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Chemikalien im Alltag: Die unsichtbare Gefahr

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Der österreichische Umweltmediziner Hans-Peter Hutter warnt vor hormonwirksamen Chemikalien in Haushalt und Umwelt, die zahlreiche Erkrankungen begünstigen können. Warum Billigprodukte aus China – von der Regenjacke bis zum Küchen-Gadget – besonders gefährlich sein können.

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Der Mann mit dem bunten Hawaiihemd ist in Österreich spätestens seit der Coronapandemie zur Kultfigur geworden. Coronaleugner bissen sich an ihm die Zähne aus, doch das beirrte den Umweltmediziner nicht. Im Zuge des burgenländischen Asbestskandals stand Hans-Peter Hutter zuletzt im medialen Fokus.

Jetzt warnt der Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie mit Schwerpunkt Umwelt- und Präventivmedizin in seinem neuen Buch vor „50 Chemie- und Umweltfallen“, die man im Alltag dringend meiden sollte: Auf 250 Seiten hat der Arzt, zu dessen Arbeit wissenschaftlich fundierte Risikoabschätzungen und Engagement gegen Wissenschaftsfeindlichkeit zählen, die neuesten Erkenntnisse der modernen Umweltmedizin in verständlicher Form zusammengefasst.

Er erklärt, warum sogar scheinbar harmlose Gegenstände wie Plastik-Regenjacken, Zahnpasta, teflonbeschichtete Bratpfannen und Wandfarben gesundheitsschädigend sein können. Auch dem Thema Asbest widmet er ein ganzes Kapitel.

50 Chemie- und Umweltfallen

50 Chemie- und Umweltfallen

Umweltmediziner Hans-Peter Hutter warnt vor Chemikalien und belasteten Produkten, die die meisten Menschen fast täglich nutzen. In „50 Chemie- und Umweltfallen“ gibt er einen Überblick über stark belastete Produkte und nennt gesündere Alternativen. edition a

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Krankheitsfälle nehmen zu

„Nicht mehr nur krebserregende Substanzen sind heute das Problem“, erklärt Hutter im Vorfeld. Damit wolle er zwar nicht sagen, dass Krebs kein Problem mehr darstelle, jedoch sei ein Blick auf die Zahlen sinnvoll: „Heute sterben viel weniger Menschen an Krebs als noch vor einigen Jahrzehnten. Die Rate ist um ein Drittel zurückgegangen: durch bessere Behandlungen, frühere Erkennung und Lebensstilveränderungen.“

Anders sehe das bei Erkrankungen aus, die mit hormonähnlichen Chemikalien in Verbindung gebracht werden, meint der Facharzt. „Im Gegensatz zu Krebs sind die Zahlen bei Adipositas und Diabetes angestiegen. Fortpflanzungsprobleme bei Männern liegen quasi ‚im Trend‘.“ Stress, Bewegungsmangel und falsche Ernährung spielen hier eine große Rolle – aber auch Chemikalien.

50 Umweltfallen entlarvt

Schilddrüsenerkrankungen, Unfruchtbarkeit bei Männern, Diabetes: Neuere Studien entlarven nicht selten hormonell wirksame Umweltchemikalien als mögliche Ursachen. Endokrine Disruptoren, also hormonaktive Stoffe, kommen in synthetisch hergestellten Materialien wie Kunststoff, Pestiziden, Reinigungs- oder Lösungsmitteln vor und sind in der Umwelt mittlerweile allgegenwärtig. „Was diese endokrinen Disruptoren so besonders macht, ist ihre Fähigkeit, schon in winzigen Mengen in unser fein abgestimmtes Hormonsystem eingreifen und grundlegende Körperfunktionen wie Wachstum, Stoffwechsel und Fortpflanzung stören zu können. Und das bereits in frühen Entwicklungsstadien, also schon während der Schwangerschaft“, so der Mediziner.

In seinem neuen Buch warnt der Experte explizit vor 50 Chemiefallen im Alltag, darunter vor allem Produkte aus Kunststoff – oder Produkte, die in Kunststoff verpackt und gelagert werden. Daneben weisen dem Experten zufolge auch industriell hergestellte Lebensmittel (sogar dann, wenn sie in Karton verpackt sind), Plastikflaschen, AluKapseln für die Kaffeemaschine, Leder, Ultra-Fast-Fashion, Outdoor-Kleidung, billiger Modeschmuck, Antitranspirante und viele Putzmittel eine hohe Belastung an umwelt- und gesundheitsschädigenden Chemikalien auf.

