Wer ist Siegfried "Sigi" Wolf?

1994 von Frank Stronach entdeckt, macht Siegfried "Sigi" Wolf Magna in Europa groß. Wolf war lange Jahre im Aufsichtsrat der Staatsholding und 2019 als ÖBAG-Aufsichtsratschef im Gespräch. Nun ist er in eine neue Affäre um Ex-ÖBAG-Chef Thomas Schmid verwickelt, der Wolf 630.000 Euro Steurschuld erlassen haben soll (es gilt die Unschuldsvermutung) .

von Porträt - Wer ist Siegfried "Sigi" Wolf? © Bild: APA/FOTOKERSCHI.AT / KERSCHBAUMMAYR

Mit Siegfried "Sigi" Wolf wollte sich ein Geschäftsmann das MAN-Werk in Steyr schnappen, der sich kaum einen Deal in der Kfz-Industrie entgehen lässt. Laut "WirtschaftsCompass" hat der 63-jährige Steirer derzeit in Österreich 26 Funktionen inne, 65 weitere Funktionen wurden aus dem Firmenbuch über die Jahre wieder gelöscht. Zurzeit ist er Aufsichtsratschef der Europaniederlassung der russischen Sberbank, daneben sitzt er auch im Aufsichtsrat des oö. Kfz-Zulieferers Miba.

© APA/FOTOKERSCHI.AT/WERNER KERSCHBAUMMAYR Siegfried Wolf bei einem Besuch der Produktionsstraße des MAN-Werks Steyr aufgenommen am Mittwoch, 31. März 2021

Leben und Karriere

Geboren wurde Wolf am 31. Oktober 1957 im oststeirischen Feldbach, wo er mit sechs Geschwistern auf dem Bauernhof der Eltern aufwuchs. Das Gymnasium brach er ab und absolvierte stattdessen eine Ausbildung zum Werkzeugmacher-Meister bei Philips in Wien. Danach holte er seinen Schulabschluss an der Bundeslehranstalt für Maschinenbau nach.

Von Philips wechselte Wolf 1981 zu den Vereinigten Wiener Metallwerken, 1983 zum Munitionsproduzenten Hirtenberger, wo er auch Gesamtprokurist war. Dort wurde er 1994 von Magna-Chef Frank Stronach entdeckt und angeheuert und legte eine Blitzkarriere hin. Er begann zunächst als Vorstand für Forschung und Entwicklung. Schon 1995 rückte er zum Präsidenten der Magna Europa AG mit Sitz im niederösterreichischen Oberwaltersdorf bei Wien auf.

In den folgenden Jahren übernahm Magna mehrere kleine Firmen. 1998 wickelte Wolf für Magna den Kauf der Steyr-Daimler-Puch ab, die 2001 in Magna Steyr umbenannt wurde. Unter Wolf stieg die Anzahl der Magna-Mitarbeiter in Europa von rund 1.000 auf 29.000.

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1999 wurde Wolf von Stronach in den Verwaltungsrat des Mutterkonzerns Magna International berufen. Er wurde dort Stronachs rechte Hand. Sämtliche Aktivitäten außerhalb der Autobranche wurden nach 2000 in die Magna Entertainment ausgegliedert. Magna Steyr richtete Wolf ganz auf den Autobau aus. Im Auftrag von Mercedes-Benz, Chrysler, Saab und BMW wurden für diese Konzerne komplette Autos gebaut.

© APA/HERBERT PFARRHOFER Siegfried Wolf mit Gattin am Montag, 29. Jänner 2018, im Rahmen des Jägerballes in der Wiener Hofburg

Ende Jänner 2004 kehrte Frank Stronach überraschend an die Spitze seines eigenen Imperiums zurück, als interimistischer Nachfolger seiner Tochter Belinda, die ab 2001 Konzernchefin gewesen war und in Kanada in die Politik wechselte. Ebenso überraschend gab er die Führung wieder ab, und zwar an den Kanadier Donald Walker (der bereits von 1994 bis 2001 CEO gewesen war) und den Österreicher Siegfried Wolf. Für Wolf bedeutete das einen abermaligen Karrieresprung. Stronach zog als Chairman of the Board of Directors im Hintergrund die Fäden.

