Wer ist Rudi
Anschober?

Rudi Anschober gilt als arbeitswütig. Nun legte er sein Amt als Sozialminister gesundheitlich "überlastet" zurück. Es war ein tapferer Kampf gegen die Pandemie, jetzt muss ihn aber ein anderer zu Ende führen.

von Porträt - Wer ist Rudi
Anschober? © Bild: APA/GEORG HOCHMUTH
  • Name: Rudolf Anschober
  • Geboren am: 21. November 1960 in Wels, Österreich
  • Position: Ex-Sozialminister
  • Ausbildung: Gelernter Beruf Volksschullehrer
  • Politische Karriere: Sprecher der Oberösterreichischen Grünen ab 1986, Abgeordneter zum Nationalrat 1990-1997, danach Abgeordneter im oberösterreichischen Landtag, seit Oktober 2003 Landesrat.
  • Partei: Grüne
  • Familienstand: In Lebensgemeinschaft

Rudi Anschober brachte die längste Erfahrung mit einer Koalition von ÖVP und Grünen ins Regierungsteam mit- zwölf Jahre lang währte die weitgehend friktionsfreie Partnerschaft in Oberösterreich. Als die Grünen gerade aus dem Nationalrat geflogen waren und in der Bundespolitik kaum mehr vorkamen, brachte er es mit seiner Initiative für Asylwerber in Lehre zu österreichweiter Beachtung.

Anschober, der passionierte Umweltpolitiker

Im Jänner 2020 wechselte der passionierte Umweltpolitiker wieder das Metier, die Sozialpolitik fiel in die Hände des 59-Jährigen, plus der Gesundheit, letzteres angesichts der zersplitterten Kompetenzen ein undankbares Ressort. Dazu verliert das Ministerium die Arbeit, was Anschober wohl zu so manchem Kompromiss mit Neo-Amtskollegin Christine Aschbacher (ÖVP) zwingen wird. Seine größte Aufgabe wurde nicht etwa ein zukunftsträchtiges Pflegekonzept auf den Weg zu bringen - sondern die Bekämpfung der Corona-Pandemie. Diese 15 Monate wurde zu einer Herkulesaufgabe. "Mein Eindruck ist, es sind nicht 15 Monate, sondern gefühlt 15 Jahre, seit ich dieses Ministerium übernommen habe", sagt er in einer persönlichen Erklärung am 13.04.2021. In einer emotionalen Rede gab er seinem Rücktritt bekannt.

Darum legte er sein Amt zurück

"Ich bin überarbeitet und ausgepowert", sagte 60-Jährige. Daher habe er sich entschieden, sein Amt zurückzulegen. "In der schwersten Gesundheitskrise seit Jahrzehnten braucht die Republik einen Gesundheitsminister, der zu 100 Prozent fit ist", begründete Anschober seinen Abgang. Und: "Ich will mich auch nicht kaputt machen." Damit geht wohl auch die jahrzehntelange politische Karriere eines Grünen Urgesteins zu Ende.

© APA/HERBERT NEUBAUER Rudi Anschober beim Baumpflanzen
»Mir ist die Kraft ausgegangen«

Dass es für den gelernten Volksschullehrer so schwierig werden sollte, war für niemanden absehbar. Anschober machte seine Sache vor allem in den Anfangstagen der Pandemie gut. Dass Österreich solide durch die erste Corona-Welle kam, wurde auch dem Gesundheitsminister persönlich zugeschrieben. Anschober, dessen bedächtige Art mit ausschweifenden Erläuterungen dem Volk gefiel, wurde schon als künftiger Bundespräsident gefeiert.

Kreislauf-Kollapse und Erschöpfung

Nun folgten zwei Kreislauf-Kollapse, schlechte Blutdruck-Werte und Erschöpfung. Anschober geht, weil er sich "nicht kaputt machen will". Es wird auch eine Art Erleichterung sein. Anschober ging in den vergangenen 15 Monaten ein unglaublich hohes Tempo, machte sogar mehr, als es die Pandemie ohnehin erforderte.

