Hans-Peter Hutter
©APA-Images, Mirjam ReitherPFAS, Weichmacher und andere hormonell wirksame Chemikalien stecken in zahlreichen Alltagsprodukten. Umweltmediziner Hans-Peter Hutter erklärt, welche Risiken sie bergen, warum auch Männer betroffen sind und weshalb Politik und Hersteller stärker in die Verantwortung müssen.
Sie suggerieren, dass Krebserkrankungen in naher Zukunft nicht mehr das große Problem darstellen werden, sondern Hormonerkrankungen. Welche meinen Sie damit genau?
Das stimmt nicht so ganz. Ich wollte nie eine Erkrankungsgruppe gegen eine andere ausspielen. Selbstverständlich ist eine Krebsdiagnose für jeden Einzelnen – und auch die Angehörigen – ein dramatisches Ereignis und mit großem Leid verbunden. Von daher werden Krebserkrankungen auch weiterhin einen bedeutenden Anteil an der medizinischen Arbeit und an den Forschungstätigkeiten haben.
Gleichzeitig muss man aber darauf hinweisen, dass die Anzahl der Krebsfälle sinkt, wenn man die veränderte Altersstruktur der Bevölkerung berücksichtigt macht. Heute sterben viel weniger Menschen an Krebs als noch vor einigen Jahrzehnten. Die Rate ist um ein Drittel zurückgegangen – durch bessere Behandlungen, frühere Erkennung und Lebensstilveränderungen. Das ist jedenfalls eine große Erfolgsgeschichte der Medizin, die hoffentlich noch nicht zu Ende ist.
Im Gegensatz zu Krebs sind die Zahlen bei Adipositas und Diabetes tatsächlich angestiegen
Wenn es andererseits um Erkrankungen geht, die auch mit hormonähnlichen Chemikalien in Verbindung gebracht werden, so sieht das schon anders aus: Im Gegensatz zu Krebs sind die Zahlen bei Adipositas und Diabetes tatsächlich angestiegen. Vermehrte Fortpflanzungsprobleme bei Männern liegen quasi im Trend. Damit möchte ich nicht sagen, dass einzig und allein Chemikalien dafür verantwortlich sind. Das wäre unsinnig. Selbstverständlich spielen Bewegungsarmut, Fehlernährung und Stress hier eine bedeutende Rolle. Aber sie können einen gewissen Beitrag dazu leisten, sind allgegenwärtig – und kommen mittlerweile auch überall in unserer Umwelt vor.
Was diese endokrinen Disruptoren so besonders macht, ist ihre Fähigkeit schon in winzigen Mengen in unser fein abgestimmtes Hormonsystem eingreifen und grundlegende Körperfunktionen wie Wachstum, Stoffwechsel und Fortpflanzung stören zu können. Und das bereits in frühen Entwicklungsstadien, also schon während der Schwangerschaft.
Dann darf man auch nicht vergessen, dass zu dieser Gruppe zahlreiche Substanzen verschiedenster Art gehören: von Ewigkeitschemikalien (PFAS) oder bestimmten Flammschutzmitteln bis hin zu Organochlorpestiziden. Außerdem betrifft das ja nicht nur uns, sondern auch die Tierwelt.
Was sind Ihrer Einschätzung nach die gefährlichsten Produkte, die fast alle Menschen in Österreich häufig verwenden, und warum sind diese so gefährlich?
Es gibt nicht das eine einzelne Produkt, das besonders gefährlich ist, sondern es ist die Vielzahl an unterschiedlichsten Alltagsgegenständen, bei denen jeder einzelne bestimmte gesundheitsbedenkliche Stoffe beinhalten kann. Letztlich ist es dann die Summe der Chemikalien aus allen Produkten, die möglicherweise zu Beeinträchtigungen führen kann.
Erschwerend kommt hinzu, dass selbst wenn einzelne Stoffe unterhalb ihrer Bedenklichkeitsschwelle liegen, es aufgrund der Kombination aus den vielen verschiedenen Chemikalien im Organismus zu einer negativen Gesamtwirkung kommen kann.