Gute Kontakte nach Russland

Wolf setzte die Expansion fort. In China wurden rund zwei Dutzend Fabriken gebaut. 2007 beteiligte sich die russische Basic Element von Oleg Deripaska um 1,5 Mrd. US-Dollar (1,17 Mrd. Euro) an Magna - ein Engagement, das Deripaska in der Wirtschaftskrise wieder aufgeben musste. Eine weniger glückliche Hand hatte Wolf als Miteigentümer der 2003 gestarteten steirischen Pleite-Airline Styrian Spirit, die schon 2006 wieder aufgeben musste.

2010 holte Deripaska Wolf ganz nach Russland. Er leitete für den russischen Milliardär die Geschicke von Russian Machines. Schon davor wollten Wolf und Deripaska mit ihrem Rettungskonzept für den deutschen Autobauer Opel gemeinsame Sache machen. Magna wollte mit Deripaskas Autobauer GAZ und der staatlichen russischen Sparkasse Sberbank bei Opel einsteigen und hatte im September 2009 bereits die Zusage der damaligen Opel-Mutter General Motors - zwei Monate später sagten die Amerikaner den vor allem von Wolf vorangetriebenen Deal aber überraschend ab.

Wolf saß in Österreich schon in den Aufsichtsräten von Strabag, Verbund und Siemens. Als Aufsichtsrat der Staatsholding ÖIAG (heute ÖBAG) fungierte Wolf ab Sommer 2008 auch als Chefverhandler beim Verkauf des Bundesanteils der Austrian Airlines (AUA). Auch als 2014 der mexikanische Multimilliardär Carlos Slim mit seiner America Movil die Kontrolle der teilstaatlichen Telekom Austria übernahm, saß Wolf im Aufsichtsrats der ÖIAG. Nach dem Schlamassel rund um Slims Einstieg wurde die ÖIAG zur ÖBIB umgebaut und der sich bis dahin selbst erneuernde Aufsichtsrat abgeschafft.

Als ÖBAG-Aufsichtsratschef im Gespräch

Auch als die ÖBIB 2019 zur ÖBAG wurde, tauchte Wolfs Name wieder auf. Wie aus sichergestellten Chatnachrichten zwischen dem späteren ÖBAG-Chef Thomas Schmid und seiner Assistentin hervorgeht, hatte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) einen gewissen "SW" zum ÖBAG-Aufsichtsratschef machen wollen. Später schrieb Schmid dann: "Kurz scheißt sich voll an." Schmids Mitarbeiterin meinte, dann solle er, Kurz, nicht Wolf zum Aufsichtsratschef machen. "Mr Saubermann, ehrlich". Und: "Ja aber seine Aussenwirkung kann er auch mal durchdenken wenn man den zum AR chef macht." Aus Wolfs Comeback in der Staatsholding wurde nichts, als Aufsichtsratschef ernannt wurde Helmut Kern.

Wolf betätigte sich mit anderen großen Namen der österreichischen Wirtschaft auch als Stifter. Gemeinsam mit Rene Benko, Ronny Pecik, Boris Nemsic, Wolfgang Rosam, Frank Stronach, Walter Rothensteiner und weiteren Wirtschaftskapitänen gründete er 2011 die Nein-zu-Arm-und-Krank-gemeinnützige-Privatstiftung. Wolf gehören unter anderem auch ein Weingut und ein Reiterhof in Weikersdorf in Niederösterreich sowie der Fontana Golfclub und das Schloss Oberwaltersdorf.

