von
Fluggesellschaften arbeiten traditionell mit geringen Gewinnmargen. Dies macht sie anfällig für geopolitische Verwerfungen: So blockiert etwa der seit Ende Februar andauernde Konflikt die wichtige Meerenge von Hormuz, was die Treibstoffkosten verdoppelt hat. Während die Airlines in den umsatzstarken Sommermonaten finanzielle Polster aufbauen, zehren sie in der kalten Jahreszeit von diesen Reserven. Bleiben die Kerosinpreise hoch, droht vielen das Geld auszugehen. "Vor allem kleinere Nischenanbieter sind gefährdet", sagte der Luftfahrtanalyst John Strickland. Sie könnten unter dem Kostendruck zusammenbrechen, wenn in den nachfrageschwachen Wintermonaten die Einnahmen wegbrechen. Bereits im Mai, noch vor dem Krieg, war die US-Fluglinie Spirit zusammengebrochen.
Selbst große Billigflieger wie Wizz Air spüren den Druck. Die ungarische Airline verbuchte im ersten Quartal einen höheren operativen Verlust und senkte die Ticketpreise, um Passagiere anzulocken. Mit Erfolg: Im August wurde ein Passagierrekord erzielt. James Halstead, geschäftsführender Partner bei Aviation Strategy, sieht Wizz Air jedoch in einer besseren Position als staatliche Konkurrenten. "Sie wachsen stark und opfern damit gegenwärtige Erträge für zukünftige Stabilität", erklärte er. Das Unternehmen profitiere von einer starken Marke, einem guten Geschäftsmodell und dem Zugang zum Kapitalmarkt. Andere Gesellschaften haben es schwerer. Die südostasiatische AirAsia sucht nach anhaltenden Verlusten frisches Kapital, und die kanadische Air Transat kämpft ebenfalls mit den explodierenden Treibstoffkosten.
Die Krise könnte die seit Langem erwartete Konsolidierung auf dem europäischen Markt beschleunigen. Große Konzerne wie die British-Airways-Mutter IAG, die AUA-Mutter Lufthansa oder Air France-KLM könnten geschwächte Wettbewerber übernehmen. Gleichzeitig nutzen aggressive Billigflieger wie Ryanair und Wizz Air die Gunst der Stunde, um ihre Marktanteile auszubauen. Wizz-Air-Chef Jozsef Varadi bekundete im August offen Interesse an den Routen der rumänischen Staatsfluglinie TAROM. Andere potenzielle Übernahmekandidaten sind die norwegische Norse Atlantic, die bereits einen Verkauf oder eine Fusion prüft, und die polnische LOT, die seit Jahren als Übernahmeziel gilt.
Für airBaltic muss das Insolvenzverfahren nach US-Recht (Chapter 11) jedoch nicht das Ende bedeuten. Anders als bei einer klassischen Pleite ermöglicht dieses Verfahren eine Sanierung unter Gläubigerschutz. "Dies gibt ihnen einen schützenden Rahmen, um ihre Finanzen zu sanieren", sagte Analyst Strickland und verwies auf die skandinavische SAS, der auf diesem Weg die Wende gelang. Die Lufthansa, die mit zehn Prozent an airBaltic beteiligt ist, hat bereits erklärt, ihren Anteil nicht aufstocken zu wollen. Wie der Konzern sich angesichts des Insolvenzverfahrens nun positionieren wird, ließ er offen.