Aber hinsichtlich einer potenziellen Schadwirkung stehen selbstverständlich kindernahe Produkte wie Spielzeug, Schnuller oder Kindertextilien im Fokus. Kleinkinder sind generell empfindlicher gegenüber Umwelteinflüssen; ihre Organsysteme, ihr Gehirn sind noch in Entwicklung und auch ihr Verhalten – Stichwort orale Phase - macht sie empfindlicher gegenüber Chemikalien.
Sie sprechen über Billigware aus China. Was unterscheidet denn westliches Plastik von chinesischem?
Wenn man über Billigware aus Asien redet, so ist das kein einfaches Thema. Es muss nicht unbedingt sein, dass etwa chinesisches Plastik grundsätzlich „schlechter“ ist als europäisches. Entscheidend ist nicht nur das Herkunftsland, sondern auch die Qualität der Rohstoffe, die eingesetzten Zusatzstoffe und nicht zuletzt wie Kontrollen aussehen.
Wenn also bei sehr billigen Produkten günstigere Kunststofftypen verwendet werden, dann kann das etwa deren Festigkeit und Haltbarkeit beeinflussen. Dazu kommt, dass Kunststoffe etliche Hilfsstoffe enthalten wie Weichmacher, Farbstoffe, UV-Stabilisatoren oder Flammschutzmittel. Und wenn dann Produkte zu wenig kontrolliert werden oder Rechtslücken existieren, ist es nicht überraschend, dass es unerwünschte und in der EU streng reglementierte Stoffe in unseren Haushalt schaffen.
Im Zuge von stichprobenartigen Untersuchungen decken Verbraucherschützer immer wieder auf, dass Billigware direkt aus China deutlich bis massiv mit in der EU schon längst verbotenen gesundheitsgefährlichen Chemikalien belastet ist. Importiertes Billigspielzeug weist in einem beträchtlichen Prozentsatz Sicherheitsmängel auf. Online-Marktplätze umgehen europäische Sicherheitskontrollen und die europäische Chemikalienverordnung - sie nutzen schlichtweg rechtliche Schlupflöcher.
Nun sind Produkte aus China via Amazon und Co. schnell und unkompliziert erhältlich. Die Herstellung erfolgt oft verdeckt, die Nachvollziehbarkeit ist nicht immer einfach. Welche Gefahren lauern hier für Konsument:innen? Kann man denn überhaupt chinesischen Herstellern trauen, auch, wenn sie mit BPA freien Produkten werben?
Das ist insgesamt schwierig. Egal, woher das Produkt kommt. Aus meiner Sicht sind Labels und Kennzeichnung mit vertrauenswürdigen Zertifikaten die einzige Möglichkeit für Konsument:innen.
Dann kommt dazu, dass BPA-frei insgesamt zu wenig bzw. irreführend ist. Es bedeutet zwar, dass dieser Stoff nicht verwendet wurde, aber oft durch andere Bisphenole (z.B. BPS, BPF) ersetzt wurde, die ähnliche hormonelle Wirkungen wie BPA zeigen. Im Idealfall sollte man Produkte wählen, die als komplett „bisphenol-frei“ deklariert sind.
Ewigkeitschemikalien, die in Zahnseide, AirFryer-Beschichtungen und Co. enthalten sind, sind mittlerweile bekannter. Welche gesundheitsschädlichen Chemikalien sind aber unbekannter, und trotzdem nicht weniger gefährlich? Auf welche sollten wir den Fokus noch stärker legen?
Sie haben recht. Einige Substanzgruppen stehen oft im Schatten der nun endlich in der Öffentlichkeit breiter diskutierten Ewigkeitschemikalien. Allerdings zu Unrecht.
Zu den Schadstoffgruppen, die wir zukünftig stärker beachten sollten, zählen etwa Quartäre Ammoniumverbindungen; Tenside, die vor allem wegen ihrer desinfizierenden und weichmachenden Wirkung massenhaft eingesetzt werden. Man findet sie z.B. in Weichspülern oder antibakteriellen Seifen. Neben Einfluss auf die Fortpflanzungsfähigkeit, stehen sie im Verdacht stehen, Atemwegserkrankungen wie Asthma zu verschlimmern.
