Der neue ORF-Stiftungsrat spricht über den ORF, bedrohten Journalismus, die Grenzen der Haltung und plädiert für soziale Wachsamkeit statt Aktivismus.
1. Vorausgesetzt, Sie werden planmäßig zum ORF-Stiftungsrat: Warum haben Sie die Aufgabe angenommen?
Weil mir freie Amtsführung glaubhaft zugesagt wurde. Der Anscheinsverdacht von Parteiendominanz und Parteilichkeit im ORF gehört ausgeräumt.
2. Abgesehen von der Wahl des ORF-Chefs: Was hoffen Sie, mit dieser Funktion erreichen zu können?
Ziele, falls ich bestellt werde: fairer Wettbewerb und ein Grundkonsens, dass der ORF die Zahler nie bevormundet, sondern ihnen dient.
3. Zum 60er posteten Sie: Schauen wir, wohin der Zug noch fährt … Ist nun schon ein Bahnhof in Sicht?
Noch ist nichts spruchreif, aber der Fahrplan steht. Ich möchte meinen Fundus aus 47 Journalismus-Jahren für Jüngere nutzbar machen.
Freiheit ist ohne freie Medien nicht viel mehr als eine Farce
4. Wie wäre heute das Fazit Ihres Buchs mit dem Unterzeile „Plädoyer für einen bedrohten Beruf“ (2005)?
Freiheit ist ohne freie Medien nicht viel mehr als eine Farce. Deshalb ist das Überleben unseres Berufs eine Frage des Gemeinwohls.
5. Der Haupttitel war „Das Ende des Journalismus“. Nach 20 Jahren „Kleine“: Weissagung oder Irrtum?
Ich wünschte, ich hätte geirrt. Leider ist das Meiste noch heftiger eingetroffen, als mein Orakel sich träumen ließ.
6. Was war für Sie bei Standard, Presse und Kleine die jeweils prägendste Eigenheit der Zeitung?
Standard: der damals unbändige Pioniergeist der Gründerjahre. Presse: das glaubwürdige Qualitätsversprechen. Kleine: Liebe zur Region.
7. (Wie) Werden Sie Ihr Spielbein Kabarett reaktivieren? Wie viel Aktivist darf ein Journalist sein?
Kabarett mache ich sicher wieder, aber wohl erst in der Pension. Journalisten sollen sozial aktiv sein, aber keinesfalls aktivistisch.
8. Auf Facebook lassen Sie an Ihrem Freizeitsport teilhaben. Wie ist Ihr Verhältnis zu Social Media?
Alle gut Erzogenen sollten durch Vorbild mitwirken, die Hass-Hölle zum Ort kultivierter, wertschätzender Zeitgenossenschaft zu machen.
Steckbrief
Ernst Sittinger
Ernst Sittinger, 60, gründete mit 13 eine Schülerzeitung, absolvierte zwei Studien, schrieb ab 1984 für „Standard“ und „Presse“ und gehörte von 2006 bis 2025 zur Chefredaktion der „Kleinen Zeitung“. Nun wurde er von der steirischen Landesregierung als ORF-Stiftungsrat designiert und soll am 21. Mai dazu bestellt werden
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 21/2026 erschienen.







