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Im Jahr 1991 ging die Nachricht um die Welt, dass Franzosen trotz Oberssoßen, Stopfleber und fettem Käse deutlich seltener Herzinfarkte erlitten als Amerikaner. Der Grund sei das tägliche Glas Rotwein. Der Mythos vom gesunden Gläschen hält sich seitdem hartnäckig. Doch 2018 ließ eine Studie, die in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlicht wurde, den Traum platzen. "Das tägliche Glas Rotwein fördert die Gesundheit nicht", sagt Professor Helmut Karl Seitz, einer der renommiertesten Experten in der Alkoholforschung. Es stimme zwar, dass im Wein antioxidative Stoffe wie Flavonoide und Resveratrol steckten, sagt Seitz. Aber für eine Wirkung müsse man ihn literweise trinken. "Und dagegen stehen 200 Krankheiten, die durch Alkohol verursacht werden", sagt der Fachmann.
Natürlich gibt es viele Gründe für ein "gutes Glas Wein". Wein als kultiviertes Genussmittel passt zum geselligen Beisammensein. Doch den Körper interessiert das nicht. Für ihn ist Alkohol schlicht ein Zellgift. Reger Weingenuss schadet nachweislich der Gesundheit. Nicht nur langfristig, er ist etwa auch schlecht für den Schlaf. Es gibt keine potenziell gesundheitsfördernde und sichere Alkoholmenge für einen unbedenklichen Konsum.
In Österreich wird weiterhin gebechert, aber nicht mehr so viel wie früher. Gerade unter jungen Menschen vollzieht sich ein Wandel: Alkohol gehört nicht mehr automatisch dazu - zu einem geselligen Treffen, zum Feiern, zum Leben. Der gesellschaftliche Wandel weg vom Alkohol ist Büscher zufolge auch keine Modeerscheinung, sondern ein längerfristiger Trend. Das gibt mehr Spielraum für alkoholfreie Getränkealternativen.
Wein hat nicht nur Alkohol, sondern auch viele Kalorien. "Wein ist kein Diätgetränk", sagt Andreas Slepitzka, der in München Weinseminare gibt. Welche Weinsorte man wählt, ist dabei egal. Trockene und restsüße Weine haben gleich viele Kalorien.
Auch hierfür spielt der Alkohol eine entscheidende Rolle, vor dem Restzucker, der zu den Kohlenhydraten zählt. "Im Wein stammen die Kalorien in erster Linie aus dem Alkohol", sagt Helmut Seitz und rechnet vor: Ein halber Liter Wein mit etwa 12 Volumenprozent Alkohol enthält ca. 50 g reinen Alkohol. Ein Gramm Alkohol liefert rund 7,1 kcal. So kommt man auf 350 Kalorien.
Alkoholfreier Wein ist in aller Regel das leichtere Getränk und passt zum Megatrend eines zunehmend gesundheitsbewussten Lebens. "Die Nachfrage nach kreativen, qualitativ hochwertigen und alkoholfreien Getränken steigt", resümiert Trendforscherin Hanni Rützler vom Zukunftsinstitut in ihrem Food Report 2025.
Gesundheitlicher Vorteil hin oder her. Wenn alkoholfreie Alternativen nicht schmecken, werden sie auf wenig Gegenliebe stoßen. Alkoholfreier Wein kämpft gegen Vorurteile: Pappsüß wie Traubensaft soll er schmecken und nichts mit richtigem Wein zu tun haben. Was vor einigen Jahren noch zutraf, ist heute überholt.
Alkohol sei zwar ein wichtiger Geschmacksträger, sagt Yvonne Heistermann, Präsidentin der Sommelier-Union Deutschland. Er verstärke die Aromen. Doch im Markt für alkoholfreien Wein habe sich einiges getan. "Vor fünf Jahren hätte ich auch gesagt, ich trinke lieber einen Traubensaft als einen alkoholfreien Wein." Mittlerweile gebe es allerdings sehr gute Produzenten. Auch Ernst Büscher weist auf die deutliche Qualitätssteigerung hin, die alkoholfreier Wein durchlaufen hat. "Inzwischen kommen die Sorten dem klassischen Weingeschmack immer näher", sagt er.
Um alkoholfreie Weine herzustellen, muss zunächst ein Wein hergestellt werden, dem danach der Alkohol wieder entzogen wird. Entscheidend für den Genuss ist die Qualität des Grundweins. "Durch verbesserte Entalkoholisierungsverfahren gelingt es, die komplexe Aromenstruktur des Weins weitgehend zu erhalten", erklärt Büscher. Moderne Technologien wie membranbasierte Verfahrensschritte, die ganz ohne Erhitzung auskommen, verringern Aromaverluste. Die neue Qualität scheint viele zu überzeugen: Wein ohne Alkohol ist zwar längst noch nicht so bekannt und populär wie alkoholfreies Bier. Aber seine Beliebtheit nimmt zu.
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/dpa-tmn/Patrick Seeger/Patrick Seeger