Auch Weichmacher der neuen Generation wie DINCH (1,2-Cyclohexandicarbonsäure-diisononylester) sollten uns mehr beschäftigen. Sie werden als Ersatz für jene klassische Phthalate wie z.B. DEHP eingesetzt, die in der EU aufgrund ihrer hormonellen Wirksamkeit für viele Konsumgüter streng reguliert wurden. Obwohl sie quasi als harmloser gelten, mehren sich nun Hinweise, dass sie doch nicht ganz so harmlos sind. So zeigten Untersuchungen, dass DINCH in Abwehrzellen (Makrophagen) zellulären Stress und entzündungsfördernde Effekte auslösen können, was auch zu negativen gesundheitlichen Auswirkungen führen kann.
Wenn man über hormonell wirksame Substanzen liest, fühlen sich oftmals erst Frauen angesprochen. Aber wie wirken denn die von ihnen erwähnten Produkte auf den männlichen Körper?
Viele der bekannten Chemikalien mit einer hormonähnlichen Wirkung – sogenannte endokrine Disruptoren – haben oft eine östrogenähnliche Wirkung. Daher entsteht vielleicht der Eindruck, dass vor allem Frauen betroffen sein können. Es ist allerdings bekannt, so wie Sie es in der Frage angesprochen haben, dass diese Chemikalien speziell die männliche Fortpflanzungsfähigkeit beeinflussen bzw. beeinträchtigen können. Beobachtet wurden unter anderem geringere Spermienzahl und Beweglichkeit sowie mehr Spermien mit veränderter Form.
Zudem gibt es wissenschaftlich ernst zu nehmende Hinweise, dass hormonell wirksame Umweltchemikalien die Prostata beeinflussen und auch bei der Entstehung von Prostatakrebs eine Rolle spielen können. Dafür sprechen Erkenntnisse über hormonelle Veränderungen während früher Entwicklungsphasen und die Daten zu bestimmten beruflichen Pestizidbelastungen.
Und ergänzend: Was bewirken schädliche Umweltchemikalien im weiblichen Körper? Was sind die häufigsten Folgen?
Hormonell wirksame Stoffe können u.a. die hormonelle Steuerung des Zyklus – Stichwort: unregelmäßige Zyklen – und die Funktion der Eierstöcke mit Veränderungen der Eizellreifung beeinflussen. Weiters fanden sich für bestimmte Chemikalien Hinweise auf Zusammenhänge mit Endometriose, Wachstum von gebärmutterschleimhautähnlichem Gewebe außerhalb des Uterus, mit dem Auftreten von Myome – gutartige Muskelknoten der Gebärmutter und mit Brustkrebs. Aber man muss dazu ergänzen, dass die Erkrankungen mehrere Ursachen haben und sich sicher nicht pauschal auf Schadstoffe zurückführen lassen. Das gilt im Übrigen auch für die Aussagen zu den Männern.
Konsument:innen dürfen auch nicht zum Ersatz für eine funktionierende Marktaufsicht werden
Oft scheint es, dass dieses Thema, über das Sie schreiben, ein regelrechtes Tabu ist – Expert:innen warnen eindringlich, die Politik duckt sich weg. Was fordern Sie vom Gesetzgeber? Gibt es Inhaltsstoffe, die Sie sofort auf die Verbotsliste setzen würden?
Die Verantwortung nur bei den Konsument:innen zu verorten, geht nicht. Etiketten studieren, Inhaltsstoffe recherchieren und herausfinden, unter welchen Bedingungen ein Produkt wo auch immer auf der Welt hergestellt wurde – das ist wohl zu viel des Guten. Also Produzenten noch stärker in die Verantwortung zu ziehen, ist ein wichtiger Aspekt. Dazu müssen auch von der Politik Anreize für sicherere und schadstoffärmere Produkte geschaffen werden. Diese Anstrengungen müssen auch belohnt werden.
Dazu kommt, dass das Vorsorgeprinzip mehr Beachtung finden sollt. Bei einem plausiblen Verdacht auf erhebliche Schäden dürfen wir nicht immer abwarten, bis die letzten wissenschaftlichen Zweifel ausgeräumt sind.
Konsument:innen dürfen auch nicht zum Ersatz für eine funktionierende Marktaufsicht werden. Das bedeutet gleichzeitig natürlich nicht, dass Konsument:innen gar keine Verantwortung tragen. Aber die Wegwerf- und Geiz-ist-geil-Mentalität muss auch aufhören. Speziell bei Produkten, die tausende Kilometer über den Globus transportiert werden müssen, ohne Rücksicht auf die Umweltkosten. Und auf die teils inhumanen Arbeitsbedingungen in den fern entlegenen Produktionsstätten.
