Eingeschleppte Pflanzen und Tierarten, sogenannte „Neobiota“, bedrohen heimische Ökosysteme. Der Vorteil mancher dieser Invasoren: Sie schmecken gut.
Wir setzten sie aus, wir ließen sie frei, wir dachten uns nichts dabei oder meinten, es wird schon nichts passieren. Nun ja, und jetzt haben wir den Salat. Im Falle von Pistia Stratiotes alias Muschelblume oder Wassersalat sogar im wahrsten Sinne des Wortes: Als Zierpflanze wurde die südamerikanische Wasserpflanze in heimische Teiche verbracht, mittlerweile wuchert sie auch dort, wo sie nicht der Zierde dient.
So wie 87 andere invasive Pflanzen- und Tierarten, die Europas Ökosysteme aktuell belasten oder sogar gefährden, 32 davon haben sich auch schon in Österreich etabliert, 16 pflanzliche, 16 tierische. Die Invasoren verdrängen heimische Arten, haben hier oft keine natürlichen Feinde, verändern Böden, Gewässer, Ökosysteme und verursachen im häufigsten Fall hohe Kosten für Management, Überwachung und Bekämpfung.


Pistia Stratiotes alias Muschelblume oder Wassersalat
© IMAGO / PanthermediaUnd jetzt die gute Nachricht: Ein paar von ihnen kann man nicht nur essen, sie schmecken sogar richtig gut und eine kulinarische „Verwertung“ könnte durchaus ein Teil der Lösung sein, wie auch Thomas Friedrich von der Boku erklärt (siehe Interview am Ende des Artikels, Anm.). Das Problem dabei: Unsere kulinarischen Gewohnheiten müssten – um effektiv Wirkung zu erzielen – wohl ein bisschen „erweitert“ werden. Aber das fiel uns bei Regenbogenforelle und Bachsaibling – beide nicht heimisch, sondern aus Nordamerika stammend und der Fischerei zuliebe in heimischen Bächen und Seen ausgesetzt – ja auch relativ leicht.
Neuzugänge auf der Speisekarte
Betrachten wir die aussichtsreichsten Kandidaten unter den Invasoren, jene mit der größten Chance, bei uns am Teller zu landen:
Nummer eins ist sicher der amerikanische Signalkrebs, der in den 60er-Jahren in Europäischen Gewässern ausgesetzt wurde und sogleich den heimischen Edelkrebs vernichtete. Nicht nur weil er größer und aggressiver als die heimische Art war, sondern vor allem, weil er die sogenannte „Krebspest“ mitbrachte, eine Pilzinfektion, gegen die heimische Edelkrebse im Gegensatz zum Signalkrebs nicht immun waren. Wirtschaftlich interessant ist der Invasor allemal: Er pflanzt sich rasch fort, ist leicht zu fangen, die Zubereitung ist nicht allzu kompliziert und er schmeckt ganz hervorragend. Anders als bei seinen Verwandten, den Scampi, liegt sein Fleischanteil zwar nur bei 15 Prozent, und die aus der harten Schale zu bekommen, ist auch kein Leichtes, aber die Mühe lohnt.
Ein völlig unterschätzter Kandidat ist die Grundel, ein kleiner Mini-Barsch, der auf mehrere Arten als blinder Passagier in unsere Gewässer gelangte und sich hier etablierte. In der Donau ist die Grundel mittlerweile die dominierende Art, wie Thomas Friedrich weiß, als Höhlenbrüter kommen ihr künstliche Uferverbauungen entgegen. In Mehl gewendet und frittiert nach Art der Ährenfische „machen das zwar nur Freaks wie ich“, lacht Friedrich, machbar ist es allemal, auch einheimische Sardellenpasta aus in Salz eingelegten Grundeln wurde schon einmal hergestellt.
Hier geht's zu den Lokalen, in denen man Neobiota verkosten kann.


