Die Enthüllungen über das globale Pädophilie- und Missbrauchsnetzwerk, das Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell am Laufen hielten, schockiert die Welt und fasziniert sie auch auf gewisse Weise. Es ist ein Phänomen der Dekadenz und es hat revolutionäres Potenzial.
Wenn in der Welt und in unserem Leben Dinge passieren, von denen wir noch vor kurzer Zeit nicht geglaubt hätten, dass sie überhaupt je passieren können, stachelt das oft unseren Ehrgeiz an, sie besonders gut zu verstehen. Das hingegen, was jeden Tag um uns und mit uns passiert, scheint dieser Mühe nicht wert. Dabei glaube ich, dass jemand, der sich die Mühe macht, das Gewöhnliche im Sinn unseres alltäglichen Tuns und des Verhaltens der Menschen zu verstehen, sich auch mit dem Verständnis des Ungewöhnlichen leichter tut. Das Ungewöhnliche ist nämlich oft genug nichts anderes als das auf monströse Weise vergrößerte Gewöhnliche.
Was uns unglaublich erscheint, unterscheidet sich in der Substanz gar nicht so sehr von dem, was wir täglich erleben, aber wir kommen selten in die Lage, es von außen und im Ganzen zu sehen, weil wir weder Gott sind noch Edward Snowden. Das ist einer der Gründe dafür, dass uns die Dauerausstellung des Weitgeistes in der großen Halle des Internets in regelmäßigen Abständen aus den Socken haut: Evolutionär sind wir offensichtlich nicht dafür gemacht, aus dem Weltraum auf die Erde zu schauen, und seit wir so tun können, als ob, haben wir ein Problem.
120 Tage von Sodom
Als ich kürzlich eines der vielen Gespräche über die allgegenwärtigen „Epstein-Files“ führte, die vorige Woche vom amerikanischen Justizministerium publiziert wurden – drei Millionen Dokumente, nicht übel geordnet und mit einer passablen Suchfunktion ausgestattet –, sagte ein Gesprächspartner: Eigentlich handelt es sich bei dem globalen Netzwerk von Mächtigen, Reichen und Berühmten, das Jeffrey Epstein und seine Partnerin Ghislaine Maxwell im Auftrag von wem auch immer (die einen sagen Mossad, die anderen KGB) betrieben, um ein unvorstellbares Geschehen. Das stimmt vermutlich in dem Sinn, dass niemand, der nicht dabei war, sich vorstellen kann, wie es war, und kaum jemand, der dabei war, einen Überblick darüber gehabt haben wird, was geschah, wenn er nicht dabei war.
Interessanterweise meinen wir, wenn wir etwas „unvorstellbar“ nennen, damit in der Regel zumindest zwei Dinge: erstens, dass etwas so fremd, so groß oder so kompliziert ist, dass wir es mit den Erfahrungen und Gedanken, die uns als Hintergrundfolie zur Verfügung stehen, nicht einordnen und verarbeiten können. Zweitens aber, dass es unsere Moralvorstellungen überschreitet.
Was wir uns vorstellen können und was in der Welt passiert, hat wenig miteinander zu tun
„Unvorstellbar“ als moralische Beschreibung eines Geschehens will sagen, dass wir uns uns selbst als Akteure dieses Geschehens nicht vorstellen können, weil das Geschehen von einer moralischen Verderbtheit gekennzeichnet ist, die wir für uns selbst ausschließen. An dieser Stelle wäre eigentlich Vorsicht angebracht, denn es hat sich für den einen oder die andere von uns möglicherweise schon gezeigt, dass die Tatsache, dass wir etwas für „unvorstellbar“ im moralischen Sinn gehalten haben, nicht bedeutet, dass es dann nicht passiert wäre. Was wir uns vorstellen können und was in der Welt passiert, hat wenig miteinander zu tun.
Die datenunterstützte Gesamtschau auf ein Geschehen wie das globale Pädophilie- und Missbrauchsnetzwerk von Epstein und Maxwell ist eine sehr neue Möglichkeit der menschlichen Beobachtung, die früher eigentlich nur der literarischen Fantasie vorbehalten war. Das ist vermutlich der Grund dafür, dass mein Gesprächspartner meinte, dieses „Unvorstellbare“, das den moralischen Totalschaden der globalen Eliten anzeigt, könne man sich eigentlich nur mit de Sades Roman „Die 120 Tage von Sodom“ erklären, der am Vorabend der französischen Revolution veröffentlicht wurde. Die dort geschilderten, teils durch die Autobiografie des wohlstandsverwahrlosten Autors unterlegten Ausschweifungen und Grausamkeiten, seien ebenso als Phänomen der brutalisierten Dekadenz zu interpretieren wie das, was wir in den „Epstein-Files“ lesen können. De Sades Versuch, seine literarischen Fantasien durch eine libertäre Philosophie zu unterlegen, die dem Bösen den Vorrang einräumt, erinnert vielleicht nicht ganz zufällig an einige Aspekte des Post- und Transhumanismus, den manche Repräsentanten der globalen Tech-Elite als Antrieb ihres Handelns präsentieren.
Dekadenz-Befunde gab es immer, und nicht selten waren sie eine anschlussfähige Version des Neids: Wenn man sieht, wie üppig sich eine kleine Gruppe an allem bedient, was die Welt an Luxus und Vergnügungen zu bieten hat, ist es naheliegend, sich das eigene Nichtteilnehmen daran mit moralischer Überlegenheit zu erklären. Man ist lieber zu gut für etwas als zu wenig erfolgreich. Aber was im Epstein-Netzwerk passiert ist, hat revolutionäres Potenzial: Wenn es nicht lücken- und rücksichtslos aufgeklärt wird und rechtliche Konsequenzen hat, wird der Zorn der Massen schwer zu kontrollieren sein. Wir leben tatsächlich in einer Phase der Dekadenz, politische Selbstverständlichkeiten lösen sich auf, das Primitive setzt sich durch, der Prozess der Zivilisation scheint sich umzukehren, das Unvorstellbare geschieht, und zwar auf allen Ebenen. Wir sollten uns warm anziehen: Es könnte die Hölle werden.
Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: redaktion@news.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 07/2026 erschienen.