Man muss es attraktiver machen, langlebige und sichere Produkte zu kaufen, statt ausschließlich den niedrigsten Preis zu belohnen. Aber Achtung: Nur auf den Preis zu schauen ist, nicht immer eine Garantie für bessere Qualität. Entscheidend ist doch, ob ein Produkt die gesetzlichen Anforderungen erfüllt und die Herstellungskosten nicht auf Kosten von Gesundheit, Umwelt oder fairen Wettbewerbsbedingungen künstlich niedrig gehalten werden. Und das zu beurteilen und zu kontrollieren – naja, das muss schon eine Aufgabe der Politik sein.
Wenn es darum geht, bestimmte Stoffe zu verbieten oder zumindest stark einzuschränken, dann würde ich sagen, dass hier alle hormonell wirksamen Stoffe in Frage kommen. Weiters sind es die Ewigkeitschemikalien, die im Fokus stehen. Obwohl einige bereits verboten sind, wurden sie aber immer ziemlich rasch durch ähnliche PFAS-Chemikalien ersetzt. Seit Jahren wird in Europa an einem sehr umfassenden Verbot gearbeitet. Hier gilt es diese Bestrebungen zu unterstützen, damit dieses Unterfangen nicht noch gekippt wird – wie wir das gerade beim „Aus vom Verbrenner-Aus“ erleben – und es letztlich nicht Lücken gibt, diese Bestimmungen zu umgehen.
Einen anderen Schwerpunkt bzw. Nachholbedarf sehe ich bei den Pestiziden. Und hier geht nicht nur um die menschliche Gesundheit, sondern vor allem auch um die Eindämmung des Artenschwundes.
Mit welchen gesundheitlichen Folgen werden wir in Zukunft rechnen müssen? Was kommt da noch auf uns zu?
Wenn die Weltgemeinschaft – oder zumindest einige ihrer mächtigen Exponenten – so unbeirrt weiter macht, werden uns gesundheitlich gesehen die Folgen dieses Tuns zunehmend einholen. Es sind letztlich die Konsequenzen eines technologischen Fortschritts ohne viel links und rechts zu schauen, gepaart mit einem ökonomischen Umfeld, dem soziale oder ökologische Gerechtigkeit offenbar kein wirkliches Anliegen ist.
Die Folgen dieses Weges zeigen sich ja schon längst in vielfältiger Form: in der Klima- und Biodiversitätskrise, der zunehmenden Belastung durch Mikroplastik und Chemikalien sowie einem großteils unkritischen Digitalisierungsdrang. Nicht zu vergessen ist auch das indirekte Begünstigen der Entstehung von Zoonosen, die sich – wie wir es erlebt haben – ungezügelt über den Globus ausbreiten. All diese Entwicklungen sind keine voneinander unabhängigen Phänomene, sondern Ausdruck eines Umgangs mit unserer Umwelt, der geprägt ist von kurzfristigen wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen.
Dem muss die Wissenschaft entschieden entgegentreten – kreativ, verständlich und energisch. Medizin darf sich nicht darauf beschränken, die gesundheitlichen Folgen dieser Entwicklungen nachträglich zu erfassen und zu behandeln. Als Ärzt:innen sind wir nicht nur für die Gesundheit des Einzelnen verantwortlich, sondern auch für die gesellschaftlichen und ökologischen Bedingungen, unter denen Gesundheit überhaupt erst entstehen und erhalten bleiben kann.

Steckbrief
Hans-Peter Hutter
Hans-Peter Hutter ist Oberarzt und stellvertretender Leiter der Abt. für Umwelthygiene und Umweltmedizin am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien.
Doppelstudium „Landschaftsökologie und Landschaftsgestaltung“ an der Universität für Bodenkultur sowie „Medizin“ an der Universität Wien. Ausbildung zum Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie, Schwerpunkt Umweltmedizin sowie zum Physikatsarzt.
Liiert; Sohn Nathan (*2017), Tochter Tabea (*2020)