Chinesische Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis), Elbfischer zeigt seinen Beifang
© IMAGO / blickwinkelSalzkammergut-Muschelsud
Ein völlig ungenutztes Feld sind indes die aktuell in Österreichs Salzkammergutseen grassierenden Quagga- oder Wandermuscheln. Auch hier eingeschleppt im Ballastwasser von Sportbooten oder über schlecht gereinigtes Taucherequipment verstopfen die wuchernden Muscheln mittlerweile nicht nur Abflüsse und werden zu Nahrungskonkurrenten für heimische Planktonfresser, Badegäste können sich an den scharfkantigen Muscheln auch leicht verletzen.
Lukas Nagl, wahrscheinlich der beste Fisch-Koch Österreichs, griff in seinem Bestreben, im Restaurant Bootshaus ausschließlich Fische aus der unmittelbaren Region zuzubereiten, schon früh auch auf diese Muscheln zurück. Für ein klassisches Muschelgericht seien sie zwar zu klein, „so groß wie a halberte Erdnuss, das ist mühsam“, aber einen köstlichen Muschelsud könne man da schon draus machen, verrät er, und den dann zu Sülzen verarbeiten oder Eistich damit eine Süßwasser-Umami-Note verpassen …
Wollhandkrabben – in China eine Delikatesse, für die im August und September Abertausende Gourmets an den Yangcheng-See pilgern – haben sich in Österreich noch nicht stark etabliert, nachdem sie etwa in der Elbe aber schon zum Problem geworden sind, ist das wohl nur eine Frage der Zeit. Ihr Aroma ist legendär.
Back-Frosch, Schildkrötensuppe
Auch der amerikanische Ochsenfrosch wurde in Europa schon häufig freigesetzt oder entkam. Im Gegensatz zur heimischen Frosch-Population ist er nicht geschützt, köstlich-zarte Froschschenkel werden also bald die Speisekarten bereichern.
Und die bis in die 60er-Jahre als beste Suppe der Welt gehuldigte Schildkrötensuppe ist – völlig zu Recht – in Vergessenheit geraten. Nachdem die als Haustier importierte und häufig ausgesetzte amerikanische Schmuckschildkröte aber zum invasiven Konkurrenten heimischer Sumpfschildkröten wurde, könnte man die Rezepte eventuell wieder ausgraben.
Wovon man die Finger lassen sollte
Von Ragweed, Götterbaum und japanischem Hopfen, allesamt Neophyten mit enormem Schadpotenzial, sollte man übrigens die Finger lassen, sie sind ungenießbar bis hoch-allergen. Anders ist das beim durch den Gartenhandel eingeschleppten Staudenknöterich, einer der hundert gefährlichsten Neobiota weltweit: Dessen zarte Jungtriebe können zu feinem Gemüse verarbeitet werden.
Thomas Friedrich: „If you can't beat it, eat it“
Sie werden eingeschleppt, ausgesetzt oder entkommen. Aber ab wann ist eine Tierart invasiv, bedrohlich und warum? Und was ist der Unterschied zwischen Bachsaibling und Signalkrebs? Wir fragen Thomas Friedrich von der Boku.
Welche Gefahren für die heimische Natur bestehen durch invasive Arten?
Da gibt es vier verschiedene Möglichkeiten: Erstens die Verdrängung oder Fressfeindschaft gegenüber einheimischen Arten; dann das Transportieren von Parasiten oder Krankheiten, gegen die einheimische Arten nicht immun sind; die Hybridisierung, also Vermischung mit einheimischen Spezies und schließlich die Störung eines ökologischen Lebensraums, indem Invasoren Dinge auffressen, die vorher kein Tier gefressen hat, so wie zum Beispiel ein Amurkarpfen das Schilf.
Ist die „kulinarische Verwertung“ invasiver Arten da eine Lösung?
Es kann durchaus ein Teil der Lösung sein, nicht zuletzt durch eine verstärkte Thematisierung und Schaffung eines Bewusstseins. Aber viel wichtiger ist eine strikte Reglementierung bezüglich Haltung und Ausbringung gebietsfremder Arten. Und nicht zuletzt Maßnahmen wie Renaturierung, um bedrohte heimische Arten zu schützen und zu stärken.
Ab wann gilt eine Art als Eindringling, ab wann gilt sie als heimisch?
Konkret gilt alles, was nach 1492 (Entdeckung Amerikas) angesiedelt wurde, als „nicht heimisch“. Als „invasiv“ gelten Arten dann, wenn sie sich sehr schnell ausbreiten, etablieren und eine negative Auswirkung auf die heimische Biodiversität haben. Beispiele dafür sind etwa der Signalkrebs, der Sonnenbarsch oder die Grundeln. Offiziell werden auch Bachsaibling und Regenbogenforelle als invasiv gelistet, auch wenn bei uns die negativen Auswirkungen (anders im Rest der Welt!) nicht so dramatisch sind wie bei manch anderer Art. In der Regel sind die langfristigen Auswirkungen nicht abzuschätzen.
Übernehmen invasive Arten auch die Rollen der verdrängten heimischen Arten?
Ja, durchaus, manche übernehmen die Nische der verdrängten Art, der Signalkrebs ist da ein gutes Beispiel. Aber nur, weil er nahezu das Gleiche macht wie der Edelkrebs, ist er deshalb noch lange kein Guter: Das fast völlige Ausschalten einer heimischen Art so wie er haben bisher noch nicht viele Invasoren geschafft.
Müssen wir wegen des Klimawandels sowieso damit rechnen, dass sich die Invasion neuer Arten beschleunigt?
Ja, definitiv. Es werden sich neue Arten etablieren, die es in unseren Klimazonen bisher noch nicht gibt. Und dass manche von ihnen kulinarisch durchaus Potenzial haben, ist leider kein Trost, sondern eher ein Add-on. Und ob man aus der invasiven Schmuckschildkröte Schildkrötensuppe machen kann, weiß ich ehrlich gesagt nicht …

Steckbrief
Thomas Friedrich
Thomas Friedrich forscht an der Boku Wien am Institut für Hydrobiologie und Ökosystem-Management. Er ist Koordinator und Leiter des Projekts LIFE Boat 4 Sturgeon, einer an der Donauinsel verankerten schwimmenden Aufzuchtstation für die vier noch existierenden Störarten in der Donau.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 48/2025 erschienen.