Die Causa Thomas Schmid in Verbindung mit Sigi Wolf

Im Dezember 2021 wurden neue Vorwürfe rund um Ex-ÖBAG-Chef Thomas Schmid bekannt. Dieser soll in seiner Zeit als Generalsekretär im Finanzministerium Wolf 630.000 Euro Steuerschuld erlassen haben könnte. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Begonnen habe die Geschichte im Frühjahr 2019. Damals hätten die internen Prüfer des Finanzministeriums routinemäßig die Steuernachlässe durchgesehen. Dort soll ihnen der Name des Kfz-Managers und früheren ÖIAG-Aufsichtsratschefs Siegfried Wolf aufgefallen - und die Summe: 629.941 Euro. Die Prüfer hätten damals untersucht, wem die Republik im Jahr zuvor Steuerschulden nachgesehen hat. Der Staat hat - in einem restriktiven Rahmen - diese Möglichkeit beispielsweise, wenn ein Unternehmen in der Insolvenz steckt und das Finanzamt als Gläubiger zurücktritt

Der "Falter" schreibt davon, dass Akteineinsichten nahelegten, dass Thomas Schmid als Generalsekretär im Finanzministerium dem Investor einen Vorteil verschafft und eine Steuernachsicht durchgedrückt haben könnte. Bewiesen ist das freilich nicht und es gilt die Unschuldsvermutung. Schmid könnte in dem Zusammenhang auch gegen die Rechtsmeinung der eigenen Fachaufsicht im Ministerium vorgegangen sein, schreibt die Zeitung.

Dem Bericht zufolge forderte das Finanzamt Wiener Neustadt im Jahr 2016 von Wolf entgangene Steuern von gut 7 Mio. Euro und die Strafzinsen in Höhe von 686.736,44 Euro zurück. Wolf hatte offenbar Einkünfte aus einer Geschäftsführertätigkeit in der Schweiz nicht so versteuert, wie sich das seit einiger Zeit gehörte.

Daraufhin hätten sich Wolfs Steuerberater ans Finanzministerium gewendet und auf "sachliche Unbilligkeit" gepocht, schreibt die Zeitung. Man sei vom Finanzamt nicht darauf hingewiesen worden, dass ein schweizerisch-österreichisches Steuerabkommen (seit 2007) eine andere Versteuerung verlange, das Amt habe die Steuerbescheide in alter Form akzeptiert. Zumindest die Strafzinsen müssten gestundet werden, so die Ansicht der Steuerberater, die ihrerseits die ausschlaggebenden Änderungen im Doppelbesteuerungsabkommen laut "Falter" übersehen hatten.

Die Fachaufsicht im BMF habe eindeutig festgestellt: Eine Nachsicht könne auf Gesetzeswegen nicht erteilt werden. Die volle Summe sei zu zahlen.

Daraufhin soll Wolf den Ball über seine Verbindungen in die früheren türkisen Machtzirkel genutzt haben. Der frühere Bundeskanzler und ÖVP-Chef Sebastian Kurz soll bei einer Befragung angegeben haben, er sei Wolf "freundschaftlich verbunden", und dieser berate ihn in "wirtschaftspolitischen Fragen". Als Generalsekretär im BMF saß Kurz-Intimus Thomas Schmid.

Am 26. April 2018 stellen Wolfs Steuerberater jedenfalls einen Antrag auf Nachsicht beim zuständigen Finanzamt. Von ihrer Argumentationslinie der "sachlichen Unbilligkeit", der die Fachbeamten des Finanzministeriums widersprochen hatten, weichen sie nicht ab. Wenige Wochen später habe das zuständige Finanzamt in Wiener Neustadt dem Antrag tatsächlich zugestimmt. In der Begründung dafür folgen die Finanzbeamten weitgehend dem Vorschlag von Wolfs Steuerberatern, die einen ausgearbeiteten Entwurf Anfang Juli noch geschickt hatten. Dem Finanzamt sei ein Mitverschulden anzulasten, schließlich habe es den Methodenwechsel im Doppelbesteuerungsabkommen übersehen, steht da. Letzten Endes wurden Wolf zwar nicht die Strafzinsen, aber 25 Prozent der Gesamtsumme erlassen. Der Betrag änderte sich damit marginal auf 629.941 Euro, die Wolf weniger bezahlen müsste.

Schmid wollte die Angelegenheit laut "Falter" nicht kommentieren. Das Geld ist laut der Zeitung immer noch nicht beim Finanzamt eingelangt. Wolf habe gegen den Spruch Beschwerde vor dem Bundesfinanzgericht eingebracht.

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