Interview von

Mit 40 in Pension:
Geht das?

Paar © Bild: iStockphoto.com/Abel Mitjà Varela

Mit 31 hat Florian Wagner seinen gut bezahlten Job an den Nagel gehängt, um als Frugalist zu leben - und mit 40 in Pension zu gehen. Sein Ziel: möglichst früh im Leben finanziell unabhängig zu sein -mit Sparen, aber nicht durch Verzicht.

Herr Wagner, Sie sind 32. Wann gehen Sie in Rente?

Es gibt die gesetzliche Rente, und es gibt die Möglichkeit, rein aus Kapitalerträgen zu leben. Was Letzteres betrifft, habe ich 40 als Ziel. Ich weiß nicht, wann das klappt - ob mit 40 oder früher. Das ist auch gar nicht so wichtig, weil ich schon jetzt den Prozess genieße. Rente heißt ja nicht, die Füße hochlegen. Ich werde mein ganzes Leben aktiv sein und arbeiten. Aber ich will das nach meinen Regeln tun und selbst bestimmen, wann und wie.

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Aber ihr Buch heißt "Rente mit 40". Das ist also nicht in Stein gemeißelt?

Nein. Es war mir wichtig, 14 Beispiele von Personen zubringen, die wirklich mit 40 oder früher finanziell unabhängig waren. Manche haben daraufhin den Job gekündigt, andere arbeiten weiter oder haben Stunden reduziert. Aber eigentlich ist diese Zahl völlig irrelevant. Für den Geringverdiener ist es nicht realistisch, so viel Geld anzusparen, um mit 40 in Rente zu gehen. Aber für ihn kann finanzielle Unabhängigkeit bedeuten, weniger schlaflose Nächte zu haben, weil die Waschmaschine kaputt gegangen ist.

Wieso denkt man mit Anfang 30 schon über ein Leben in Rente mit 40 nach?

Ich habe vier Jahre als Ingenieur in der Automobilindustrie gearbeitet -letztes Jahr habe ich gekündigt, weil es mir gegen Ende nicht mehr so viel Freude bereitet hat. Der Puffer, den ich angespart hatte, hat mir den Mut gegeben, ohne Zukunftsplan zu kündigen und dann in aller Ruhe zu überlegen, Dinge auszuprobieren, ohne gleich wieder auf Geld angewiesen zu sein. Geld rückt in den Hintergrund, je besser man damit umgehen kann. Ich habe mich mehr auf meinen Finanzblog konzentriert, das Buch geschrieben und bin nebenher selbstständig. Ich arbeite mehr als davor, aber es fühlt sich weniger wie Arbeit an, weil es mir einfach mehr Freude macht.

© Christel Harnisch Florian Wagner

Wie spart man sich in vier Jahren 140.000 Euro an, ohne sich einzuschränken?

Das ist auf mein Ingenieursgehalt zurückzuführen, das überdurchschnittlich war. Nach der ersten Gehaltserhöhung habe ich gedacht - toll, jetzt kann ich mehr Geld für Essen ausgeben. Dann kam die nächste Gehaltserhöhung - also konnte ich noch mehr Geld ausgeben. Aber nur weil ich mehr Geld verdiene, muss ich nicht automatisch mehr ausgeben. Ab dem Zeitpunkt habe ich mein Einkommen komplett von meinen Ausgaben entkoppelt. Und ich habe mir einen Überblick über meine Ausgaben verschafft: wofür verwende ich mein Geld? Plötzlich fiel es mir ganz leicht, unnötige Dinge zu streichen. Und zwar nicht Dinge, die mir Freude bringen. Sondern Dinge, die ich eh reduzieren wollte - wie ungesunde Pizza essen. Wenn ich das nur noch einmal im Monat mache, ist das besser für meine Gesundheit, und als Nebeneffekt spare ich Geld.

So kam es automatisch, dass ich monatlich Überschüsse angehäuft habe. Wie lange reicht Ihr Polster?

Ich kann mit dem Geld theoretisch meinen Lebensstandard für etwa sieben Jahre finanzieren, ohne etwas hinzuzuverdienen. Wer mehr Geld für ein zufriedenes Leben braucht, kommt mit 140.000 Euro nur ein oder zwei Jahre weit.

Wie hoch war Ihre Sparquote?

Im angestellten Ingenieursjob 62 Prozent. Bei einem Nettoeinkommen mit Dividendenerträgen und Zuschlägen von 3.600 Euro konnte ich monatlich zirka 2.300 Euro sparen. Für eine Geringverdiener ist eine Sparquote von 50 oder 60 Prozent nicht realistisch. Der Durchschnitt spart zehn Prozent. Oft hilft es bereits, sich einen Überblick über seine Ausgaben zu verschaffen. Wer dann seine Gewohnheiten in Bezug auf Lebensfreude hinterfragt, kann seine Sparquote schnell auf 20 Prozent oder mehr erhöhen.

Leute wie Sie nennt man Frugalisten. Sie möchten ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen, ohne den Zwängen einer Erwerbsarbeit unterworfen zu sein. Es geht nicht um Geldanhäufung, sondern um Lebensfreudemaximierung. Können Sie das erklären?

Es fallen immer zwei Schlagworte: Sparen und Genügsamkeit. Es gibt das Vorurteil, dass wir uns im hier und heute einschränken, knausrig und geizig sind. Das ist völlig falsch. Hinter der frugalistischen Idee ist vielmehr die Idee nach einem bestmöglichen Leben - wie auch immer das individuell aussieht. Geld ist dabei ein wichtiger Faktor. Wenn es zu wenig ist, habe ich Sorgen oder fühle mich eingeschränkt. Wenn es zur Genüge da ist, erlaubt es mir Freiheiten. Ich würde nicht auf etwas verzichten -den Hamburger zum Beispiel auf den ich gerade Lust habe -, nur um später mal viel Geld zu haben. Ich versuche vielmehr, Dinge einzuschränken, die sowieso nicht gut für mich sind. Anstatt für 30 Euro mit der Gondel den Berg raufzufahren, kann ich hochwandern, und es ist gesünder. Aber ich mache das nicht, weil ich sparen will, sondern weil es ein tollerer Tag wird, wenn ich hochwandere. Der Nebeneffekt ist, dass ich mehr Geld investieren kann.

Sie haben für Ihr Buch zahlreiche Frugalisten getroffen. Wie ticken die?

Sie wissen, was sie glücklich macht, und haben ihre Ausgaben dementsprechend ausgerichtet. Leute, die zufrieden und glücklich in ihrem Leben sind, für die habe ich keine Tipps. Aber jene, die unzufrieden sind, sollten ihr Leben hinterfragen: Was macht mir Freude? Welche Ausgaben machen mich glücklich? Weiß ich, wie viel Geld ich ausgebe und wofür? Erst wer den Überblick über seine Finanzen hat, kann bewusst Entscheidungen treffen. Wenn ich weiß, dass ich 400 Euro im Monat für Klamotten ausgebe, kann ich entscheiden: Ja, das ist es mir wert, das macht mich glücklich. Oder: Nein, ich reduziere das mal auf die Hälfte.

An welchem Punkt verlieren die meisten den Überblick?

Miete, Telefon, Gehalt -diese Zahlen hat jeder parat. Schwierig wird es bei Essen, Trinken, Freizeit. Da weiß man es nicht so genau. Statt ein Haushaltsbuch zu führen, kann man den Bargeldtrick nutzen. Den Schätzwert, den ich glaube, monatlich für Essen, Trinken Freizeit auszugeben, hebe ich ab und bestreite davon einen Monat lang alle Ausgaben in dieser Kategorie. Nach zwei Monaten haben Sie einen genauen Wert.

Sie raten auch dazu, vor größeren Anschaffungen 30 Tage zu warten ...

Das müssen nicht 30 Tage sein. Aber heute ist das Kaufen so einfach geworden. Ich drücke beim Handy auf "Kaufen", und zack ist das Produkt da. Mit dem 30-Tage-Trick kann ich Impulskäufe vermeiden.

Und was hat es mit dem Latte-Faktor auf sich?

Unsere täglichen Gewohnheiten sind ein mächtiger Faktor. Wenn ich mir angewöhnt habe, jeden Tag beim Bäcker einen Caffè Latte zu kaufen, dann geht das unter, weil es sind ja kleine Beträge. Wer seine Gewohnheiten auf den Prüfstand stellen möchte, kann die 752-Regel als Faustformel nutzen: Eine wöchentliche Ausgabe wird mit 752 multipliziert, und man erhält den Vermögenswert, der sich bei zehn Jahren Anlagezeit und sieben Prozent Rendite pro Jahr ergibt. Für monatliche Ausgaben wird der Betrag mit 173 multipliziert.

Rendite heißt aber auch, dass ich um Fonds und dergleichen nicht herumkomme.

Ein erster Schritt ist es, sich einen Notgroschen anzusparen. Das ist ganz individuell -drei bis fünf Monatsausgaben müssen immer schnell verfügbar sein. Bei mir sind das 5.000, 6.000 Euro, die ich immer haben will, um mich wohlzufühlen und für ungeplante Dinge. Was das weitere Geld betrifft, ist es nicht vernünftig, wenn ich das nur aus Unwissenheit oder Angst auf dem Sparbuch liegen lasse. Der Großteil sollte besser investiert sein, als nur auf dem Sparbuch durch Inflation weniger zu werden. Ja, Rendite gibt es immer nur mit Risiko. Die Vergangenheit hat gezeigt, wer zwölf Jahre oder länger seine Aktien gehalten hat, ist immer mit einer positiven Rendite von sieben Prozent im Durchschnitt ausgestiegen.

»Geizige Menschen schauen, ob es mit einer Glühbirne weniger nicht auch geht«

Wie viele Glühbirnen brennen eigentlich über Ihrem Esstisch?

Das Beispiel mit den Glühbirnen bringen viele. Geizige Menschen haben ein Verlustdenken. Die wollen das, was sie haben, für sich behalten. Sie schauen, ob es mit einer Glühbirne weniger nicht auch geht. Sparsamkeit, so wie ich sie definiere, ist das komplette Gegenteil. Wir wissen aus der Glücksforschung, was uns glücklich macht, nämlich soziale Beziehungen und eine erfüllende Tätigkeit. Frugalisten haben für sich herausgefunden, welche Art von Ausgaben sie glücklich machen. Daher müssen sie auch viel weniger Geld ausgeben, um diese Freude zu erreichen. Das Geld, das übrig bleibt, können sie investieren. Ich spende beispielsweise die Bucherlöse für die Vorbestellungen an eine Schule in Argentinien. Das macht mir mehr Freude, als wenn ich noch eine viel größere Zahl auf dem Konto sehe. Der Geizige würde das nie tun, der lebt immer in seiner unsozialen kleinen Blase.

Sie denken sehr wenig über Geld nach. Bei anderen kreist sich alles um das Thema - was habe ich, was der andere ...

Ja - und das macht unglücklich. Reich fühlt man sich immer nur im Vergleich mit anderen. Aber der Vergleich führt nie zu Lebensfreude. Ganz anders die frugalistische Idee, die sich auf Lebensfreude und die Frage konzentriert: Was brauche ich? Ich bin da ganz liberal. Wenn sich jemand einen Porsche kauft und jeden Tag Freude mit diesem Auto hat, dann kann er sich nach meiner Definition auch als Frugalist bezeichnen. Wenn er aber den Porsche zu Hause stehen hat, um aus Unsicherheit dem Nachbarn zu imponieren, dann ist das überhaupt nicht frugalistisch. Viele wollen durch noch mehr Anschaffungen mit ihrem Leben prahlen. Das ist eine sehr ineffiziente und eine sehr teure Art, Lebensfreude zu gewinnen.

»Die größte Angst der Leute ist, dass sie sich nichts mehr gönnen können«

Sparen hat also nichts mit Einschränkung zu tun. Wie viele schauen Sie schief an, wenn sie das sagen?

Jeder. Beim Wort Sparen zucken alle zusammen: Ich darf irgendetwas nicht. Die Leute denken, wer viel spart, verzichtet und lebt im Hier und Heute nicht richtig, nur um es später toll zu haben. Das ist ein großes Missverständnis. Ich muss mir ganz sicher nicht sagen: "Hätte ich mal mehr gelebt " Ich gebe so viel aus, wie ich es für optimal halte. Ich gönne mir das, was ich möchte - aber immer bewusst. Ich stelle mir immer die Frage: Wo ziehe ich Freude raus und wo nicht. Ich lebe heute zufriedener als noch vor ein paar Jahren, als ich mehr Geld ausgegeben habe. Die größte Angst der Leute ist, dass sie sich nichts mehr gönnen können. Zweites Vorurteil: Rente mit 40 -da wäre mir ja total langweilig. Dabei heißt finanzielle Unabhängigkeit ja überhaupt nicht, dass die Leute ihren Job schmeißen müssen. Aber sie haben eine zusätzliche Option, weil sie nicht mehr oder weniger auf ein Einkommen angewiesen sind. Sie haben das Geld, das ihre Lebenskosten trägt. Manche der Frugalisten in meinem Buch haben nach dem Erreichen der finanziellen Unabhängigkeit normal in ihrem Job weitergearbeitet, andere haben die Stunden reduziert oder sind in ein ganz anderes Feld gewechselt. Aber sie sind sicher nicht auf der Couch gelegen und waren aufgrund ihrer finanziellen Sicherheit passiv.

Wie schafft man es, sein mühsam verdientes Geld für die Dinge zu nutzen, die wirklich glücklich machen? Das Buch von Florian Wagner "Rente mit 40"(Econ Verlag) finden Sie hier.*

ZUR PERSON
Florian Wagner Der 32-jährige Deutsche ist Wirtschaftsingenieur und Privatanleger. Während seiner Zeit als Projektleiter bei einem Automobilkonzern entdeckte er das Konzept des Frugalismus. Er hinterfragte unnötige Ausgaben, investierte seine Überschüsse und hatte nach vier Jahren einen Puffer von 140.000 Euro angespart. Er kündigte seinen gut bezahlten Job und machte sich als Finanzcoach und Autor selbstständig. Auf seinem Blog www.geldschnurrbart.de informiert er über Wege zur finanziellen Unabhängigkeit.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich in der News Printausgabe Nr. 37/19