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Ryanair-Chef O'Leary: „Ich kann nur einfach, billig und erfolgreich“

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Michael O'Leary

©Matt Observe

Michael O'Leary erwartet trotz hoher Spritpreise glorreiche Zeiten fürs Billigfliegen – und zweifelt an der Strategie von Lufthansa-Chef Spohr.

Guten Tag Herr O’Leary, Sie strahlen ja. Warum sind Sie so gut gelaunt?

Michael O’Leary: Warum sollte ich nicht?

Na ja, da wären zum Beispiel der Golfkrieg und die Krise in der Flugbranche, von der alle sprechen.

Das soll mir als Ryanair-Chef die Laune verderben? Im Gegenteil. Wie in bislang jeder Krise läuft es bei uns gerade besonders gut. Wir registrieren eine große Buchungswelle von Kunden, die nach Spanien, Italien, auf die griechischen Inseln wollen. Das sind Urlauber, die ursprünglich geplant haben, über den Golf in ferne Länder zu reisen. Und weil ihnen Lufthansa zu teuer war, haben sie entschieden, dass sie rund um Ostern lieber in Europa bleiben. Wir bekommen also mehr Geschäfte zu höheren Margen als geplant.

Trotz Ölpreisschock?

Wir haben gut 80 Prozent unseres Spritbedarfs abgesichert, ein Jahr im Voraus, zu einem Bruchteil des aktuellen Marktpreises.

Was ist, wenn die Spannungen anhalten und Kerosin teuer bleibt?

Wenn, wenn, wenn. Wenn meine Tante Hoden hätte, wäre sie mein Onkel.

Warum so vulgär?

Ich bin nicht vulgär. Ich bin Ire. Und ich will, dass mich Ihre Leser nicht falsch verstehen. Also: Keiner von uns weiß, was im Iran passieren wird. Aber es ist sehr schwer vorstellbar, dass die USA und Israel das aktuelle Maß an Waffengebrauch und Abnutzung länger als weitere fünf, sechs Wochen aufrechterhalten. Und es ist unklar, wie lange das Regime in Teheran sich verteidigen kann. War das so besser für Sie?

Ja, danke. Aber wenn die Lage so unkalkulierbar ist – wie planen Sie dann Ihr Geschäft?

Ich lasse mich vom Markt leiten. (Öffnet einen Tabletcomputer.) Hier ist mein heutiger Kraftstoffbericht. Brentöl schloss gestern Abend bei 114 Dollar pro Fass, Kerosin bei 180 Dollar. Die Prognose für den Juni liegt bei 160, für September bei 110. Und im nächsten Jahr sind wir wieder bei 86 Dollar pro Fass. Das heißt: Der Markt glaubt, dass bald wieder genug Öl durch die Straße von Hormus kommt und die Preise ziemlich schnell wieder sinken.

Sicher ist nur, dass sich viel ändert. Es wird zum Beispiel mehr Übernahmen geben

Michael O'Leary
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 © Matt Observe

Na ja, „der Markt glaubt“ … Und was heißt ziemlich schnell? Im Herbst?

Ja. Wahrscheinlich sogar früher. Ich bin mir nicht sicher, ob die US-Regierung einen so hohen Ölpreis lange hinnehmen wird, schon mit Blick auf die Zwischenwahlen im Herbst. Deshalb ist alles, was über die nächsten vier oder fünf Wochen hinausgeht, reine Spekulation.

Mit anderen Worten: Sie fliegen auf Sicht – und die Branche mal wieder ins Ungewisse.

Ja. So kann man es sagen. Sicher ist nur, dass sich viel ändert. Es wird zum Beispiel mehr Übernahmen geben. Die Lufthansa hat gerade in Italien die staatliche Airline ITA übernommen.

Was bedeutet das für Sie? Ändert das auch Ihr Geschäft?

Und wie. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat einen Großteil der Inlandsflüge auf Verbindungen nach München und Frankfurt umgestellt. ITA wird ein Zubringer, so wie Austrian aus Österreich oder Brussels aus Belgien. In Italien wird es kein wirkliches Wachstum für ITA geben. Deshalb wird unser Marktanteil in Italien steigen. Und deshalb freuen wir uns, wenn Spohr als Nächstes wohl TAP aus Portugal kauft und wieder das Gleiche macht.

Die Konsolidierung der Branche geht also munter weiter?

Und ob. Der nächste Kandidat ist wohl Wizz Air. Die werden pleitegehen oder noch vor Jahresende übernommen.

Das sagen Sie schon länger.

Das heißt nicht, dass ich falschliege.

Warum hacken Sie immer auf Wizz Air rum – während Wizz-Chef József Váradi gut über Sie spricht?

Das sollte er auch. Ich spreche auch regelmäßig sehr positiv von mir selbst.

Wollen Sie vielleicht auch zukaufen – etwa Norwegian?

Oh nein. Ich habe ein paar Übernahmen versucht. Es ist nervig und teuer. Darum haben wir lieber 300 neue Flugzeuge bestellt. Es ist einfacher, so zu wachsen.

Treibt Sie die Angst vor Zukäufen?

Nein, meine Bescheidenheit treibt mich. Ich bin zu dumm für Zukäufe. Dafür braucht es so kluge Leute wie Carsten Spohr. Ich kann nur einfach, billig und erfolgreich.

Wenn es bei Ryanair so gut läuft, warum verlangen Sie viele Reformen und weniger Umweltabgaben?

Wir hören von der Politik viel Geschwafel, dass Europa wettbewerbsfähig werden muss. Doch die Regierungen tun das Gegenteil. Die größte Strafe für die europäischen Verbraucher ist das Emissionshandelssystem ETS. Damit belasten wir die Fluglinien aus Europa – während die aus Amerika, aus dem Nahen Osten und Asien verschont bleiben. Hinzu kommt, dass ETS einen Urlaub außerhalb Europas prämiert.

Wie bitte?

Na, weil die Abgabe nur auf Reisen in der EU fällig wird. Eine vierköpfige Familie zahlt für einen Urlaub auf den Kanarischen Inseln 120 Euro für ETS-Zertifikate. Fliegt sie nach Marokko, zahlt sie nichts. Zwischen Italien und Albanien beträgt der Unterschied 80 Euro. Das ist absurd. Wer hat dieses dumme System erschaffen? Wahrscheinlich ihr Deutschen, denn das passt gut zu eurem idiotischen Abgabensystem.

Danke, sehr freundlich. Dabei müssten Sie eigentlich jubeln: Unsere Flugsteuern sinken. Bundeskanzler Friedrich Merz hat Wort gehalten.

Sie wollen, dass ich mich aufrege, oder?

Vielleicht.

Na gut. Also ja, eure Regierung ist endlich aufgewacht. Weil eure Grünen keinen Kabinettsitz mehr haben, konntet ihr endlich zugeben: Es war ein Fehler, die Luftfahrtbranche als eine eurer wenigen Wachstumsbranchen mit Steuern in ihrer Existenz zu gefährden.

Jetzt habt ihr ein Lufthansa-Monopol, mit den höchsten Flugpreisen Europas – und nur 83 Prozent der Flüge im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie. Und trotz überall halb leerer Flughäfen senkt ihr die Abgabe nicht wie versprochen auf den Wert von 2024, sondern lasst sie viel höher. Also: Wer hat da Wort gehalten?

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Expansionskurs. Ryanair setzt auf Wachstum aus eigener Kraft: Statt teurer, komplexer Übernahmen bestellt die Airline Hunderte neue Flugzeuge.

 © APA-Images / ChromOrange / Markus Mainka

Also läuft es für Sie doch nicht wie gewünscht in Deutschland?

Ich brauche kein Deutschland. Ich kann warten – bis ihr tatsächlich beginnt, die Steuern zu senken oder sie gleich abzuschaffen wie Schweden.

Wie stark ist Ryanair danach gewachsen in Schweden?

Wir werden unser Angebot dort in den nächsten zwölf Monaten verdreifachen. Und würden es in Deutschland wahrscheinlich innerhalb von etwa zwei Jahren problemlos verdoppeln, solltet ihr die Luftfahrtsteuern abschaffen.

Also bleibt alles beim Alten?

Fürs Erste ja. Denn ihr habt ja nicht nur die Steuer, sondern einen bunten Strauß idiotischer Vorschriften – etwa dass wir Airlines bald mehr nachhaltig erzeugtes Kerosin tanken sollen, als es auf absehbare Zeit gibt. Hinzu kommen extrem teure Sicherheitskontrollen für Passagiere oder die staatliche Flugsicherung.

Wie viel teurer ist denn Fliegen in Deutschland als anderswo?

Die durchschnittlichen Kosten pro Sitz sind etwa doppelt so hoch wie in Schweden, etwa dreimal so hoch wie in Italien und deutlich höher als in Spanien.

Wenn es so schlimm ist, warum wachsen Sie dann in Saarbrücken und Friedrichshafen?

Weil die Verantwortlichen dort wissen, wie sich Flüge für uns trotzdem lohnen.

Und weil diese Flughäfen Ryanair subventionieren.

Nein. Sie investieren in Wachstum und den Wohlstand, den der Flugverkehr in die Region bringt.

Würden Sie ohne Steuer auch nach Frankfurt zurückkehren?

Wenn sie ein wirklich kostengünstiges Terminal bieten – gern. Wir glauben nicht, dass es dazu kommen wird. Was sie an günstigeren Bereichen haben, werden Eurowings und die vielen anderen Lufthansa-Töchter übernehmen. Aber noch mal: Wir müssen nicht in Frankfurt sein. Frankfurt braucht uns mehr als wir Frankfurt.

Aber die großen deutschen Flughäfen wären doch schon heute attraktiv: Aufgrund höherer Ticketpreise würden Sie trotz hoher Kosten dort wahrscheinlich mehr verdienen als anderswo, haben Sie mal gesagt.

Vielleicht. Aber ich möchte nicht an Orte gehen, wo die Preise hoch sind. Ich möchte niedrige Flugpreise bieten, also brauche ich niedrige Kosten. Lufthansa hat in Deutschland mit höheren Kosten und höheren Flugpreisen gewirtschaftet. Als wir in Frankfurt waren, sanken die Lufthansa-Preise. Also haben wir aufgehört, Kapazitäten reduziert. Auch Easyjet hat sein Angebot runtergefahren. Und Wizz Air fliegt kaum noch zu euch.

Möglicherweise kommen Ihnen die Probleme in Deutschland ja ganz gelegen. Sind Ihre Wachstumsmöglichkeiten gerade nicht ziemlich begrenzt, weil Boeing Ihnen weniger Flugzeuge liefert als erwartet?

Das war vielleicht mal so, ist heute aber kein Problem mehr. Im Gegenteil. 2026 wird der erste Sommer seit 2018, in dem wir nicht mit Lieferverzögerungen zu kämpfen haben. Zugleich sehen wir bei Boeing viele Qualitätsverbesserungen. In die Endmontage kommen keine Rümpfe mehr mit Defekten, Löchern oder Dingen, die repariert werden müssen.

Sie setzen große Hoffnungen auf eine neue Langversion der Boeing 737. Bekommen Sie das Flugzeug wie erwartet geliefert?

Die Boeing-Spitze ist zuversichtlich, dass sie im dritten Quartal ihre Zulassung bekommt. Dann sind wir im Januar der dritte Kunde. Das hat uns Boeing gerade erst erneut bestätigt. Und noch etwas: Wir sollen sogar ein paar Flieger früher bekommen. Das heißt, dass wir bereits im Frühjahr 2027 die ersten 15 Max 10 haben sollen.

Und der Hochlauf der Produktion klappt, wie von Boeing versprochen?

Ja. Boeing hofft, dass sie das ab September erreichen. Sie haben im Vergleich zu früher viel mehr Unterstützung vom Transportministerium und von der Aufsichtsbehörde FAA.

Das klingt, als hätten Sie bald einen etwas ruhigeren Job.

Darauf warte ich seit 40 Jahren bei Ryanair. Bislang vergeblich.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 18/2026 erschienen.

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