Kaum eine Medienanfrage wurde ausgelassen, praktisch täglich blickte er den Österreichern via Pressekonferenz aus dem Fernseher entgegen. Sein Vorhaben, sich einen Tag pro Woche frei zu halten, war kaum einmal einzuhalten. Was Anschober blieb, waren frühmorgendliche Spaziergänge mit seinem Hund, der auch treuer Begleiter im Büro war.

Sein Weg in die Politik

Anschober wurde von seinem Anti-Atom-Engagement in die Politik getrieben. Seit den 1980ern ist der gelernte Volksschullehrer politisch aktiv, 1990 zog er in den Nationalrat ein. In Oberösterreich war er u.a. Landtags-Klubobmann und Landessprecher. 2003 schmiedete er mit Josef Pühringer den österreichweit ersten schwarz-grünen Pakt auf Landeseben, er selbst wurde dadurch Umwelt-Landesrat.

Zwölf Jahre lang übte er dieses Amt als Junior-Koalitionspartner aus, in dieser Zeit hatte er auch die Energieagenden über und widmete sich stark der Energiewende. 2015 ging sich Schwarz-Grün wegen der Verluste der ÖVP - die Grünen hatten sogar dazugewonnen - nicht mehr aus. Seither ist Anschober nur mehr dank des von den Grünen so ungeliebten Proporzsystems Mitglied der Landesregierung. Sein Umweltressort wurde um die Agenden der Energie beschnitten, Schwarz-Blau hat die Ziele in Sachen Energiewende zurückgeschraubt.

Dafür betreute Anschober nun zusätzlich den Asyl- und Integrationsbereich. Um diese Aufgabe hatte er sich weder gerissen noch damit gerechnet, sie zu erhalten. Als Grüner in einer schwarz-blauen Landesregierung werde man bei dieser Thematik wohl keinen leichten Stand haben, meinte damals so mancher - vermutlich auch Anschober selbst. Aber er hat nach einer ersten Schockstarre beschlossen "den Stier bei den Hörnern zu packen", wie er selbst sagte.

Selbstvermarktungsprofi

So hat er in der Materie seine zweite Bestimmung gefunden. Als Gründer der überparteilich angelegten Initiative "Ausbildung statt Abschiebung" hat Anschober Sympathisanten unterschiedlicher politischer Lager um sich geschart, darunter auch einige prominente Wirtschafts- und ÖVP-Vertreter. Seinem künftigen Regierungspartner Sebastian Kurz warf er lange Gesprächsverweigerung in dieser Sache vor. Mittlerweile hat die ÖVP ihren Kurs etwas korrigiert und abgelehnte Asylwerber dürfen ihre Lehre zumindest abschließen.

Anschober gilt als arbeitswütig und ist ein Selbstvermarktungsprofi, greift aber selten allzu tief in die Populismus-Kiste. Er kann in Oberösterreich auf höhere Bekanntheitswerte als so mancher Landesregierungskollege anderer Couleur verweisen. Für seine grünen Weggefährten war es lange Zeit schwierig, sich neben dem politischen Alleinunterhalter zu positionieren. Nach einer Burn-out-bedingten Auszeit 2012 trat der dem Realo-Flügel zugerechnete Anschober aber schließlich doch kürzer, gab die Parteispitze ab und war in erster Linie Landesrat. Dennoch blieb er für viele das Gesicht der oberösterreichischen Grünen.

Bio und "flexitarisch"

Der Italien-Fan ist ein leidenschaftlicher Hobby-Gärtner, liest und kocht gerne - am liebsten bio und "flexitarisch", also fleischarm. Ausgleich findet er beim Laufen oder bei Spaziergängen. Privat ist er mit einer Journalistin und Autorin liiert. Das Paar hat einen Hund und mehrere Katzen. Nach seinem Rücktritt wird er sich wieder dem Schreiben widmen, er kündigte einen Roman an.

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