Wer Abnehmspritzen mit GLP-1-Wirkstoffen nutzt, berichtet deutlich häufiger von sich ablösenden Nägeln und Haarausfall. Das zeigen zwei Studien, die beim Dermatologie-Kongress EADV in Wien vorgestellt wurden. Was hinter den Zahlen steckt und warum Fachleute zur Gelassenheit raten.
Nagelablösung viermal so häufig
Abnehmspritzen mit sogenannten GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid gehören zu den meistdiskutierten Medikamenten der vergangenen Jahre. Nun rückt eine Nebenwirkung in den Blick, über die bisher vor allem Einzelberichte kursierten: Veränderungen an Nägeln, Haaren und Kopfhaut. Beim Kongress der European Academy of Dermatology and Venereology (EADV), der von 30. September bis 3. Oktober in Wien stattfand, wurden dazu zwei Studien vorgestellt.
Die Forschenden befragten 575 Personen, die GLP-1-Präparate verwenden, und verglichen sie mit 1.329 Menschen mit Typ-2-Diabetes oder Adipositas, die solche Mittel nie genommen hatten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stammten aus Frankreich, den USA, Brasilien und Mexiko. Das auffälligste Ergebnis: 39 Prozent der Anwenderinnen und Anwender berichteten von einer Ablösung des Nagels vom Nagelbett, in der Vergleichsgruppe waren es neun Prozent. Verfärbte Nägel gaben 46 Prozent an, gegenüber 17 Prozent. Mindestens eine Nagelveränderung meldeten 66 Prozent, in der Vergleichsgruppe 53 Prozent.
Die Unterschiede blieben auch bestehen, wenn nur Personen betrachtet wurden, die abgenommen hatten. Der Gewichtsverlust allein scheint die Befunde also nicht zu erklären. Studienautor Charles Taïeb bezeichnete Nagelveränderungen unter GLP-1-Therapie als bisher im Wesentlichen anekdotisch belegt.
Auch Haare und Kopfhaut sind betroffen
Eine zweite Auswertung derselben Gruppe nahm Haare und Kopfhaut unter die Lupe. Ungewöhnlichen Haarausfall gaben 50 Prozent der GLP-1-Anwenderinnen und -Anwender an, in der Vergleichsgruppe 34 Prozent. Einen Verlust an Haarvolumen oder Haardichte bemerkten 42 Prozent gegenüber 19 Prozent. Bei 26 Prozent begann der Haarausfall erst nach dem Start der Behandlung, in der Vergleichsgruppe bei zwölf Prozent.
Rötungen der Kopfhaut traten bei den Anwenderinnen und Anwendern etwa dreimal so häufig auf. In den meisten Fällen ging der Haarausfall mit Beschwerden wie Juckreiz, Rötung oder Schuppung einher. Entzündungen der Kopfhaut seien eher die Regel als die Ausnahme gewesen, sagte der Pariser Dermatologe Bruno Halioua vom Institut Alfred Fournier.
Warum die Studien keine Ursache beweisen
Die Ergebnisse haben deutliche Grenzen. Beide Untersuchungen sind Querschnittsstudien und beruhen auf Angaben der Befragten selbst, nicht auf ärztlichen Untersuchungen. Sie zeigen Zusammenhänge, aber keinen Beweis, dass die Medikamente die Veränderungen verursachen. Rund die Hälfte der Anwenderinnen und Anwender hatte zudem schon vor Beginn der Therapie Probleme mit den Nägeln.
Nachdem die Forschenden Hauterkrankungen und Nährstoffmängel herausgerechnet hatten, wurden einige Zusammenhänge schwächer. Nagelablösung und Verfärbungen kamen bei den Anwenderinnen und Anwendern aber weiterhin etwa zwei- bis dreimal so häufig vor. Taïeb betonte, dass nicht alles, was während einer GLP-1-Behandlung passiere, zwangsläufig von der Behandlung verursacht werde.
Was Betroffene wissen sollten
Halioua rät zu Aufmerksamkeit statt Alarm: Die Veränderungen seien zwar häufig, in der Regel aber harmlos. Wer unter einer Abnehmspritze brüchige oder sich lösende Nägel, dünner werdendes Haar oder eine gereizte Kopfhaut bemerkt, sollte das ärztlich abklären lassen. Das Medikament eigenmächtig abzusetzen, ist nicht ratsam.
Klarheit sollen weitere Studien bringen. Geplant sind Untersuchungen, die Patientinnen und Patienten ab Therapiebeginn begleiten. Dabei sollen Haare und Nägel mit standardisierten Verfahren wie der Trichoskopie und der Onychoskopie untersucht und Werte wie Eisen, Zink, Vitamin B12, Vitamin D und Eiweiß überwacht werden. So wollen die Forschenden klären, wann die Veränderungen auftreten, wodurch sie entstehen und ob sie sich wieder zurückbilden.
Die Studien wurden beim EADV-Kongress 2026 in Wien präsentiert und sind noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht.
