Heinz Reitbauer, Steirereck: Seit 20 Jahren gilt das Steirereck als Österreichs Restaurant von Weltgeltung, beim Michelin gab es aber bis 2025 nur zwei Sterne
©Matt ObserveSeit vorigem Jahr bewertet Michelin, der Weltmarktführer in Sachen Restaurantkritik, auch Österreichs Gastronomie wieder. Wenngleich nicht ganz ohne Nebengeräusche.
Michelin und Österreich, die Beziehung ist kompliziert. Seit genau hundert Jahren vergibt der französische Reifenhersteller Sterne für empfehlenswerte Restaurants, die rasch zum maßgeblichen Parameter für die Beurteilung eines Speiselokals wurden. Zuerst in Frankreich, ab den 1960ern auch in Deutschland, später in England und der Schweiz.
Österreich erschien dem „Guide Rouge“ aus zwei Gründen weniger interessant: Erstens hatte sich dort 1979 schon der Konkurrent Gault Millau etabliert; zweitens zählt man Österreich in Frankreich zu Osteuropa und damit schien ein Austro-Guide irgendwie nicht so attraktiv.
Sehr spät, 2005, probierte man es dann doch und machte dabei ein paar entscheidende Fehler: Die Recherche war schlampig, wichtige Restaurants wurden übersehen und bei der feierlichen Präsentation bemerkte man überheblich, dass es in Österreich ohnehin nur einen Küchenchef gäbe, der die drei Sterne verdiene – und zwar Jörg Wörther, der zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr kochte.
Sagen wir so: Dieser Start verlieh dem Guide Michelin bei seinem Markteintritt in Österreich nicht wirklich Flügel. Die Verkaufszahlen blieben marginal, 2009 wurde das Projekt eingestellt. Österreich kam nur mehr im „Main Cities Guide“ vor, und da nur Wien und Salzburg.
Nach der Trennung viel attraktiver
Nun geschah es aber, dass sich der Guide Michelin seit den frühen 2010er-Jahren veränderte, beziehungsweise verändern musste. Denn es gab einen neuen Mitbewerber, die sogenannte 50-Best-Liste des Londoner Restaurant-Magazine. Keine klassische Testung und Bewertung, sondern vielmehr eine Umfrage bei Restaurant-Verrückten auf der ganzen Welt nach den gerade interessantesten Restaurants. Das Ergebnis war jung, modern, extravagant, in der 50-Best-Liste wurden Lokale gelistet, von denen der Michelin noch nie gehört, in Ländern, wo er noch nie seinen Fuß hineingesetzt hatte.
Aber er reagierte rasch: USA, Skandinavien, Japan wurden bearbeitet, nicht nur französische Küche beurteilt, sondern auch die neuen, puristischen Kochstile. Und siehe da, die Wende gelang. Michelin war auf einmal cool, französisches Traditionsunternehmen mit zeitgenössischem Standing, fast wie Chanel.
Zweiter Versuch, anderer Vertrag
Michelin wurde so attraktiv, dass man in Österreich zu bedauern begann, nicht mehr vorzukommen. Man knüpfte Kontakte.
Nur ist dem Guide sein Marktwert natürlich bewusst. Weshalb er für Länder, die unbedingt von Michelin getestet werden wollen, ohne dass Michelin das seinerseits will, ein Geschäftsmodell entwickelte: Südkorea zahlte 2016 eine Million Dollar für einen Korea-Guide, Thailand im Jahr darauf 4,4 Millionen (für fünf Jahre), die Kosten für den Kanada-Guide sind unbekannt, Florida wiederum musste 2022 für 1,5 Millionen Dollar aufkommen – und war wenig erfreut, dass sich dafür nur ein Zweisterner und 14 Einsterner ausgingen. Selbst Ungarn, Slowenien und Tschechien leisteten sich einen Guide Michelin, also ließ man sich auch in Österreich dazu herab, für den Eintritt in die Michelin-Welt zu bezahlen: Im Oktober 2023 wurde im Parlament ein Entschließungsantrag eingebracht, dieser wurde einstimmig beschlossen. Verhandlungen mit Michelin ergaben eine Gesamtsumme von 2,1 Millionen Euro, getragen von acht Landes-Organisationen der Österreich-Werbung (Wien zahlt nicht mit).
Kein Blättern mehr
Die österreichischen Mitbewerber Gault Millau Österreich und Falstaff finden das naturgemäß weniger gut. Aber dafür kann man sich ihre Guides wenigstens noch ins Regal stellen. Den Guide Michelin Österreich nicht, den gibt es nämlich nicht mehr als rotes Büchlein, sondern nur online.
Österreichs Bewertungs-Füllhörner
Nicht nur die Restaurants rittern um Bewertungen, auch die Guides stehen stark unter Konkurrenzdruck – denn nur die „Erfolgreichen“ werden gekauft und bekommen die Werbeverträge. Was natürlich dazu führt, dass sich die Guides gezwungen sehen, für Sensationen zu sorgen, also für Spitzenbewertungen, denn nur die sorgen für Aufmerksamkeit.
Langjähriger Platzhirsch in Österreich ist der Gault-Millau-Guide, 1979 vom Salzburger Unternehmer Michael Reinartz als einer der ersten Guides außerhalb Frankreichs herausgebracht. Gault Millau beschreibt die Restaurants subjektiv, mitunter auch sarkastisch – die Vergabe der „Hauben“ prägte Österreichs Gastronomie über Jahrzehnte nachhaltig. Seit 2020 verleiht Gault Millau fünf statt der bisherigen vier Hauben, was zu einer Art „Haubenregen“ führte. Aber halt auch zu einer Hauben-Inflation.
Der Falstaff-Guide – ein Restaurantführer, der sich aus den Urteilen von nach eigenen Angaben 20.000 Mitgliedern des „Gourmetclubs Österreich“ speist – verwendet für seine Bewertungen seit 2014 das leicht greifbare 100-Punkte-Schema und ist da auch gar nicht knausrig: Kurz vor Erscheinen des Michelin wurden neben den drei bisherigen 100-Punkte-Restaurants noch drei weitere mit der Höchstwertung ausgezeichnet, neun andere sind mit 99 Punkten zumindest beinahe perfekt.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.







