Die Nachrichten, dass die Wahl zum ORF-Chef schon gelaufen sei, taugen vor allem dazu, den Neuen bereits vor seiner Kür zu beschädigen. Doch noch hat kein Favorit seine Bewerbung bekundet. Und am Ende muss jeder Stiftungsrat nachvollziehbar und genau begründen, warum er sich wie entschieden hat.
Wer für den ORF-Chef kandidieren will, muss es im feiertagsintensivsten Monat des Jahres tun. Die langen Mai-Wochenenden sorgen aber für kurze Abwesenheiten. Indes wirken Song Contest und Küniglberg-Krise als Pufferzonen für Aufgabenanreiz und Anspruchsangst.
Also haben bis dato erst ORF-TV-Magazinchefin Lisa Totzauer, Ex-Puls-4-Geschäftsführer Markus Breitenecker, Unternehmensberater Ernst Primosch sowie Exxpress-Herausgeberin Eva Schütz öffentlich offenbart, dass sie antreten. Obwohl der Boulevard schon weiß, wer es wird.
Gemeine Prognose
Das Gemeine an der realistischen Prognose – APA-Chef Clemens Pig – ist ihre zugleich abwertende wie abschreckende Wirkung. Wer ihn als politisch ausgemacht handelt, stellt indirekt seine Qualifikation infrage. Das vermeintlich gelaufene Rennen hätte zudem mögliche Gegenbewerber – wie beispielsweise Markus Breitenecker – abschrecken können.
Er entspricht wie Pig dem von ÖVP-General Nico Marchetti mehrfach geäußerten und von Kanzler Christian Stocker indirekt bestätigten Wunsch nach externer Besetzung. SPÖ-Vizekanzler und Medienminister Andreas Babler hat hingegen seine ursprünglich bekundete Präferenz für eine Frau nicht wiederholt.
Die zweimal mit enormer Mehrheit vom Stiftungsrat gewählte Noch-ORF-Generalin Ingrid Thurnher muss das als doppelten Affront empfinden. Das gilt auch für Magazin-Chefin Lisa Totzauer als gebranntem Kind vom letzten Feuer – ihr gelang 2021 ein respektables Resultat gegen Roland Weißmann.
Mediengipfel in Tirol
Dieses Personalkarussell gemahnt an die Redensart, vor lauter Wald den Baum nicht mehr zu sehen – den ORF. Am Erscheinungstag dieser Kolumne (21. Mai 2026, Anm.) prägte er zwei konträre Events. In Seefeld formulierte auf einem von Stiftungsrat Stefan Kröll veranstalteten Treffen Anton Mattle als Vorsitzender der LH-Konferenz die medienpolitischen Vorstellungen der Länder.
Dass zugleich Journalist Ernst Sittinger zum Nachfolger des zurückgetretenen Thomas Prantner als Stiftungsrat der Steiermark bestellt wird, ist für politmediale Feinspitze pikant. Die Gästeliste in Tirol hingegen hatte breitere Brisanz. Pig hielt dort die Keynote, Breitenecker diskutierte in einem Panel und auch Thurnher stand im Programm.
Während der Hupfauf im Westen endete, startete in Wien die Demo „Der ORF gehört uns“, im Zuge derer es Beiträge von Presseclub Concordia und Reporter ohne Grenzen gab – vor dem Kanzleramt am Ballhausplatz. Das Medienministerium im 3. Bezirk blieb verschont. Gefordert wurde eine unabhängige ORF-Spitze durch eine faire Wahl. Ja, was denn sonst?
Bedenklicher Modus und unsägliche Handhabung
Diesen Donnerstag (28. Mai 2026, Anm.) endet die Bewerbungsfrist. Am 8. Juni ist ein öffentliches Hearing der Kandidaten, drei Tage danach die Wahl des ORF-Chefs. Weder der bedenkliche Modus seiner Bestellung noch die unsägliche Handhabung werden sich bis dorthin ändern.
Doch der Druck auf die Stiftungsräte muss wachsen. Laut Gesetz haften sie wie Aufsichtsräte für ihre Entscheidungen. Gemäß ihrer neuen Geschäftsordnung muss jeder von ihnen seine Wahl begründen. Eine Veröffentlichung dieser Protokolle wäre der beste Weg zum Vertrauensgewinn. Für die Stiftungsräte und für den nächsten Generaldirektor – denn die Wahl lässt sich nur durch Qualifikation argumentieren.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 21/2026 erschienen.







