Bei akutem Schmerz fährt ein bestimmtes Netzwerk im Gehirn normalerweise herunter. Bei Menschen mit chronischen Kreuzschmerzen hat eine Bildgebungsstudie nun das Gegenteil beobachtet. Was das für die Behandlung bedeuten könnte.
Ein Netzwerk, das sich umgekehrt verhält
Wenn Menschen mit chronischen Schmerzen im unteren Rücken einen Schmerzschub erleben, wird im Gehirn das sogenannte Default Mode Network aktiver. Das zeigt eine Studie der University of California San Diego, die im Fachjournal British Journal of Anaesthesia erschienen ist. Das Netzwerk umfasst Bereiche im Stirn-, Scheitel- und Schläfenlappen.
Ungewöhnlich ist das, weil sich dieses Netzwerk bei akutem Schmerz normalerweise zurücknimmt. Genau das beobachtete das Team auch bei denselben Personen, als es ihnen einen harmlosen, aber unangenehmen Wärmereiz an der Wade setzte. „Was wir zum ersten Mal überhaupt zeigen, ist, dass es sich bei einem Schmerzschub stattdessen einschaltet“, sagt Studienleiter Fadel Zeidan, Professor für Anästhesiologie an der UC San Diego.
Wie die Studie aufgebaut war
Untersucht wurden 114 Patientinnen und Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen. Um einen Schmerzschub auszulösen, mussten sie das Bein anheben, während die Forschenden mit funktioneller Magnetresonanztomografie die Durchblutung im Gehirn maßen. Das eingesetzte Verfahren kommt ohne Kontrastmittel aus.
Je stärker die chronischen Schmerzen waren, desto enger war das Default Mode Network mit dem primären somatosensorischen Kortex verbunden, also jenem Bereich, der Körperempfindungen verarbeitet. Je stärker der Schmerz beim Beinheben, desto aktiver waren außerdem Regionen für Empfindung und Bewegung. Auch der Anstieg der Herzfrequenz spiegelte laut den Forschenden die Stärke des Schmerzschubs zuverlässig wider.
Warum sich chronischer Schmerz so persönlich anfühlt
Das Default Mode Network ist vor allem dann aktiv, wenn Menschen über sich selbst nachdenken. Die Forschenden sehen darin einen Hinweis, warum chronischer Schmerz so eng mit dem eigenen Selbstbild verknüpft sein kann. Ihrer Ansicht nach könnten Behandlungen, die vor allem Symptome unterdrücken, deshalb bei chronischen Kreuzschmerzen zu kurz greifen.
„Die aktuelle Schmerzmedizin ist darauf fixiert, Patientinnen und Patienten von ihren Schmerzsymptomen zu befreien, aber das ist nicht die Quelle chronischer Schmerzen“, sagt Zeidan. Ein Ansatz am Default Mode Network könnte eine andere Form der Behandlung ermöglichen. Untersucht werden dazu unter anderem Achtsamkeitsmeditation und der Wirkstoff Psilocybin, die Betroffenen helfen sollen, den Schmerz zu spüren, ohne dass er so stark mit der eigenen Identität verknüpft wird.
Was die Studie nicht zeigt
Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt Zusammenhänge zwischen Hirnaktivität und Schmerz, aber nicht, dass das Netzwerk die Schmerzen verursacht. Eine Kontrollgruppe ohne Rückenschmerzen wird in der Darstellung der Forschenden nicht erwähnt, verglichen wurde der Schmerzschub mit dem Wärmereiz bei denselben Personen.
Auch die möglichen Therapien sind noch nicht erprobt. Erste Ergebnisse zu Achtsamkeit und Psilocybin gelten als vielversprechend, müssen aber laut den Forschenden in weiteren Studien bestätigt werden. „Sie sind kein Allheilmittel“, sagt Zeidan. Wer unter chronischen Rückenschmerzen leidet, sollte eine Behandlung deshalb weiterhin ärztlich abklären lassen.
Quellen
British Journal of Anaesthesia: Brain mechanisms supporting movement-evoked chronic low back pain: an observational brain imaging study (5. Oktober 2026)
Weitere Quelle: ScienceDaily, Mitteilung der University of California San Diego: Scientists discover why chronic back pain feels so personal (29. Oktober 2026)
