"Man stirbt, wenn man nicht neugierig bleibt"

Er hat das Start-up Busuu als Investor und Mentor zum Verkauf um 385 Mio. Euro begleitet. Mit 70 Jahren weiß Hansi Hansmann mehr über die Szene als die meisten Digital Natives. Sein Blick auf die Welt von morgen und Österreichs To-do-Liste als Vater einer kleinen Tochter ist alarmierend kritisch.

von Hansi Hansmann © Bild: Lukas Ilgner/Trend

Seine exquisite Sammlung von Rädern erhält bald wieder Zuwachs. Es ist das Ritual, mit dem Österreichs erfolgreichster Start-up-Finanzierer einen Exit feiert. In der Start-up-Szene steht das Wort Exit für den Verkauf an ein anderes Unternehmen. Jedem Exit sein neues Rad. Um die 7.000 Kilometer im Jahr radelt Hansi Hansmann, um neben Millionendeals den Kopf freizubekommen.

Der eben unglaubliche 70 Jahre alt und Vater gewordene Investor hat Ende November mit dem Verkauf der Sprachlernplattform Busuu um 385 Millionen Euro seinen bislang größten Exit verzeichnet. Zuvor hat er durch Exits der Flohmarkt-App Shpock oder des digitalen Diabetes-Tagebuchs Mysugr gut verdient und mit dem Verkauf der Lauf-App Runtastic an Adidas vor vier Jahren um 220 Millionen Euro für Aufsehen gesorgt.

Neu geboren Dank Busuu

Mit Busuu fällt sein Multiplikator erstmals dreistellig aus, wie er sagt. Der aktuelle Busuu-Exit bedeutet ihm jedoch viel mehr als nur wirtschaftlichen Erfolg. Zum einen lautet Hansmanns Motto sowieso, Geld sei nutzlos, wenn man es nicht verwende. Zum anderen war es die Sprachlern-App der Gründer Bernhard Niesner und Adrian Hilti, die sein Leben nach einer erfolgreichen Unternehmerkarriere als Österreichs Business Angel Nummer eins in neue Bahnen lenkte.

Hansi Hansmann
© privat Hansi Hansmann mit Busuu-Gründer Bernhard Niesner auf einer privaten Rennstrecke in Virginia, USA, 2018

Hansmann war fast 60 Jahre alt und "voller Energie und Tatendrang", als er Niesner in Madrid kennenlernte. Nach einer Karriere in der Pharmabranche in Ö s t e r re i c h, Deutschland, Großbritannien und zuletzt Spanien, einem Management-Buy-out und einem Exit war er auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Kurz vor seiner Rückkehr nach Österreich traf er die Busuu-Gründer und war fasziniert von ihrer Geschäftsidee.

Der erfahrene Manager ging nicht nur mit finanziellen Mitteln an Bord, sondern auch mit Know-how. Was dem Gründerteam beim Aufbau half, entfachte beim Mentor das Feuer für die Start-up-Szene. Busuu, benannt nach einer Sprache Kameruns, die der Legende nach nur noch acht Menschen sprechen, wurde auch für Hansmann zum Lehrstück. Von der Pike auf habe er Start-up gelernt, sagt er. Nach seiner Rückkehr nach Österreich lag es auf der Hand, dass er die hiesige Start-up-Szene suchte und förderte.

Hansmann tat es als Finanzier von Branchenfestivals und vielfach engagierter Business Angel. Der 70-Jährige weiß so mehr über die Branche als die meisten Digital Natives.

Kritik vom Quereinsteiger

Was mit Busuu begann, kulminiert heute in zehn Jahren Insider-Erfahrung, die viel Systemkritik mit sich bringt. Im News-Gespräch findet Johann Hansmann, der in der Szene nur als "Hansi" bekannt ist, klare Worte zu den Aufgaben der Zukunft und wie sie zu meistern sind. Er freut sich, während eingehende Mails am PC klingeln, auf sein nächstes Rad nach dem Busuu-Exit. Während unseres Interviews steckt er in einer weiteren Exit-Verhandlung.

Herr Hansmann, bei Busuu, Runtastic oder anderen Start-ups: Was leistet ein Business Angel konkret, außer Geld beizusteuern?
Bei jedem Start-up-Geschäftsmodell geht es um eine Problemlösung. Da sind Gründer, hochausgebildete junge Leute mit Energiepotenzial, die eine Vision haben und ein Problem lösen wollen. Sie sehen das Geschäftsmodell. Sie haben die Kraft, das durchzuziehen. Sie kennen die Technologie. Aber es fehlt ihnen an Geschäftserfahrung, weil man die erst mit den Jahren bekommt. Wie ist das, wenn man hart verhandeln muss? Wenn man bei einer großen Firma für einen Termin Türklinken putzen muss? Wie kündigt man seinen ersten Mitarbeiter? Das ist eine Belastung für 25-Jährige. Bei diesen Dingen hilft der Business Angel in einer frühen Phase, Fehler zu vermeiden. Die Erfolgswahrscheinlichkeit ist größer, wenn man diese Fehler nicht macht. Zudem war Bernhard Niesner nach dem Ausscheiden von Adrian eine One-Man-Show und ich habe bei Busuu ein bisschen die Rolle des Co-Founders übernommen. Das war etwas ganz Besonderes.

Teamarbeit, Innovation, Technologie. Was ist der Kern Ihrer Start-up-Liebe?
Ich war unheimlich gern Unternehmer. Dabei habe ich gelernt, dass man den Fokus auf eine Sache legen muss, um sie exzellent zu machen. Als Business Angel kann ich an mehreren Unternehmen mitwirken, weil ich nicht operativ verantwortlich bin. Mit jungen Leuten an etwas Neuem zu arbeiten, ist eine unglaubliche Motivation. Selbst wenn es schief geht, will ich dabei gewesen sein, denn dann habe ich viel gelernt. Meine Neugier-Theorie sagt, dass man anfängt, zu sterben, wenn man aufhört, neugierig zu sein -egal, ob mit 70 oder 30 Jahren. Ich glaube, dass es wichtig ist, neugierig zu bleiben. Deshalb habe ich gerade in ein Krypto-Start-up investiert, obwohl ich vor einem Jahr gedacht habe, dass ich mich damit nicht mehr auseinandersetzen muss. Doch. Jetzt lerne ich das.

Start-ups haben oft das Image, dass ein paar Nerds Geld nachgeworfen wird. Welchen Stellenwert haben sie tatsächlich?
Die heutigen Start-ups sind die großen Firmen von morgen. Warum? In Start-ups kann man Dinge ausprobieren, kreativ und innovativ sein, weil niemand Nein sagt. In großen Konzernen entsteht keine Innovation, weil an allen Positionen jemand sitzt, der etwas zu verlieren hat. Die Digitalisierungswelle -und die ist ganz am Anfang - wird alle Prozesse verändern, die man mit Software oder intelligenter Hardware schneller, besser, effizienter machen kann. Das sind praktisch alle Prozesse dieser Wirtschaftswelt. Das bedeutet, dass die meisten Geschäftsmodelle großer Konzerne nicht mehr funktionieren werden. Der Hauptteil der Wirtschaft von morgen sind die Start-ups von heute.

Erklärt das die hohen Summen, um die Start-ups aufgekauft werden?
Die Preise sind gar nicht so hoch. Sie wirken nur so. Wenn ein Start-up, das zehn Millionen Euro Umsatz macht und Verluste schreibt, um 150 Millionen gekauft wird, fragt sich jeder, der außerhalb steht: Sind die irre? Natürlich nicht. Der Konzern, der kauft, sieht die Synergien. Die sind für ihn nicht 150 Millionen wert, sondern 500.

Busuu-Gründer Niesner hat einen Punkt erwähnt, als ihm durch einen Fehler in der Unternehmenskultur fast alles "um die Ohren geflogen wäre". Was war das?
Die Firma ist nach drei Jahren in Madrid mit der Zwölf-Mann-Mannschaft nach London übersiedelt. Dort kamen neue Mitarbeiter dazu, und die führt man anders als Spanier. Zum Beispiel ist die Loyalität in London, wo es eine gigantische Start-up-Szene gibt, ganz anders. Wenn dort einem Entwickler statt 75.000 Pfund Jahresgehalt bei einer anderen Firma 78.000 Pfund geboten werden, ist er morgen weg. Da muss man andere Wege finden, gute Leute zu halten. Und das ähnelt dem Kern meiner seit Jahren geäußerten Kritik an der Entwicklung der österreichischen Start-up-Szene. Wir haben zwar zwei Unicorns (Anm.: Start-up-Unternehmen mit einer Marktbewertung vor Börsengang oder Exit von über einer Milliarde), aber deren Erfolg liegt nicht an unserem System. Wir haben eine furchtbare Entwicklung.

»Wir sind entweder dabei, oder wir werden in Zukunft aus der zweiten Liga in die Dritte absteigen«

Warum braucht Österreich eine Start-up-Szene?
Es geht nicht um die Start-up-Szene, sondern um die Volkswirtschaft. Innovation wird künftig aus Start-ups kommen. In London kommt der überwiegende Teil neuer Arbeitsplätze seit Jahren aus der Startup-Szene. Wenn wir mitreden wollen, wenn wir Probleme lösen wollen, dann werden das Start-ups sein. Wir müssen überlegen, wie wir es schaffen, statt 100 Start-ups 10.000 zu haben, damit nicht fünf erfolgreich werden, sondern 500. Das ist für die Volkswirtschaft wichtig. In Asien passiert diesbezüglich ganz viel, auch in New York, in Boston, im Silicon Valley, in London, in Berlin, in Skandinavien, schwächer auch in Frankreich und Spanien, aber bei uns nicht. Wir sind entweder dabei, oder wir werden in Zukunft aus der zweiten Liga in die Dritte absteigen.

Was würde der Szene in Österreich denn helfen?
In Großbritannien gibt es seit zwölf Jahren zwei Steuer-Incentivierungs-Systeme. Ein Angestellter kann 50.000 Pfund im Jahr, die er in ein Start-up investiert, direkt von der Steuer absetzen, es kostet ihn also nur 25.000 Pfund. Vor drei Jahren wurden so über zwei Milliarden Pfund privates Geld in Start-ups investiert. Dann müsste die Rot-Weiß-Rot-Karte funktionieren. Wenn ein mexikanischer Spezialist in Artificial Intelligence einen Job annimmt und nach fünf Monaten noch immer keine Aufenthalts-und Arbeitsgenehmigung hat, nimmt er ein anderes Angebot an.

Und noch etwas: Start-ups können sich in der frühen Phase keine teuren Mitarbeiter leisten, aber sie brauchen die Besten. Ein Spezialist, der 10.000 Euro im Monat verdienen sollte, kommt nicht für 3.000 Euro. Er kommt aber, wenn er drei Prozent Firmenanteile bekommt. Diese bei Start-ups übliche Incentivierungs-Maßnahme wird in Österreich durch die Steuern, die dafür fällig werden, verunmöglicht. Dabei sind diese Anteile in der Szene unglaublich wichtig. Bei Busuu haben 70 Mitarbeiter jetzt relativ viel Geld bekommen, die mit Anteilen incentiviert worden sind.

Was bedeutet Ihnen die gewaltige Summe, die Sie durch den Busuu-Exit generieren?
Sie ändert gar nichts. Für mich ist es Spielgeld wie Plastikjetons, auch wenn das seltsam klingt. Geld bedeutet, dass ich weiter meine Spiele spielen kann, vielleicht in einem größeren Rahmen.

Ihren ersten Job haben Sie bekommen, nachdem Sie sich in einem Inserat als "junger, dynamischer Managertyp" angepriesen haben. Woher kam damals schon Ihr Selbstbewusstsein?
Ich war selbstbewusst, ja, aber vor allem war ich neugierig, und ich habe immer gerne gespielt. Ich hätte nie -auch nicht in jungen Jahren -einen Job einen Tag länger gemacht, wenn er gegen meine Wertevorstellung gegangen wäre. Wenn jemand einen Deal nicht einhält, bin ich sofort weg.

Dazu gehören auch Risikobereitschaft und Mut.
Risikobewusstsein habe ich immer gehabt. Meine Reserven waren immer genug, um eine Zeit lang überleben zu können, wenn etwas schiefgeht. Es ging immer um meine Werte, die ich nicht verletzt sehen will. Wenn etwas anders läuft als vereinbart, fühle ich mich unwohl. Auch mit Gründern spreche ich so. Sollte es zu einer unangenehmen Situation kommen, muss ich sie noch am selben Abend klären. Ich habe beruflich und auch privat gelernt, dass transparente Kommunikation die Beste ist: Probleme sofort und neutral ansprechen und versuchen, zu lösen. Nicht morgen. Heute. Wenn herauskommt, dass man unterschiedliche Standpunkte hat, muss man die Konsequenzen ziehen.

Sie mögen schnelle Entscheidungen. Die Interview-Anfrage haben Sie binnen Stunden beantwortet. Einer Ihrer Erfolgsschlüssel?
Das liegt an der Art, wie ich arbeite. Bis vor drei Jahren war ich eine One-Man-Show und habe alle 50 Start-ups rund um die Uhr alleine betreut. Das geht nur mit vollem Fokus auf eine Sache. Dann wird entschieden, und auf zum nächsten Thema. Wenn ich eine Entscheidung aufschiebe, muss ich mich ein zweites Mal damit befassen.

Hansi Hansmann
© privat Hansmann 2014 beim Titan Desert Mountainbike Race: 730 Kilometer in sechs Tagen durch Marokko

Was macht Ihnen abseits von Zahlen Spaß? In der Freizeit?
Dazu muss ich sagen, dass ich ja nicht arbeite. Ich mache Dinge, die mir Spaß machen. Wenn man tut, was Spaß macht, kann man unendlich viel davon tun. Sonst fahre ich sehr viel Rad. Vor allem der Lockdown war praktisch für mich und meine junge Familie, weil ich den ganzen Tag zu Hause war und wunderbar alles von zu Hause machen konnte. Seit Kurzem bin ich im Arbeitszimmer, früher habe ich auf der Wohnzimmercouch gearbeitet mit PC, Telefon, Kopfhörern. Seit ich eine kleine Tochter habe, die über mich drüberklettert, geht das nicht mehr.

»Ich bin davon überzeugt, dass mehr Frauen in Führungspositionen gut für die Welt wären«

Denken Sie darüber nach, in welcher Welt ihre kleine Tochter aufwachsen wird?
Natürlich, und es beeinflusst mich. In welcher Welt will ich, dass meine Tochter in 20,30, 40 Jahren lebt? Ich will, dass sie die Natur genießen kann und dass sie als Frau machen kann, was sie möchte, ohne dass Männer es verhindern. Das sind genau die Dinge, in die ich auch investiere. Klimaschutz und Gender Equality sind Bereiche, in denen ich mich jetzt engagiere. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass mehr Frauen in Führungspositionen gut für die Welt wären. Ich spreche aus persönlicher Erfahrung. Frauen haben mehr emotionale Intelligenz, sie sorgen sich mehr um die Welt als Männer. Die Zeit, in der alte, weiße Männer die Zukunft bestimmen, sollte vorbei sein.

Wenn demnächst ein neues Rad den nächsten Exit krönt: Was genau suchen Sie auf Ihren Radtouren?
Das sind intensive Touren, bei denen ich an die Grenze gehe. Ich habe ja eine Himalaya- Überquerung und eine Wüstenquerung mit dem Rad hinter mir. Ich muss auch am Rad merken: Wie weit kann ich gehen, und wo geht es nicht mehr weiter?