Etliche von Hutters Tipps lassen sich unkompliziert im Alltag umsetzen (neue Kleidung sollte man beispielsweise einbis zweimal waschen, um Restbestände an Chemikalien, die beim Herstellungsprozess in der Kleidung verbleiben, zu entfernen), und er erwähnt auch „gesündere“ Alternativen zu den belasteten Produkten. „Letztlich ist es die Summe der Chemikalien aus allen Produkten, die möglicherweise zu Beeinträchtigungen führen kann.“

Selbst wenn einzelne Inhaltsstoffe unterhalb der Bedenklichkeitsschwelle liegen, kann es aufgrund der vielen verschiedenen Chemikalien zu Schädigungen kommen. Vor allem bei Baby- und Kinderprodukten sollte man genau hinschauen: „Hinsichtlich einer potenziellen Schadwirkung stehen kindernahe Produkte wie Spielzeug, Schnuller oder Kindertextilien im Fokus. Kleinkinder sind generell empfindlicher gegenüber Umwelteinflüssen. Ihre Organsysteme, ihr Gehirn sind noch in Entwicklung und auch ihr Verhalten – Stichwort orale Phase – macht sie empfindlicher.“

Vorsicht bei Temu und Co.

Babyspielzeug vom unbekannten Drittanbieter über große Handelsplattformen zu kaufen, ist jedenfalls keine gute Idee. Generell machen es Anbieter wie Amazon oder Temu schwer, Inhaltsstoffe oder Hersteller nachzuvollziehen. „Billigware aus Asien ist kein einfaches Thema. Es muss nicht unbedingt sein, dass etwa chinesisches Plastik grundsätzlich ‚schlechter‘ ist als europäisches“, erklärt der Experte.

„Entscheidend ist die Qualität der Rohstoffe, die Zusatzstoffe und nicht zuletzt, wie Kontrollen aussehen: Wenn also bei billigen Produkten günstigere Kunststoff typen verwendet werden, dann kann das deren Festigkeit und Haltbarkeit beeinflussen. Dazu kommt, dass Kunststoffe Hilfsstoffe wie Weichmacher, Farbstoffe, UV-Stabilisatoren oder Flammschutzmittel enthalten. Wenn Produkte zu wenig kontrolliert werden oder Rechtslücken existieren, ist es nicht überraschend, dass es unerwünschte und in der EU streng reglementierte Stoffe in unseren Haushalt schaffen.“

Stichproben zeigen immer wieder, dass Billigware aus China teilweise massiv mit in der EU längst verbotenen gesundheitsgefährlichen Chemikalien belastet ist, so Hutter. „Online-Marktplätze umgehen europäische Sicherheitskontrollen und die europäische Chemikalienverordnung. Sie nutzen schlichtweg rechtliche Schlupflöcher.“

Konsumenten dürfen nicht zum Ersatz für eine funktionierende Marktaufsicht werden. Das bedeutet gleichzeitig nicht, dass Konsumenten gar keine Verantwortung tragen

Hans-Peter HutterUmweltmediziner

Kennzeichnungen verwirrend

Auch die Kennzeichnung vieler Produkte erachtet Hutter oft als verwirrend. „,BPA-frei‘ ist insgesamt zu wenig und irreführend. Es bedeutet zwar, dass dieser Stoff nicht verwendet wurde, aber oft durch andere Bisphenole ersetzt wurde, die ähnliche hormonelle Wirkungen wie BPA zeigen. Im Idealfall sollte man Produkte wählen, die als komplett ,Bisphenol-frei‘ deklariert sind.“

Generell sieht er die Pflicht nicht nur bei den Konsumenten, sondern vor allem bei der Politik. „Die Verantwortung nur bei den Konsumenten zu verorten, geht nicht. Etiketten studieren, Inhaltsstoffe recherchieren und herausfinden, unter welchen Bedingungen ein Produkt wo auch immer auf der Welt hergestellt wurde, das ist zu viel des Guten. Konsumenten dürfen nicht zum Ersatz für eine funktionierende Marktaufsicht werden. Das bedeutet gleichzeitig nicht, dass Konsumenten gar keine Verantwortung tragen. Aber Produzenten noch stärker in die Verantwortung zu ziehen, ist ein wichtiger Aspekt.“

Was im Haushalt oft praktisch erscheint, kann für unsere Gesundheit ebenso wie für die Umwelt Folgen haben. Nicht jedes Plastik-Gadget, das den Alltag erleichtert, ist auch so harmlos, wie es auf den ersten Blick scheint.

Hans-Peter Hutter
© Elke Mayr

Steckbrief

Hans-Peter Hutter

geboren
26.03.1963
Geburtsort
Wien
Beruf
Umweltmediziner

Hans-Peter Hutter ist Oberarzt und stellvertretender Leiter der Abt. für Umwelthygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien.

Ausbildung

Doppelstudium „Landschaftsökologie und Landschaftsgestaltung“ an der Universität für Bodenkultur sowie „Medizin“ an der Universität Wien. Ausbildung zum Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie, Schwerpunkt Umweltmedizin sowie zum Physikatsarzt.

Familienstand & Kinder

Liiert; Sohn Nathan (*2017), Tochter Tabea (*2020)

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 42/2026 erschienen.

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