16,8 Milliarden Dollar für die erste Phase, bis zu 119 Milliarden insgesamt: Musks Chipprojekt nimmt in Grimes County konkrete Formen an.
Elon Musk will die nächste strategische Abhängigkeit seiner Unternehmen selbst beseitigen: die Versorgung mit Hochleistungschips für Künstliche Intelligenz (KI). In Grimes County im US Bundesstaat Texas sollen Tesla und SpaceX deshalb mit Terafab einen Halbleiterkomplex errichten, dessen Dimensionen selbst für die kapitalintensive Chipindustrie außergewöhnlich wären.
Seit dem 6. August 2026 steht der Standort offiziell fest. Für die erste Ausbaustufe nennen SpaceX und die texanische Regierung inzwischen eine Investition von mehr als 16,8 Milliarden Dollar und mindestens 3.000 neue Arbeitsplätze. Bei einem vollständigen Ausbau könnte das Projekt nach früheren Behördenunterlagen allerdings bis zu 119 Milliarden Dollar verschlingen
Terafab soll Musks Abhängigkeit von Chipherstellern verringern
Hinter Terafab steckt weit mehr als Teslas Bedarf an Prozessoren für Autos. Musk versucht, seine Unternehmen technologisch immer enger miteinander zu verzahnen. Tesla benötigt Rechenchips für autonom fahrende Cybercabs und den humanoiden Roboter Optimus. SpaceX wiederum plant Rechenzentren im All, während die KI Aktivitäten von xAI inzwischen ebenfalls unter dem Dach von SpaceX gebündelt sind.
Terafab soll deshalb Logikchips, Speicher und sogenanntes Advanced Packaging möglichst an einem Standort zusammenführen. Normalerweise werden einzelne Produktionsschritte innerhalb einer globalen Lieferkette von unterschiedlichen Spezialisten übernommen. SpaceX beschreibt das Konzept als vertikal integrierte Halbleiterfabrik.
Der entscheidende Punkt aus Musks Sicht ist die erwartete Nachfrage. Tesla und SpaceX rechnen nach eigenen Angaben langfristig mit einem Bedarf von mehr als einem Terawatt Rechenleistung. Terafab soll im Endausbau Chips mit einer Kapazität von mehr als einem Terawatt pro Jahr produzieren. Musk argumentiert, bestehende Produzenten könnten diesen Bedarf selbst bei starkem Ausbau ihrer Fabriken nicht decken.
Allerdings ist diese Kennzahl mit Vorsicht zu lesen. Ein Terawatt beschreibt hier nicht den Stromverbrauch der Terafab Fabrik, sondern die elektrische Leistungsdimension der jährlich produzierten Rechenhardware. SpaceX veröffentlicht bislang keine entsprechende Zielgröße für Wafer, einzelne Prozessoren oder Rechenoperationen pro Sekunde. Ein direkter Vergleich mit klassischen Produktionsangaben von Taiwan Semiconductor Manufacturing Company, Samsung Electronics oder Intel ist deshalb kaum möglich.
Terafab in Zahlen
16,8 Milliarden Dollar: angekündigte Investition für die erste Phase
bis zu 119 Milliarden Dollar: mögliches Investitionsvolumen bei vollständigem Ausbau laut Behördenunterlagen
mehr als 100 Millionen Quadratfuß: geplante Produktionsfläche, rund 9,3 Millionen Quadratmeter
mehr als 1 Terawatt pro Jahr: langfristiges Produktionsziel für Rechenhardware
mindestens 3.000 Arbeitsplätze: aktuelle Zusage gegenüber dem Bundesstaat Texas
mehr als 22.000 Acres: Größe der ausgewiesenen Reinvestitionszone, rund 89 Quadratkilometer, nicht identisch mit der bebauten Fläche
30 Millionen Dollar: Zuschuss aus dem Texas Enterprise Fund
Terafab
© X.com/niccruzpataneTerafab startet mit 16,8 Milliarden Dollar Investition
Bemerkenswert ist, wie stark sich die öffentlich genannten Investitionssummen innerhalb weniger Monate verändert haben. In einer offiziellen Bekanntmachung von Grimes County hieß es im Frühjahr noch, die ersten Ausbaustufen würden 55 Milliarden Dollar kosten. Für alle vorgesehenen Phasen wurden 119 Milliarden Dollar genannt.
Unterlagen für das texanische Förderprogramm Jobs, Energy, Technology and Innovation, kurz JETI, beschreiben vier Projektphasen. Lokale Dokumente gingen von Bauarbeiten zwischen 2026 und 2036 und insgesamt mehr als 4.200 direkten Stellen über alle eingereichten Projektteile hinweg aus.
Seit August nennen SpaceX und der texanische Gouverneur Greg Abbott dagegen 16,8 Milliarden Dollar für die nun offiziell angekündigte erste Phase. Warum die Summe gegenüber den früheren Angaben zu den ersten Ausbaustufen deutlich geringer ausfällt, haben die Unternehmen bislang nicht detailliert erklärt.
Bis zu 119 Milliarden Dollar könnten in Terafab fließen
Die 119 Milliarden Dollar bleiben als mögliches Gesamtvolumen in den früheren Förderunterlagen bestehen. Damit ist wichtig zu unterscheiden: 16,8 Milliarden Dollar sind derzeit die konkrete offizielle Zahl für die erste Phase. 119 Milliarden Dollar sind eine langfristige Projektion und keine bereits beschlossene Investition.
Ob die späteren Ausbaustufen tatsächlich umgesetzt werden, hängt unter anderem von der Nachfrage nach KI Hardware, der Entwicklung von Tesla, SpaceX und xAI sowie von der Verfügbarkeit modernster Fertigungsanlagen ab. Gerade bei einem Projekt dieser Größenordnung können zwischen frühen Förderunterlagen und dem später tatsächlich investierten Kapital erhebliche Unterschiede entstehen.
Terafab soll 9,3 Millionen Quadratmeter Produktionsfläche erreichen
Auch die angepeilte Fläche gehört zu Musks spektakulärsten Versprechen. Auf der Terafab Webseite wird eine Produktionsfläche von 100 Millionen Quadratfuß genannt. Das entspricht rund 9,3 Millionen Quadratmetern. Tesla gibt für seine Gigafactory Texas zum Vergleich etwa ein Zehntel dieser Fläche an.
Davon zu unterscheiden ist die mehr als 22.000 Acres große Reinvestitionszone rund um das Gibbons Creek Reservoir, die Grimes County für das Projekt ausgewiesen hat. Das sind rund 89 Quadratkilometer. Nicht die gesamte Fläche soll bebaut werden. Die Zone umfasst auch den knapp 4.000 Acres großen Stausee und weitere Grundstücke rund um den geplanten Industriekomplex.
Der Standort liegt östlich von College Station auf dem Gelände eines früheren Energiekomplexes. Genau das ist für eine Chipfabrik von Bedeutung, denn moderne Halbleiterproduktion benötigt neben enormen Kapitalinvestitionen vor allem Strom, Wasser, Chemikalien und industrielle Infrastruktur.
Eigene Kraftwerke sollen Terafab mit Energie versorgen
Aus den Vereinbarungen mit Grimes County geht ein ungewöhnliches Detail hervor. SpaceX soll den Industriekomplex nach den bisherigen Planungen nicht an das Netz des Electric Reliability Council of Texas, kurz ERCOT, anschließen. Vorgesehen sind eigene Kraftwerke auf Erdgasbasis sowie eigene Umspannwerke und Energieanlagen. Eine veröffentlichte verbindliche Gesamtleistung dieser Kraftwerke liegt bislang nicht vor.
Auch beim Wasser setzt SpaceX auf vorhandene Infrastruktur. Für industrielle Prozesse soll Wasser aus dem Gibbons Creek Reservoir genutzt werden und nicht regulär aus lokalen Grundwasserreserven. Vorgesehen sind außerdem eigene Anlagen zur Aufbereitung von Abwasser sowie zur Wiederverwendung von Wasser. SpaceX bekräftigte diese Pläne bei der Standortbekanntgabe erneut.
Wie hoch der tatsächliche Wasserbedarf bei vollständigem Ausbau sein wird, ist öffentlich noch nicht belastbar ausgewiesen. Gerade diese Zahl dürfte für die Anwohner entscheidend werden, denn eine Fabrik mit den von Musk genannten Dimensionen wäre mit bestehenden Halbleiterwerken nur eingeschränkt vergleichbar.
Intel soll Technologie und Chip Know how für Terafab liefern
Der vielleicht wichtigste externe Partner ist Intel. Der amerikanische Halbleiterkonzern schloss sich Terafab im April an und soll Expertise bei Chipdesign, Fertigung und Packaging einbringen. Musk erklärte zudem, dass Terafab Intels kommende 14A Fertigungstechnologie einsetzen solle. Wie die konkrete Arbeitsteilung zwischen Intel, Tesla und SpaceX aussehen wird, ist jedoch weiterhin offen.
Das ist keine Nebensächlichkeit. Hochmoderne Halbleiterfertigung lässt sich nicht allein mit Kapital skalieren. Die Produktion erfordert Lithografiesysteme, Spezialchemikalien, hochkomplexe Fertigungsprozesse und vor allem jahrelange Erfahrung beim Erreichen akzeptabler Ausbeuten. Genau darin liegt einer der größten Unterschiede zwischen dem Bau einer Auto Gigafactory und einer Chipfabrik.
Selbst Intel plant für zwei neue führende Halbleiterfabriken in Ohio mehr als 28 Milliarden Dollar. Samsung Electronics wiederum will in Texas mehr als 37 Milliarden Dollar in zwei moderne Logikfabriken, Forschung sowie den Ausbau bestehender Anlagen investieren. Diese Größenordnungen zeigen, dass selbst Musks aktuelle 16,8 Milliarden Dollar erst einen Einstieg darstellen würden.
Texas unterstützt Terafab mit Geld und Steuererleichterungen
Texas konkurriert aggressiv um Halbleiterinvestitionen. Für Terafab hat Gouverneur Abbott einen Zuschuss von 30 Millionen Dollar aus dem Texas Enterprise Fund zugesagt. Hinzu kommen umfangreiche Steuererleichterungen auf kommunaler Ebene.
Besonders groß ist das Paket der Schulbezirke Anderson Shiro Consolidated Independent School District und Iola Independent School District. Nach Berechnungen des Texas Comptroller of Public Accounts könnten die vereinbarten Begrenzungen der steuerpflichtigen Werte SpaceX bis 2046 zusammengenommen rund 1,66 Milliarden Dollar ersparen. Die genaue Summe hängt vom tatsächlichen Ausbau und von zukünftigen Steuersätzen ab.
Auch Grimes County gewährt erhebliche Vergünstigungen. Für qualifizierte Gebäude und Anlagen sieht die Vereinbarung von 2027 bis 2036 eine hundertprozentige Befreiung von der regulären County Property Tax vor. SpaceX zahlt dafür zunächst zehn Millionen Dollar.
Nach Ablauf der ersten Phase gelten weitere Sonderregeln. Bis 2061 sollen regulär erhobene County Steuern oberhalb von 20 Millionen Dollar pro Jahr über Wirtschaftsförderungszahlungen wieder an SpaceX zurückfließen.
Der Vertrag enthält allerdings deutlich niedrigere Mindestanforderungen als Musks große Ankündigungen. SpaceX muss laut den im Juni veröffentlichten Dokumenten bis 2030 mindestens fünf Milliarden Dollar investieren und bis 2035 rund 1.800 Arbeitsplätze schaffen. Die höheren Zahlen von 16,8 Milliarden Dollar und mindestens 3.000 Jobs sind damit politische und unternehmerische Zusagen und nicht identisch mit den niedrigsten vertraglichen Schwellen.
In Grimes County wächst der Widerstand gegen Terafab
Für das ländlich geprägte Grimes County wäre Terafab ein Strukturbruch. Befürworter erwarten neue Arbeitsplätze, Zulieferer und Infrastruktur. Kritiker sorgen sich dagegen um Verkehr, Wohnkosten, Landwirtschaft, Wasserverbrauch und mögliche Umweltbelastungen.
Fast 900 Einwohner unterstützten zuletzt eine Petition, die unter anderem stärkere Kontrollen, mehr Transparenz und verbindliche Schutzmaßnahmen für Land, Wasser und Anwohner verlangt. SpaceX hat zugesagt, eine eigene Abwasserbehandlung zu errichten, Wasser wiederzuverwenden und Umweltvorschriften einzuhalten.
Die Diskussion dürfte Terafab begleiten. Schon die ausgewiesene Projektzone ist gemessen an der heutigen Wirtschaftsstruktur des Countys gewaltig. Zum Vergleich: Grimes County rechnete für 2026 mit etwas mehr als 26,5 Millionen Dollar an gesamten Grundsteuereinnahmen. SpaceX soll während der langfristigen Vereinbarung allein bis zu 20 Millionen Dollar pro Jahr an County Zahlungen leisten.
Terafab ist Teil der neuen US Halbleiterstrategie
Terafab passt in einen größeren politischen Trend. Der CHIPS and Science Act von 2022 stellte auf Bundesebene insgesamt 52,7 Milliarden Dollar bereit, um Halbleiterproduktion, Forschung und Lieferketten in den Vereinigten Staaten auszubauen. Hintergrund ist die starke Konzentration moderner Chipfertigung in Asien und die strategische Bedeutung von Halbleitern für KI, Verteidigung, Kommunikation und Industrie.
Musk geht allerdings weiter als klassische Subventionsprojekte. Sein Ziel ist nicht nur eine weitere Foundry in den USA. Er will einen wesentlichen Teil der Hardwareversorgung seiner eigenen Unternehmensgruppe kontrollieren, von Tesla Robotern und autonomen Fahrzeugen über xAI bis zu SpaceX Satelliten und möglichen Rechenzentren im Orbit.
Damit würde Terafab in eine Entwicklung passen, in der Rechenleistung selbst zu einer strategischen Ressource wird. Wer genügend Chips für KI Systeme, Robotik und autonome Fahrzeuge produzieren kann, ist weniger abhängig von den begrenzten Kapazitäten externer Halbleiterhersteller.
Ob Musks Terafab Megafabrik Realität wird, ist noch offen
Genau darin liegt sowohl der strategische Reiz als auch das größte Risiko. Terafab funktioniert nur in der von Musk angekündigten Größenordnung, wenn Tesla, SpaceX und xAI tatsächlich einen enormen zusätzlichen Chipbedarf entwickeln und gleichzeitig Fertigungstechnologien, Anlagen und Fachkräfte in bisher nicht erreichtem Tempo verfügbar werden.
Noch ist Terafab deshalb gleichzeitig Industrieprojekt und Versprechen. Der Standort ist beschlossen, Fördervereinbarungen liegen vor und eine erste Investitionssumme ist offiziell genannt. Ob daraus tatsächlich eine 100 Millionen Quadratfuß große Fabrik und irgendwann 119 Milliarden Dollar Gesamtinvestition werden, ist dagegen offen.
Entscheidend werden nun weniger weitere Superlative sein als konkrete Meilensteine: der tatsächliche Baubeginn großer Produktionsmodule, Bestellungen von Fertigungsanlagen, die Energie und Wasserinfrastruktur und schließlich ein belastbarer Termin für die Serienproduktion. Erst dann wird sich zeigen, ob Musk in Texas tatsächlich eine neue Dimension der Chipproduktion schafft oder ob Terafab deutlich kleiner ausfällt als heute angekündigt.
