienen.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab 20,63€
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER