Philipp hat seine Kohlenhydrataufnahme auf ein Minimum reduziert, stattdessen stehen Proteine und gesunde Fette auf seinem Speiseplan. 2.300 Kalorien konsumiert er täglich, dazu eine Handvoll Supplemente. So genau er seine "Makros trackt", wie er sagt, so wenig weiß er über die Nahrungsergänzungsmittel, die er zu sich nimmt. Verschrieben hat ihm die kein Arzt, sondern seine Social Media Bubble. Viermal pro Woche geht es ins Fitnessstudio, die Followerschaft belohnt sichtbare "Gains", also Muskelwachstum, mit Likes. Das Problem: Philipp ist gerade einmal 13, sein Körper noch im Wachstum. Seine Mutter wünscht sich, er würde mit derselben Akribie, mit der er seine Mahlzeiten berechnet, für die Schule lernen. Sie steht auf verlorenem Posten, denn "alle machen das", sagt Philipp.
Der Körper als Problem
Er hat damit gar nicht so unrecht. Sieht man sich in den Fitnessstudios des Landes um, bemerkt man immer häufiger auch sehr junge Trainierende. In Extremfällen sind sie gewissermaßen das andere Ende der Skala im breiten Spektrum von Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Sie treibt nicht Anorexia nervosa (Magersucht), bei der Hungern im Zentrum steht, Bulimie mit unkontrollierten Ess- und darauffolgenden Brechanfällen, oder Binge-Eating (Essanfälle ohne Brechen) in ein toxisches Verhältnis zu Nahrung, sondern Orthorexie. Also der Wunsch, sich möglichst gesund zu ernähren. In Kombination mit dem inneren Zwang, Sport zu betreiben, spricht man manchmal auch von Anorexia athletica (Sportanorexie).


Jede Form übersteigerten Körperkults, insbesondere bei jungen Menschen, sollte von Erziehungsberechtigten ernst genommen werden. Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Expertinnen und Experten sehen in Social Media einen starken Treiber: "Gerade Jugendliche leben heute in einer Welt voller Bilder, Filter, Körpervergleiche und Ernährungstrends. Der eigene Körper wird schnell zum Projekt. Zu dünn, zu weich, zu wenig trainiert, zu viel Bauch, zu wenig Kontrolle", sagt beispielsweise Ernährungswissenschafterin Dr. Claudia Nichterl.
Anzeichen für Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen
Aktuell schätzen Experten und Expertinnen, dass 5 bis 10 Prozent aller Mädchen und jungen Frauen zwischen 10 und 18 Jahren an klassischen Essstörungen leiden. Mit 0,5 Prozent sind Buben und junge Männer weniger häufig betroffen – zumindest von Bulimie, Anorexie und Binge-Eating. Wie hoch der Anteil an Orthorexie-Betroffenen ist, weiß man nicht. Die Kraftbereiche von Fitnessstudios sind allerdings meist männlich dominiert. Erziehungsberechtigte sollten also sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen genau hinschauen. Nicht jede Diät, nicht jede Phase von Appetitlosigkeit und nicht jede kritische Bemerkung über den eigenen Körper ist automatisch eine Essstörung. Es gibt aber Warnzeichen.


"Auffällig kann sein, wenn ein Kind oder Jugendlicher plötzlich sehr streng beim Essen wird: bestimmte Lebensmittelgruppen meidet, Kalorien zählt, Mahlzeiten auslässt, Ausreden findet, nicht mitzuessen, oder auffallend viel über „gesund“, „ungesund“, „clean“ oder „verboten“ spricht. Auch ein starker Gewichtsverlust, häufiges Wiegen, intensive Beschäftigung mit Figur und Körper oder übermäßiger Sport können Hinweise sein", sagt Dr. Nichterl. "Ebenso wichtig sind Veränderungen, die nicht sofort mit Essen in Verbindung gebracht werden: Rückzug, Gereiztheit, depressive Stimmung, Leistungsdruck, Perfektionismus, starke Scham, Angst vor gemeinsamen Mahlzeiten oder der Wunsch, immer mehr Kontrolle über den eigenen Alltag zu bekommen", so die Ernährungswissenschafterin.
Bei Bulimie oder anderen Formen gestörten Essverhaltens können zusätzlich Hinweise wie heimliches Essen, verschwundene Lebensmittel, häufige Toilettengänge nach dem Essen, Erbrechen, geschwollene Speicheldrüsen, Zahnschäden oder Kreislaufprobleme auftreten. Bei Binge Eating stehen wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust im Vordergrund, häufig begleitet von Schuldgefühlen und Scham.
Eltern sollten bei Verdacht nicht kontrollieren, heimlich überwachen oder Machtkämpfe am Esstisch beginnen.
Erste Maßnahmen bei Essstörungen von Kids und Teens
"Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen entstehen selten von heute auf morgen. Sie entwickeln sich oft wie ein feines Netz aus Stress, Körperunzufriedenheit, Kontrollbedürfnis, Leistungsdruck, biologischen Faktoren und seelischer Belastung. Je früher Erwachsene aufmerksam werden, desto besser", erklärt Dr. Nichterl.
"Eltern sollten bei Verdacht nicht kontrollieren, heimlich überwachen oder Machtkämpfe am Esstisch beginnen. Besser ist es, Beziehung aufzubauen, Gespräche anzubieten und professionelle Hilfe früh einzubeziehen. Wichtig ist auch: Eltern dürfen sich selbst Hilfe holen." Unterstützung in Sachen mentaler Gesundheit für Erwachsene bringt zum Beispiel das ego4you Mental Coaching, das in ungestörter Atmosphäre direkt zu Hause durchgeführt werden kann. "Unterstützung entlastet – und macht handlungsfähiger", weiß Dr. Nichterl.
Sie empfiehlt: "Als erste Anlaufstelle bei Verdacht auf Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen eignen sich Kinderärzt:innen, Hausärzt:innen, Schulärzt:innen, Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen, Kinder- und Jugendpsychiatrie oder spezialisierte Beratungsstellen für Essstörungen."
Konkrete Hilfsangebote
In Österreich bietet zum Beispiel das Gesundheitsportal Informationen zu Beratungsstellen, Ambulanzen, Ärzt:innen und weiteren Hilfsangeboten. Die Österreichische Gesellschaft für Essstörungen stellt zusätzlich eine Expert:innensuche für Betroffene und Angehörige zur Verfügung.






